Bei der Commerbank (Schweiz) sprachen Sie von «Liebe auf den ersten Blick». Haben Sie schon ein Auge auf ein weiteres Übernahmeobjekt geworfen?
Herbert Scheidt: Man kann ja nicht gleich zweimal heiraten (lacht).
Manche schon ....
Scheidt: Wir sind aber ein konservatives, beständiges Unternehmen.
Eine so einmalige Verbindung gibt es kein zweites Mal?
Scheidt: Nein, das glaube ich nicht. Wir haben aber immer nur Akquisitionen getätigt, die strategisch sinnvoll sind. Zudem legen wir grossen Wert auf ein Einvernehmen bezüglich Kultur, Verhaltensweisen und Compliance-Anforderugnen zwischen den beiden Unternehmen.
Viele Institute stehen zum Verkauf. Wie viele Dossiers prüfen Sie?
Scheidt: Viele, wir sind beschäftigt. Doch die Frage ist, was wir im Augenblick verdauen können. Erste Priorität ist momentan, die beiden Unternehmen zu verschmelzen.
Lassen Sie damit nicht Gelegenheiten verstreichen? Es heisst, das Fenster für Übernahmen könnte sich in den nächsten sechs bis acht Monaten wieder schliessen ...
Scheidt: Natürlich gibt es Marktteilnehmer, die ein Interesse daran haben, diese Fenster nach ihrem Gutdünken zu öffnen und zu schliessen. In der Finanzindustrie herrscht derzeit sehr viel Bewegung. Von daher werden sich auch in den nächsten 18 bis 24 Monaten immer wieder Gelegenheiten für Zukäufe bieten.
In diesem Jahr halten Sie das Pulver noch trocken?
Scheidt: Grundsätzlich ja. Eine grössere Akquisition, die viele Managementkapazitäten bindet, werden wir wohl nicht realisieren. Das würde den Erfolg der jüngsten Akquisition gefährden. Eine kleinere Übernahme, die leicht integriert werden kann, ist aber denkbar.
Vontobel verwaltet 65 Mrd Fr. Um Ihr Ziel, bis in drei Jahren 100 Mrd Fr. zu erreichen, braucht es grössere Übernahmen.
Scheidt: Wir stecken uns Ziele und wollen diese erreichen. Aber wir wollen nichts übers Knie brechen. Wir haben ein paar 100 Mio Fr., die uns für Akquisitionen zur Verfügung stehen. Und wenn wir ein überzeugendes Objekt finden, würden wir uns auch überlegen, Kapital aufzunehmen.
Vor allem das Private Banking soll mit Zukäufen gestärkt werden. In welchen Märkten schauen Sie sich um?
Scheidt: Insbesondere in unseren Kernmärkten Schweiz und Deutschland.
Die Expansion in Deutschland harzt, Führungskräfte mussten ihre Sessel räumen. Ist die Strategie bisher an der Umsetzung gescheitert?
Scheidt: Das ist überdramatisiert. Wir sind bereits seit 2002 in Deutschland aktiv. Seit rund zwei Jahren treiben wir den Ausbau der Aktivitäten gezielt voran und sind gleich in die grösste Finanzkrise der letzten 70 Jahre geraten.
Wird bald ein Nachfolger für Deutschland-Chef Dirk Drechsler ernannt?
Scheidt: Wir lassen uns nicht drängen. Es ist wichtiger, dass wir einen guten neuen Leiter für Deutschland finden.
Wann wird sich die Expansion nach Deutschland auszahlen?
Scheidt: Schauen Sie mal, was andere Banken in den Aufbau ihrer Onshore-Strategie investiert haben. So etwas kostet und braucht Zeit. Wir denken aber, dass Deutschland in den nächsten drei bis fünf Jahren Gewinne einfährt.
Wie hat sich das Geschäft für Vontobel insgesamt im Juli und August entwickelt?
Scheidt: Über die Geschäftsentwicklung sind wir erfreut. Vor allem der August war ertragsmässig ein sehr guter Monat. Eigentlich erstaunlich, ist doch das 3. Quartal aufgrund der Ferienzeit meist schwächer als andere Quartale.
