Der grösste Lebensversicherer der Schweiz, Swiss Life, hat 2008 einen Rekord gebrochen - allerdings keinen, auf den der Konzern stolz sein darf: Er hat an der Börse 72,6% an Wert verloren und ist damit der grosse Verlierer des Swiss Market Index. Natürlich hat die Finanzkrise auch den Swiss-Life-Anlagen tiefrote Zahlen beschert. Aber nicht nur: Der Lebensversicherer wurde an der Börse abgestraft, weil strategische Zukäufe auf Kritik, Unverständnis und Ablehnung stiessen.
Rolf Dörig muss sich erklären
Für den ehemaligen CEO und designierten Verwaltungratspräsidenten Rolf Dörig, der für die schlechte Performance die Mitverantwortung übernehmen muss, steht ein Jahr der Bewährung bevor: Er muss die Investoren davon überzeugen, dass der Kauf des deutschen Finanzdienstleisters AWD richtig war. Er muss darlegen, was Sinn und Zweck des Einstiegs bei MLP war, ebenfalls ein Finanzdienstleister aus Deutschland. Und er muss widerlegen, dass er vom charismatischen AWD-Gründer Carsten Maschmeyer, der mittlerweile 6,2% an Swiss Life besitzt, über den Tisch gezogen wurde.
Das sind viele offene Baustellen in der gegenwärtig ohnehin schon angespannten Situation. Nachdem Swiss Life Ende 2008 eine Gewinnwarnung sowie einen Stellenabbau bekanntgab, das Aktienrückkaufprogramm stoppte und Massnahmen zur Stärkung der Bilanz und der Solvabilität ergriff, will der Konzern im März 2009 neue Unternehmensziele kommunizieren. Zudem will er erklären, wie er sich aus der verzwickten MLPSituation befreien will.
Denn Swiss Life hat sich mit dem MLP-Aktienpaket (24,3%), das sie von Carsten Maschmeyer erwarb, ein Riesenproblem eingehandelt. Dem AWD-Gründer schwebt nämlich vor, den grössten unabhängigen Finanzdienstleister Europas zu schmieden. Die MLP-Führung widersetzt sich energisch dem Ansinnen Maschmeyers und wiederholt bei jeder Gelegenheit, dass die Swiss-Life-Kapitalbeteiligung in diesem Umfang keinen Sinn mache und eine Fusion nicht in Frage komme. Für MLP gibt es nur eine Lösung: Swiss Life müsse ihre Beteiligung drastisch senken.
Der Schweizer Lebensversicherer steht in diesem Kleinkrieg mit dem Rücken zur Wand. MLP hat als Reaktion die aktive Vermittlung von Vorsorgeprodukten des Schweizer Versicherers eingestellt. Swiss-Life-CEO Bruno Pfister hat gegenüber der «Handelszeitung» eingeräumt, dass das Thema MLP Top-Priorität hat. Anzeichen deuten darauf hin, dass Swiss Life einen Teilrückzug vorbereitet.
Integration dauert 42 Kilometer
Die zweite Grossbaustelle betrifft die Integration von AWD. Die Ziele, die Swiss Life verkündet hat - Steigerung des Umsatzerlöses auf 1 Mrd Euro bis 2012 -, sind ambitiös. Swiss Life will mit AWD zunächst in Deutschland, in Tschechien und in der Schweiz wachsen. Verluste verzeichnen dagegen die Tochtergesellschaften in Grossbritannien und in Österreich.
Zudem muss AWD stark in Marketing, Ausbildung und Rekrutierung investieren, um das Image aufzupolieren und neue Berater zu finden. Offen ist ferner die Frage, wie die beiden Vertriebskanäle von Swiss Life und AWD autonom nebeneinander funktionieren oder ob sie nicht eines Tages zusammengelegt werden könnten.
Schliesslich prallen zwei Welten und Unternehmenskulturen aufeinander, die zu integrieren es viel Zeit und Geduld braucht. Bei Swiss Life verwendet man deshalb gerne das Bild des Marathonläufers, dessen Leistung nicht schon bei 5 km, sondern erst nach 42 km gemessen wird. Ob Dörig ein Marathonläufer ist, ist nicht bekannt - einen langen Atem braucht er auf jeden Fall.