An nur einem Sonntag verschwinden gleich zwei grosse Investmentbanken in den USA von der Bildfläche. Ein denkwürdiger Tag?
Joseph Stiglitz: Sicherlich. Wenn Firmen mit mehr als 100jähriger Geschichte kollabieren, zeigt das, wie dramatisch diese Krise ist. Und es zeigt, wie gigantisch das Fehlverhalten der Finanzinstitutionen war.
Sind die Banken selber schuld?
Stiglitz: Es gibt mehrere Gründe. Die Bush-Regierung hat 2001 die Steuern deutlich gesenkt und führt zwei teure Kriege in Afghanistan und im Irak. Um die Wirtschaft auf Wachstum zu halten, musste die Zentralbank die Zinsen niedrig halten. Die daraus resultierende übermässige Liquidität hat gemeinsam mit lascher Regulierung der Finanzmärkte zu der Immobilienblase geführt. Und dank dieses Systems hat eine Menge Leute in den Banken mit exotischen Wertpapieren sehr viel Geld verdient. Die Wall Street hat ihre Bonuszahlungen dafür vorab erhalten, bevor der Markt zusammengebrochen ist. Niemand hat den Prozess gebremst.
Aber es gibt auch viele amerikanische Familien, die Kredite aufgenommen haben, die sie niemals hätten zurückzahlen können.
Stiglitz: Aber genau das hätte das Warnsignal für die Finanzaufsichtsbehörden sein müssen. Sie hätten sich fragen müssen: Wie kann es sein, dass Banken armen Leuten Geld schenken und trotzdem daran verdienen? Und den Finanzinstitutionen werfe ich vor, dass sie nicht als Risiko erkannt haben, dass die Schuldenlast wesentlich schneller gestiegen ist als die mittleren Einkommen.
Die Bank Bear Stearns sowie die Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac wurden mit Steuergeldern gerettet. Hat US-Finanzminister Henry Paulson die richtige Entscheidung getroffen, bei Lehman Brothers nicht in die Staatskasse zu greifen?
Stiglitz: Die beiden Rettungsaktionen wurden mit den systemischen Risiken begründet, die von den Pleiten der Häuser ausgehen könnte. Doch es gibt zumindest im Fall von Bear Stearns keine Transparenz darüber, ob diese Risiken wirklich bestanden haben. In einem Fall zu helfen und im anderen nicht, zeigt die Prinzipienlosigkeit der Regierung. Wie kann es sein, dass eine republikanische Regierung die Verstaatlichung von Fannie Mae und Freddie Mac, der sozialistischste Regierungsakt seit Jahrzehnten, vollzogen hat?
Hat das kapitalistische Leitbild von der Selbstheilungskraft der Märkte ausgedient?
Stiglitz (lacht): Der Vorteil dieser Ideologie ist, dass im Zweifelsfall nicht dran geglaubt wird. Etliche Risiken sind gerade sozialisiert worden, müssen also von den Steuerzahlern aufgefangen werden. Washington kennt derzeit einfach keine Ausgabenbremse und treibt die Staatsverschuldung rasant nach oben.
Glauben Sie, mit den Ereignissen von diesem Wochenende ist das Ende der Krise besiegelt?
Stiglitz: Nein, wir sind höchstens zur Hälfte durch. Denn die grundlegenden Ursachen wirken weiter. Die Immobilienpreise in den USA fallen weiter, und dadurch platzen immer noch mehr Immobiliendarlehen. Was ich von der Wall Street höre, ist, dass als Nächstes durchaus einige Hedge-Fonds gefährdet sein könnten.
Wird die US-Wirtschaft noch stärker unter der Finanzkrise leiden?
Stiglitz: Eine Rezession steht eigentlich ausser Frage. Sie wird manche Branchen schwerer treffen als andere und somit nicht ganz so tief ausfallen. Aber bevor es eine Erholung der Wirtschaft gibt, wird es in jedem Fall dauern.
Welche Auswirkungen hat das auf den Rest der Welt?
Stiglitz: Bis vor ein, zwei Jahren wurde in Europa und Asien viel über «Entkopplung» geredet. Damit ist gemeint, dass die Globalisierung den Einfluss der USA auf das weltweite Wirtschaftswachstum gemildert hat. Das entpuppt sich als unrichtig. Es sieht ja so aus, dass Deutschland in einer Rezession steckt. Das hängt unter anderem mit dem schwachen Dollar zusammen, der die starke deutsche Exportwirtschaft lahmt.
Wird der nächste US-Präsident die Krise abmildern können?
Stiglitz: Sollte der Republikaner John McCain gewählt werden, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass sie länger dauern wird als unter Barack Obama.