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Zürich (awp/sda) - Die Cisalpino AG, das Tochterunternehmen von SBB und Trenitalia, wird aufgelöst. Ab dem Fahrplanwechsel am 13. Dezember nehmen die beiden Staatsbahnen den internationalen Personenverkehr zwischen der Schweiz und Italien wieder selber in die Hand.
Die Auflösung von Cisalpino sei das "logische Resultat der gemeinsamen Erfahrung in den vergangenen zwei Jahren", sagte Mauro Moretti, Direktor von Trenitalia, am Freitag am Flughafen Zürich vor den Medien. Angesichts der Probleme hätten sich Trenitalia und SBB entschlossen, die Regie auf der Nord-Süd-Achse wieder selbst zu übernehmen.
Pannen und Zugsverspätungen sorgten laut Moretti allzu häufig für Negativschlagzeilen. Verschärft worden seien die Probleme durch die von Alstom noch immer nicht vollständig ausgelieferten neuen Züge des Typs ETR 610. Die zweijährige Verzögerung habe riesigen Schaden angerichtet.
Im vergangenen Februar hatte das Bundesamt für Verkehr (BAV) gar einen Konzessionsentzug angedroht, wenn die Qualität sich nicht deutlich verbessere. Anfang September gab das BAV bekannt, der von Cisalpino eingeschlagene Weg sei "zielführend"; deshalb werde von einem Konzessionsentzug abgesehen.
BESSER, ABER NICHT GUT GENUG
Die Muttergesellschaften hätten sich in den vergangenen Monaten bemüht, zusammen mit der Tochter Cisalpino die Verlässlichkeit des Rollmaterials und die Pünktlichkeit zu verbessern, betonte SBB-Chef Andreas Meyer. Das habe zu einer gewissen Entspannung beitgetragen.
Alle Beteiligten seien sich jedoch bewusst, dass sich der Verkehr noch nicht auf dem gewünschten Qualitätsniveau bewege. Zudem sei man gemeinsam zum Schluss gelangt, dass die langfristig angelegte Verbesserung der Situation nicht im Rahmen der bestehenden Beteiligungsstruktur erreicht werden könne.
Laut Meyer gab es für SBB und Trenitalia zwei Alternativen. Entweder die Bahngesellschaft Cisalpino zu vergrössern oder die Verantwortung für die operative Führung wieder selbst zu übernehmen. Beide Bahnen seien zum Schluss gelangt, dass der zweite Weg der bessere sei.
Der entsprechende Vertrag zwischen Trenitalia und SBB sei am Freitag unterzeichnet worden, stellte der SBB-Chef fest. Ausgehandelt worden sei er schon früher - in einem Kloster in Assisi, wo er gemeinsam mit Moretti für diesen neuen Vertrag gebetet habe.
"Ich bin überzeugt, dass damit der Verkehr von und nach Italien auf eine gute Schiene gestellt wird", zeigte sich Meyer überzeugt. Ziel sei nun, die Qualität Schritt um Schritt zu verbessern. Nicht von heute auf morgen lösbar sei das knappe Trassenangebot auf der Nord-Südachse der Gotthardlinie.
FAHRZEUGFLOTTE WIRD AUFGETEILT
Das neue Angebotskonzept sieht vor, am Lötschberg drei Zugspaare, am Simplon vier und auf der Gotthardlinie sieben Zugspaare zu führen. Dabei wechseln die Lokomotivführer und das Zugspersonal jeweils an der Landesgrenze zur Partnerbahn.
SBB und Trenitalia haben zudem beschlossen, ab dem Fahrplanwechsel vom 13. Dezember die Nachtzüge zwischen der Schweiz und Italien einzustellen. Begründet wird der Schritt mit der anhaltend rückläufigen Nachfrage und der nicht mehr zeitgemässen Qualität des Nachtzugsangebotes.
Die Cisalpino-Fahrzeugflotte wird aufgeteilt. Fünf der insgesamt neun ETR-470-Kompositionen gehen an Trenitalia, vier an die SBB. Die noch nicht ausgelieferten 14 neuen ETR-610-Kompositionen werden zwischen den beiden Bahnen je hälftig aufgeteilt.
Damit die Fahrplanstabilität gewährleistet werden kann, steht zusätzlich jeweils in Zürich und Mailand eine mit Zugspersonal besetzte Reservekomposition bereit. Diese kann bei grösseren Verspätungen der ETR-470-Züge fahrplanmässig eingesetzt werden.
Andreas Meyer geht davon aus, dass die neuen Neigezüge ETR 620 ab Mitte Dezember auf der Simplon- und auf der Lötschberglinie fahrplanmässig eingesetzt werden können. Zudem hofft er, dass die Neigetechnik soweit verbessert werden kann, dass die neuen Züge in absehbarer Zeit auch am Gotthard fahren können.
PERSONAL IST ENTTÄUSCHT
Meyer und Moretti betonten, die Auflösung der Cisalpino werde keine Entlassungen zur Folge haben. Die rund 40 Mitarbeitenden würden von den Mutterbahnen übernommen.
Die Mitarbeiter der Cisalpino AG nahmen den Entscheid von SBB und Trenitalia "mit Enttäuschung zur Kenntnis". Sie würden den Entscheid aber mittragen und alles Mögliche tun, um den reibungslosen Übergang zu gewährleisten, heisst es in einer Mitteilung.
Die Gewerkschaft des Verkehrspersonals SEV begrüsste dagegen den Entscheid, die Cisalpino AG aufzulösen. Es sei eine lange, leidvolle Geschichte, die Cisalpino hinter sich habe, schreibt die Gewerkschaft in einer Mitteilung. Der Entscheid zeige, dass die Liberalisierungs-Euphorie an Glanz verliere.
Cisalpino war 1993 von SBB, Trenitalia und BLS (Bern Lötschberg Simplon Bahn) gegründet worden. Zuletzt waren SBB und Trenitalia daran zu je 50% beteiligt.
mk