Wird das Derivategeschäft im 2. Halbjahr ebenso stark ausfallen wie im 1. Semester?
Scheidt: Ja, Juli und August liefen sehr gut, und die Marktentwicklung stimmt uns zuversichtlich für den Rest des Jahres.
Vontobel kommt jetzt zugute, schon früh in der Krise ein Kostensparprogramm eingeleitet zu haben. Ist dieses noch mit einem weiteren Stellenabbau verbunden?
Scheidt: Wir haben über die letzten 18 Monate 8 bis 10% der Stellen gestrichen. Damit ist der Personalabbau praktisch abgeschlossen. Der Grossteil der Sparmassnahmen wird jetzt im 2. Halbjahr verstärkt spürbar sein.
Wie stark spüren Sie dies bei Ihrem Bonus?
Scheidt: Mein Bonus hat sich seit 2008 halbiert.
Das Sparprogramm hat offenbar Kritik an Ihrer Person hervorgebracht ...
Scheidt: Wir alle müssen sparen. Das haben der Verwaltungsrat und die Gruppenleitung gemeinsam entschieden. Aber es ist klar, dass Sparen niemandem Spass macht.
Denken Sie schon an die nächste Sparrunde?
Scheidt: Nein, denn wir haben auf der Kostenseite bereits einen grossen Schritt gemacht. Wir müssen jetzt sehen, wo wir auf der Ertragsseite zu liegen kommen.
Wie werden sich die Erträge entwickeln?
Scheidt: Wir sind vorsichtig. Das Börsenumfeld ist volatil und der Abbau der Fremdverschuldung setzt sich fort. Die Eigenmittelanforderungen der Regulatoren steigen, und damit bieten sich weniger Möglichkeiten, um Geschäfte zu machen. Das alles führt dazu, dass sich die gesamte Industrie zusammenzieht und die Erträge sinken.
Muss Vontobel auf der regulatorischen Seite für die Fehler der Grossbanken büssen?
Scheidt: Ja, aufgrund der Fehler der Grossen werden jetzt die Regularien auch für die Mittelgrossen verschärft. Dies beschränkt unsere Handlungsfähigkeit. Das finde ich aus Schweizer Sicht volkswirtschaftlich bedenklich. Für richtig halte ich dagegen, die mittelgrossen Banken zu stärken, um die Grossen nicht noch grösser werden zu lassen.
Auch die ausländischen Behörden ziehen die Schraube an und prüfen genauer, ob die Gesetze eingehalten werden. Was ist von dieser Seite zu erwarten?
Scheidt: Wir halten die Gesetze in den einzelnen Ländern ein. Die Richtlinien haben sich teilweise verschärft und bedürfen einer schnellen und konsequenten Umsetzung von allen Kundenberatern.
Haben Sie Anfragen von ausländischen Behörden erhalten?
Scheidt: Nein, wir wurden nie kontaktiert.
Rechnen Sie damit?
Scheidt: Ausschliessen lässt sich in unserem Metier nichts.
Im letzten Quartal verursachte ein betrügerischer Vontobel-Mitarbeiter einen Verlust von 5 Mio Fr. Welche Konsequenzen haben Sie gezogen?
Scheidt: Wir haben uns unmittelbar von diesem Mitarbeiter getrennt und die Staatsanwaltschaft informiert. Unser Regelwerk und unsere Prozesse sind aber detailliert und gut etabliert, sodass es hier keiner Anpassungen bedarf. Betrügerisches Verhalten von Mitarbeitern kann bedauerlicherweise nie vollständig ausgeschlossen werden.
Sie wollen nicht zum verlängerten Arm ausländischer Steuerbehörden werden. Geht es Ihnen auch schon zu weit, die Kunden zu fragen, ob Sie Ihr Geld versteuern, wie dies etwa die ZKB tut?
Scheidt: Es ist die Verantwortung eines jeden Kunden, seine Steuern zu entrichten. Wir sind der Anlageberater des Kunden und nicht die internationale Finanzpolizei.