Eine Hand voll Manager in ein paar wenigen erfolgreichen Branchen beziehen ausserordentlich viel Geld und werden dafür zunehmend kritisiert. Zu Recht?
Peter Ulrich: Selbstverständlich werden sie zu Recht kritisiert. Und zwar unter fast jedem denkbaren Gesichtspunkt sowohl marktwirtschaftlich als auch gesellschaftspolitisch betrachtet.
Gerne werden im Zusammenhang mit extrem hohen Managerbezügen Sportler oder Filmstars als Vergleich herangezogen die verdienen noch mehr, und keiner regt sich auf. Wo ist der Unterschied?
Ulrich: Spitzensportler oder gewisse Stars weisen einen eklatanten Unterschied auf: Bei ihnen handelt es sich in aller Regel wirklich um Ausnahmetalente. Und es wäre doch ziemlich anmassend, wenn Spitzenmanager von sich behaupten würden, ähnlich rare Talente zu besitzen.
Wieso?
Ulrich: Weil sie aus Konstellationsglück in ihre Positionen gelangt sind, zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren oder von den richtigen Leuten portiert worden sind und kaum je nur wegen ihrer einzigartigen Leistung.
Diese Manager wären somit leicht ersetzbar.
Ulrich: Sie sind in jeder Hinsicht leicht ersetzbar: Erstens gibt es genügend fähige Leute, die dieselben Aufgaben erfüllen könnten. Und zweitens für weniger Geld. Das Ganze zeigt eine Entartung in Richtung einseitiger monetärer Anreize. Dies führt dazu, dass heute zum Teil die falschen Leute in die Spitzenpositionen kommen solche, die nicht intrinsisch motiviert sind, sondern geldgetrieben.
Das Hauptargument für hohe Bezüge lautet aber oft, es gebe eben nicht genügend qualifizierte Talente, man müsse sich an den Konkurrenten ausrichten, die Saläre seien vom Markt bestimmt.
Ulrich: Dieses Argument ist falsch. Es lässt sich eindeutig belegen, dass die Bezüge der obersten Führungskräfte schlicht Referenzlöhne sind. Das heisst: Die obersten Führungskräfte vergleichen sich mit ihresgleichen und schaukeln ihre Ansprüche so wechselseitig hoch. Wenn die Bezüger der Supergehälter sich mit dem Markt rechtfertigen, ist das übrigens ein sehr seltsames Argument: Gäbe es tatsächlich einen funktionierenden Markt für Topmanager, so müssten doch, wie immer bei wirksamem Wettbewerb, die Preise in diesem Fall die bezahlten Löhne sinken.
Wer soll denn nun bestimmen, wie viel der Geschäftsleiter einer börsenkotierten Gesellschaft verdient der Verwaltungsrat, die Aktionäre, die Politiker, die Ethiker?
Ulrich: Die Ethiker sicher nicht. Auch der Verwaltungsrat ist keine hinreichende Instanz, fehlt ihm doch die reale Unabhängigkeit. Bleiben in erster Linie die Eigentümer, also die Aktionäre. In zweiter Linie sind grosse Unternehmen aber keine private Angelegenheit, sondern sie sind gesellschaftliche Wertschöpfungsveranstaltungen im Dienst einer Vielzahl von Anspruchsgruppen, also nicht nur der Shareholder. Das bedeutet, dass durchaus auch die demokratische Öffentlichkeit mitzureden hat.
In Form von Gesetzen?
Ulrich: Genau. Der gesetzliche Rahmen, innerhalb dessen unternehmerische Freiheit besteht, muss neu definiert werden.
Eigentlich sind Auswüchse aber relativ selten: Die überwiegende Mehrheit von Unternehmensleitern gibt sich bescheidener.
Ulrich: Völlig korrekt. Wir haben heute eine gespaltene Wirtschaft. Die meisten Firmenchefs leiten KMU und haben oft noch ein paternalistisches Ethos das heisst, sie fühlen sich für ihre Firma umfassend verantwortlich und wollen nicht möglichst viel Geld herausholen. Dieses Ethos geht angestellten Managern meistens ab.
Wenn nun, wie Sie fordern, die Aktionärsrechte gestärkt und die gesetzlichen Vorgaben verschärft werden, dann beantwortet dies die Frage nicht, wie ein als gerecht empfundener Lohn zustande kommt.
Ulrich: Klar ist, dass die Selbstregelung der Privatwirtschaft in dieser Frage nicht hinreichend ist wir brauchen also eine gesetzliche Regelung. Und diese muss in erster Linie die Aktionärsrechte stärken. Trotzdem bin ich nicht der Meinung, dass die Generalversammlung unmittelbar über absolute Gehaltszahlen entscheiden soll, da die Gefahr der Willkür besteht.
Sondern?
