Der Schienengüterverkehr hat in den vergangenen Jahren an Attraktivität gewonnen. Wie stark profitierte BLS Cargo 2006 von diesem Trend?
Dirk Stahl: Wir konnten unsere Verkehrsleistung mit plus 15% wiederum stärker steigern als der Gesamtmarkt auf Strasse und Schiene. Während in den vorhergehenden Jahren vor allem der Kombinierte Verkehr massgeblich zum Wachstum beigetragen hatte, war im letzten Jahr auch der konventionelle Verkehr am höheren Transportvolumen beteiligt.
Welche Ziele hat sich BLS Cargo für das Jahr 2007 vorgenommen?
Stahl: Nachdem wir in den vergangenen Jahren jeweils ein sehr starkes Wachstum verzeichnen konnten, rechnen wir im laufenden Jahr mit einer Zunahme in der Grössenordnung von 5 bis 10%, schwergewichtig wieder im Kombinierten Verkehr.
Sind 2007 von BLS Cargo neue Verkehrsverbindungen in Europa geplant?
Stahl: Wir haben im Dezember letzten Jahres neue Verbindungen im Kombiverkehr zwischen Hamburg, Bremen/Bremerhaven und dem Terminal in Rekingen aufgenommen. Zudem wollen wir in Zukunft in noch stärkerem Masse auf die speziellen Transportbedürfnisse unserer Kunden eingehen und für diese partnerschaftliche Gesamtlösungen, sowohl im Transit wie auch im innerschweizerischen Verkehr, realisieren.
Können in der Schweiz Verkehrsangebote auf der Schiene gemacht werden, die auch rentabel sind?
Stahl: Es braucht da schon intelligente Lösungen abseits der heute eingefahrenen Produktionsstrukturen. Zudem müssen auch die Kunden bereit sein, ihre Bahnlogistik gemeinsam mit BLS Cargo weiterzuentwickeln, sodass daraus eine Win-win- Situation entsteht. Wir spüren aber, dass hierzu immer mehr Kunden bereit sind.
Die Erweiterung der EU schreitet zügig voran. Hat dies Auswirkungen auf die Strategie von BLS Cargo?
Stahl: Ost- und Mitteleuropa stehen nicht unbedingt im Fokus unserer Tätigkeit. Hier kann am ehesten unsere Zusammenarbeit mit Railion zu neuen Verkehrsverbindungen führen. Wir verfolgen die Entwicklung des Ost-West-Verkehrs, doch konkrete Pläne, uns hier zu engagieren, existieren derzeit keine. Wir prüfen jedoch neue Verkehrverbindungen in Frankreich, hier ergeben sich neue Möglichkeiten beispielsweise auf der linksrheinischen Route.
Der Lötschberg-Basistunnel ist seit einigen Monaten durchgehend befahrbar für Versuchsfahrten. Wie sehen die bisherigen Erfahrungen aus?
Stahl: Erfreulich ist, dass die verschiedenen geplanten Test- und Versuchsphasen im Zeitplan liegen. Derzeit finden Testfahrten unter der Leitung von BLS Alptransit statt. Dazu gehören auch Tests des neuen Zugsicherungssystems ETCS; mit diesem werden alle unsere Lokomotiven bis Ende dieses Jahres ausgerüstet sein. Am 15. Juni 2007 findet die grosse
Eröffnungsfeier statt, danach wird der Tunnel der BLS übergeben. Ab diesem Datum wird etwa die Hälfte aller kommerziellen BLS-Cargo-Güterzüge den Tunnel befahren.
Wann rechnet BLS Cargo mit einer vollen Nutzung des Tunnels?
Stahl: Ab dem Fahrplanwechsel im Dezember 2007 beginnt die volle Nutzung mit Personen- und Güterzügen.
Mit welchen Frequenzen ist ab Dezember zu rechnen?
Stahl: Vorgesehen sind 110 Trassen pro Tag durch den Lötschberg-Basistunnel, davon werden 72 Trassen für den Güterverkehr und der Rest für den Personenverkehr vergeben. Mit dieser Aufteilung können wir zufrieden sein. Diese erhöhte Kapazität verbessert unser Angebot, und wir sind damit auch in der Lage, unsere Traktion zu optimieren und zum Teil Züge bis 1600 t ohne Schiebelokomotive bis Brig
fahren zu können.
Wie ist der Stand der Dinge bei den notwendigen Ausbauten im Raum Domodossola/Iselle, damit der zusätzliche Verkehr auch abfliessen kann?
Stahl: Es existiert eine fixierte Planung der Ausbauten. Zur vollen Abnahme des gefahrenen Güterverkehrs auf der Achse sind einige eher kleinere Investitionen wie Transitgeleise im Bahnhof Domodossola sowie Profilausbauten für High Cube Container an der Strecke entlang des Lago Maggiore notwendig. Wir gehen jedoch davon aus, dass diese Ausbauten bis zum Jahr 2011 auch realisiert werden können.
Wie steht es im Norden mit Ausbauten?
