Die Kreditmarktkrise weitet sich aus, die US-Rezessionsängste bestätigen sich und der Dollar ist auf Tauchstation. Diesem Cocktail können sich die Börsen nicht entziehen. In den kommenden zwei bis drei Monaten rechnen Aktienstrategen denn auch nicht mit einer nachhaltigen Beruhigung an den Aktienmärkten. «Dennoch ist eine kurzfristige Erholung in den nächsten Wochen wahrscheinlich», sagt Thomas Härter, Chief Strategist von Swisscanto.
Denn wegen der auf den ersten Blick tiefen Marktbewertungen könnten positive Überraschungen an den Börsen rasch Kurssteigerungen auslösen. Sei es, dass Konjunkturzahlen aus den USA weniger enttäuschen als erwartet oder der Ölpreis deutlich sinkt. In einer solchen Erholungsphase legen jeweils vor allem diejenigen Titel zu, die zuvor unter die Räder gekommen sind, also etwa die gebeutelten Finanzwerte.
Finanztitel nur optisch billig
Doch bei vielen Finanztiteln sind zuletzt nicht nur die Kurse gefallen, sondern auch die Gewinnschätzungen (siehe Tabelle). «Damit zeigt sich, dass viele Titel nur optisch aufgrund der aufgeblähten Gewinnerwartungen billig waren», so Härter. Bei den Unternehmen ausserhalb des Finanzsektors haben die Analysten ihre Prognosen nur wenig reduziert.
Dies dürfte sich nun aber ändern: Die US-Rezession wird auch in den übrigen Sektoren weltweit die Gewinne schmälern. Sarasin-Aktienstratege Philipp Bärtschi erwartet, dass sich das negative Gewinnwachstum in der Finanzbranche im Laufe des Jahres auf die übrigen Industrien ausweiten wird. Auch die Analysten von Morgan Stanley rechnen mit einer «moderaten» Gewinnrezession.
Gewinnschätzungen sinken
Vor diesem Hintergrund sind die aktuellen Gewinnerwartungen der Analysten noch immer zu optimistisch. Nach Einschätzung der Bank Sarasin sind die Konsens-Schätzungen um bis zu 30% zu hoch. Somit wird der Prozess der Gewinnrevisionen, der nun bereits vier Monate andauert, noch eine Weile anhalten. «Und zwar so lange, bis im Bankensektor Boden gefunden worden ist und die Geldpolitik zu greifen beginnt», erklärt Anastassios Frangulidis, Leiter Volkswirtschaft und Anlagestrategie International bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB).
Anpassungsbedarf nach unten sieht er weiterhin in erster Linie bei den Banken. «Aber auch bei den Grundstoffen und in zyklischen Bereichen wie etwa der IT sind die Gewinnerwartungen derzeit noch relativ hoch.» Die Analysten von Morgan Stanley sehen die grössten Risiken ebenfalls bei Banken und zyklischen Unternehmen.
Defensive Strategien verfolgen
«Bei fallenden Gewinnerwartungen wird die aktuelle Bewertung kaum vor einem weiteren Ausverkauf schützen», erwartet Bärtschi von Sarasin. Viele Experten empfehlen denn auch, in den nächsten zwei bis drei «schwierigen» Börsenmonaten eine defensive Anlagestrategie zu fahren.
Interessant seien vor allem Titel aus den Branchen Gesundheit, nichtzyklischer Konsum und Telekom, in der Schweiz also zum Beispiel die defensiven Schwergewichte Roche oder Nestlé, erklärt Frangulidis von der ZKB. Ähnlich sieht dies Härter von Swisscanto, der auf «Qualitätstitel» und «grosskapitalisierte Aktien» setzt. Typischerweise gewinnen in unsicheren Börsenzeiten auch dividendenstarke Aktien an Attraktivität, am hiesigen Markt etwa Zurich Financial Services (ZFS) oder Swisscom.
Bullenmarkt erst wieder 2009
«Erst eine Wende im Konjunkturzyklus sowie eine Stabilisierung der Krise im Finanzsektor dürften ab Mitte des Jahres wieder zu einem freundlicheren Börsenklima führen», erwartet Bärtschi von Sarasin. Ohne steigende Unternehmensgewinne ist ein lange anhaltender Aufwärtstrend an den Aktienmärkten wenig wahrscheinlich. Ein Bullenmarkt sei erst wieder möglich, wenn die Talsohle erreicht sei und die Unternehmensgewinne wieder zu steigen begännen, heisst es beim US-Broker Morgan Stanley. Und dies dürfte erst irgendwann im nächsten Jahr der Fall sein.