Ulrich: Ich plädiere dafür, dass die GV die Kompetenz erhalten soll, über konkrete und detaillierte Entschädigungsrichtlinien für den Verwaltungsrat und die oberste Führungsebene zu bestimmen. Dazu gehört die zwingende Festlegung einer maximalen Lohnspanne zwischen den Durchschnittsgehältern der obersten und jener der untersten Ebene jeder Firma.
Heute verdienen gewisse CEO mehr als das 400-Fache eines Angestellten. Was wäre eine nachvollziehbare Spanne?
Ulrich: Das muss die Generalversammlung jeder Gesellschaft für sich und jedes Jahr neu festlegen. Ich würde ein Verhältnis von maximal 1:50 als sinnvoll erachten. Dieser Massstab wäre nicht nur praktikabel, er wäre auch betriebswirtschaftlich absolut zweckmässig, und vor allem würde er dem Gerechtigkeitsempfinden der breiten Bevölkerung entsprechen.
Wo lernen zukünftige Manager eigentlich, sich ethisch zu verhalten?
Ulrich: Wir werden in Zukunft eine Professionalisierung des Managements brauchen. Schwer kontrollierbare Berufsgruppen mit viel Macht und Verantwortung benötigen nicht nur ein professionelles Know-how, sondern auch ein professionelles Ethos, wie wir es im Prinzip von Ärzten oder Anwälten kennen.
Und dieses Ethos vermittelt die HSG den künftigen Unternehmensführern.
Ulrich: Es ist immerhin auf allen Unterrichtsstufen ein Wahl-Pflichtfach eines neben anderen. In den Business Schools der USA gehört praktisch flächendeckend ein Kurs in Business Ethics dazu.
Dennoch kommen die grössten Skandale jeweils aus den USA.
Ulrich: Das ist richtig. Man sollte die Wirkungsmacht von Bildung nicht überschätzen. Sie ist eine notwendige, aber keine hinreichende Massnahme. Es braucht auch institutionelle Rückenstützen: Verantwortungsförderliche Führungssysteme in den Unternehmen und klare ordnungspolitische Spielregeln.
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Zur Person: Steckbrief
Name: Peter Ulrich
Funktion: Gründer und Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik der HSG
Alter: 58
Familie: Verheiratet, zwei erwachsene Kinder
Karriere:
- Seit 1987 ordentlicher Professor für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen (HSG)
- 1992-1996 Member of the Executive Board des European Business Ethics Network (EBEN)
- Seit 2004 Mitgründer und Mitglied des Stiftungsrats der «Stiftung sozial-verantwortliche Wirtschaft» SSW
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Management-Saläre: Wer das heutige System kritisiert
Christoph Blocher
Der Bundesrat kritisiert goldene Fallschirme und Anstellungsbedingungen, wie sie Novartis-CEO Daniel Vasella geniesst. «Als Unternehmer würde ich dies wahrscheinlich ändern», sagte Blocher jüngst in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag». Kein Wunder, setzt sich Blocher bei der Revision des Aktienrechts dafür ein, dass die Aktionäre mehr Einfluss bekommen. «Der Schutz des Eigentums bei den grossen Aktiengesellschaften funktioniert heute schlecht.» Darum sollen im revidierten Aktienrecht die Eigentümer mehr Einfluss bekommen. Ginge es nach Blocher, müssten die obersten Manager ihre Bezüge offen legen. Blocher glaubt, dass die laufende Revision auch die Anhänger der Volksinitiative «gegen die Abzockerei» zufrieden stellen könnte.
Dominique Biedermann
Zur Glaubwürdigkeit der Lohnpolitik eines börsenkotierten Unternehmens gehöre Transparenz, so die Meinung des Direktors der Anlagestiftung Ethos. Er fordert, dass die Prinzipien und Mechanismen der Managerlöhne detailliert beschrieben werden sollten. Zudem soll nicht nur der Verwaltungsrat über die Löhne der Manager entscheiden können, sondern sie sollen auch der Generalversammlung (GV) für eine konsultative Abstimmung vorgelegt werden können.
Karl Hofstetter
Der Titularprofessor für Privat- und Wirtschaftsrecht an der Universität Zürich thematisierte bereits 2006 in der «NZZ» die Management-Entschädigungen: «Aus praktischer Perspektive spricht zwar vieles gegen eine Einmischung der GV in Salärfragen. Überlegenswert wäre dagegen eine Kompetenz der GV zur Bestimmung der Mitglieder eines Kompensationsausschusses.»
Stephan Hostettler
Die Idee eines Kompensationsausschusses unterstützt auch der auf Management-Löhne spezialisierte Berater: «Deren Mitglieder sollten unabhängig gewählt werden», sagt Hostettler. Er warnt davor, Kompetenzen des Verwaltungsrats an die GV weiterzugeben, so wie es Bundesrat Blocher und Ethos-Direktor Biedermann vorschlagen. Hostettler: «Das löst die Probleme nicht.» Vielmehr liege die Krux in der mangelnden Transparenz betreffend Salärmechanismen.