Stahl: Notwendig ist dort der Ausbau der Strecke zwischen Basel und Karlsruhe. Die Gelder dafür sind gesprochen und der Endausbau ist für 2015 vorgesehen. Längerfristig betrachtet müssen wir meiner Meinung nach aber auch Überlegungen anstellen, ob man nicht doch einen doppelspurigen Ausbau des Lötschberg-Basistunnels ins Auge fassen müsste.
Stichwort Qualität und Pünktlichkeit: Sind dank der durchgehenden Traktion Verbesserungen spürbar?
Stahl: Wir konnten die Pünktlichkeit nicht zuletzt dank der direkten Traktion in jüngster Zeit weiter verbessern. Wir haben 2006 beispielsweise rund 80% unserer RoLa-Züge mit einer Zeitabweichung von maximal einer halben Stunde gefahren.
Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit der DB-Tochtergesellschaft Railion, die mit 20% an BLS Cargo beteiligt ist?
Stahl: Wir produzieren derzeit alle Transitzüge durch die Schweiz gemeinsam mit Railion und Stinnes mit maximaler Produktionsverzahnung; wir können sagen, dass diese Zusammenarbeit sehr gut funktioniert. Sie soll in Zukunft weiter intensiviert werden.
In Italien verfolgt BLS Cargo eine Partnerschaftsstrategie mit drei Bahngesellschaften, mit Nordcargo, Trenitalia und Railion Italia. Zugleich wurde die Tochter BLS Cargo Italia gegründet. Welche Strategie verfolgt BLS Cargo in Italien?
Stahl: Die Zusammenarbeit mit den drei erwähnten Bahnen wird weitergeführt, denn wir wollen derzeit nicht als eigene Bahngesellschaft für Streckentraktion in Italien aktiv werden. Aber wir haben auch festgestellt, dass man an den Grenzpunkten wie Chiasso oder Domodossola selber vertreten sein muss. Dafür haben wir die italienische Tochtergesellschaft in Domodossola gegründet, welche für uns die Züge nach und von Italien im operativen Bereich, so der Grenzbehandlung oder der Qualitätssicherung, betreut.
Verkehrsminister Moritz Leuenberger erklärte in einem Interview, dass er
die Bundesanteile an BLS Cargo verkaufen wolle. Wie hat man dies aufgenommen?
Stahl: Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass der Bund an der BLS beteiligt ist und nicht etwa an BLS Cargo. Die Diskussion um die Bundesanteile muss im Zusammenhang mit der Absicht der BLS und des Bundes gesehen werden, die BLS-Infrastruktur in eine gemeinsame Tochtergesellschaft einzubringen. Hieran angeknüpft wurde die politische Frage, ob es sinnvoll sei, dass der Bund an zwei Cargo-Gesellschaften, nämlich an SBB Cargo und BLS Cargo, direkt beziehungsweise indirekt beteiligt ist. Wir sind hier offen, aber könnten nicht akzeptieren, wenn der Bund durch polarisierende Positionen direkt oder indirekt in den Wettbewerb zwischen BLS Cargo und SBB Cargo eingreifen würde.
Anderseits besteht aber auch noch die Option der Railion, ihre Beteiligung an BLS Cargo von derzeit 20 auf 34% aufzustocken. Gibt es hierfür konkrete Pläne?
Stahl: Diese Frage wird noch in diesem Jahr diskutiert.
Die Bahnliberalisierung sieht eine strikte Trennung zwischen Infrastruktur und Traktionären vor. Welche Haltung hat BLS Cargo zu dieser Frage?
Stahl: Derzeit funktioniert die Liberalisierung in der Schweiz nach unserer Meinung sehr gut. Die Verantwortung für Infrastruktur und Betrieb wird sowohl bei den SBB wie auch bei der BLS in integ-rierten Bahnunternehmen wahrgenommen. Was wir erwarten ist allerdings, dass bei der Forderung zur Änderung dieses Grundsatzes diese dann bei beiden Gesellschaften, also SBB und BLS, gleichermassen angewendet wird.
Welche Folgen hat die Kürzung der Subventionen für die Trasseverbilligungen für BLS Cargo ?
Stahl: Im konventionellen Verkehr ändern sich die Trassenpreise in Zukunft massgeblich. Davon sind wir auch betroffen; wir versuchen, darauf intern und gemeinsam mit den Kunden zu reagieren. Im Kombiverkehr sind die Rahmenbedingungen bis 2011 relativ klar und verkraftbar. Entscheidend sind jedoch die Rahmenbedingungen ab 2011, die derzeit diskutiert werden. Von diesen politischen Entscheiden hängt die Zukunft des Schienenverkehrs in hohem Mass ab. Die von der Politik geforderte Verlagerungspolitik kann nur erfolgreich realisiert werden, wenn zumindest bis zur Eröffnung der
Neat am Gotthard der Schienengüterverkehr mit finanziellen Mitteln in ähnlichem Ausmass wie heute unterstützt wird.