Die Diskussionen über einen Rücktritt des Swiss-Re-Chefs Jacques Aigrain dürften nach den Quartalsergebnissen nicht verstummen. Der Schweizer Rückversicherungskonzern hat zwischen Juli und Ende September 2008 entgegen den Erwartungen der Finanzanalysten einen Verlust von 304 Mio Fr. erzielt. Zudem haben auch die gemeldeten Wertberichtigungen und Abschreibungen die Annahmen übertroffen (siehe Kasten). Schliesslich hat Swiss Re das Aktienrückkaufprogramm infolge der hohen Volatilität an den Finanzmärkten vorübergehend eingestellt.
Die Aktie hat am Dienstag zunächst mit massiven Verlusten reagiert, drehte dann aber im positiven Marktumfeld deutlich ins Plus. Dennoch sind die Aussichten nicht rosig. Stefan Schürmann, Analyst bei der Bank Vontobel, sieht schwierige Zeiten auf Swiss Re zukommen: «Wir sind der Meinung, dass das 4. Quartal trotz zahlreicher Absicherungen und Schutzmassnahmen der Investitionen noch schlechter ausfallen wird.» Der Stopp des Aktienrückkaufprogramms deute auf die schwierige Kapitallage auf den zurzeit unberechenbaren Finanzmärkten hin.
Die Branche spekuliert bereits
Diese Nachrichten aus Zürich sind Wasser auf die Mühlen der Aigrain-Kritiker. Seit Wochen mehren sich Stimmen von Investoren, Brokern, Analysten und Swiss-Re-Mitarbeitern, die über einen Abgang des Konzernchefs spekulieren. Die Frage, die zuletzt am Treffen der Rückversicherungsbranche Ende Oktober in Baden-Baden diskutiert wurde, lautet: Wann und wie wird sich der Konzern vom Chef trennen? Denn, so das zentrale Argument: Der ehemalige Investmentbanker Aigrain ist nicht der Mann, der das angeschlagene Vertrauen der Swiss Re wiederherstellen kann.
Der Rückversicherer ist neben den Banken einer der grossen Verlierer der Finanzmarktkrise. Swiss Re war ebenfalls im US-Subprime-Markt investiert, der die Krise auslöste, und musste mit den strukturierten Credit Default Swaps (CDS) Milliardenabschreiber vornehmen. Der Verlust sei eine einmalige Panne gewesen, beteuerte Aigrain. Das nahmen ihm die Investoren nicht ab.
Er hat in den vergangenen Jahren den Bereich Financial Services massiv verstärkt und das Geschäft auf Finanzdienstleistungen ausgeweitet. Die Folge: Swiss Re wird bei Investoren nicht mehr nur als traditioneller Rückversicherer, sondern auch als Bank wahrgenommen, die Risiken an den Kapitalmarkt transferiert. Zudem galt der Bereich Financial Services, der in die verheerenden Kreditderivate investierte, lange Zeit wegen der komplexen Anlagen als «Blackbox» des Konzerns. Kommt hinzu, dass Swiss Re jedes Quartal neue CDS-Abschreiber bekanntgeben muss, womit das Thema ständig präsent bleibt. Mitterweile sind es total 2,8 Mrd Fr.
VR segnete Aigrains Strategie ab
Aigrains Vorwärtsstrategie war vom Verwaltungsrat abgesegnet. Vizepräsident Walter Kielholz, der die Credit Suisse präsidiert und bei Swiss Re der starke Mann im VR ist, holte Aigrain an die Spitze des Rückversicherungskonzerns mit konkreten Vorgaben: Erstens den seit Jahren dümpelnden Aktienkurs in die Höhe zu treiben, zweiten profitables Wachstum zu generieren und drittens den verschlafenen Konzern zum finanzstarken Branchenprimus zu schmieden.
Der Beginn war vielversprechend: 2006, also in jenem Jahr, in dem Aigrain Konzernchef wurde, verdoppelte Swiss Re den Reingewinn und integrierte erfolgreich den US-Rückversicherer General Electric Insurance Solutions. 2007 stand im Zeichen der US-Immobilienkrise, die sich dieses Jahr in eine globale Finanzkrise ausgeweitet hat. Von den Verwerfungen an den Märkten ist Swiss Re besonders hart betroffen, aber nicht nur: Swiss Re steckt in der grössten Vertrauenskrise ihrer 145-jährigen Geschichte.
Stefan Lippe in den Startlöchern
Der Swiss-Re-VR hat Anfang September mögliche Weichen gestellt. Anfang September wurde der langjährige Kadermann Stefan Lippe zum Stellvertreter Aigrains und zum COO bestimmt. Lippe war Leiter von Reinsurance Products und ist ausgewiesener Kenner des Rückversicherungsgeschäfts, also des Swiss-Re-Kerngeschäfts. Falls Aigrain den Konzern verlassen sollte – aus eigenem Antrieb oder auf Druck des VR –, dann gilt Lippe in Versicherungskreisen als Favorit für den CEO-Posten.