25.11.2009 | 05:30
ALFRED STREBEL
Von:
Interview: Kurt Speck
Foto:
Bild: ZVG
 

«Die komplexen Produkte sind out»

Der Managing Director Fidelity International Schweiz und Österreich erwartet einen anhaltenden Ausscheidungsprozess in der Fondsbranche. Bei den Hedge-Fonds dürfte nur ein Drittel überleben. Die Anlagestrategie richtet sich verstärkt auf qualitativ erstklassige Titel aus.

 

Nebenartikel:

Massive Vermögensverluste haben das Vertrauen der Fondsanleger untergraben. Was braucht es, damit wieder investiert wird?

Alfred Strebel: Notwendig ist ein besseres Verständnis der Anleger für den Markt. Die Leute müssen noch besser über die Zyklen an den Börsen aufgeklärt werden. Die Banken, Vermögensverwalter und Fondsgesellschaften dürfen ihre Produkte nicht einfach willkürlich verkaufen. Es gehört zu ihren Aufgaben, die Kunden über den aktuellen Stand im Investitionszyklus zu informieren.

Die Börsen haben sich von den Tiefstständen im Frühling erholt. Trotzdem bleiben einzig Cash und Geldmarktfonds die Anlagefavoriten. Wann ändert sich das?

Strebel: Es ist für einen Investor psychologisch schwierig zu kaufen, wenn die Nacht am dunkelsten ist. Gewiefte Anleger, wie etwa Warren Buffett, verdienen Geld in solchen Extremsituationen. Immerhin haben sich die Aktienkurse seit dem vergangenen März je nach Land zwischen 50 und 110% erholt. Die Börse nimmt aber eine wirtschaftliche Erholung vorweg.

Die Prognosen bleiben weiterhin gedämpft.

Strebel: Ja, im makroökonomischen Bereich ist noch vieles ungewiss, sonst wären die Notierungen bei den Risikopapieren noch stärker nach oben geschnellt. Jetzt gilt es, mit einem Value-Ansatz auf Qualitätstitel zu setzen und nicht nur «High beta»-Aktien zu kaufen.

Die Branche hat in der Boomphase laufend neue Produkte lanciert. Zuletzt waren es die 130/30 Long/Short-Fonds. Was ist nach der Krise gefragt?

Strebel: Der Anleger ist in der jüngsten Erholungsphase mit «Long-only»-Produkten am besten gefahren. Bei Fidelity sehen wir die Chancen im derzeitigen wirtschaftlichen Umfeld vor allem in Fonds, die auch «short» gehen können. Das sind aber keine starren 130/30-Vehikel, sondern solche, welche die Short-Positionen flexibel einsetzen können. Generell sind alle komplexen und intransparenten Produkte out, die vom Anleger nicht verstanden werden.

Was heisst das für die Hedge-Fonds?

Strebel: Viele Hedge-Fonds wurden bereits geschlossen. Insgesamt dürfte rund ein Drittel gut gemanagter Hedge-Fonds überleben. Mit einer Nachfrage können nur jene Produkte rechnen, die auf Transparenz und Nachhaltigkeit setzen. Es geht nicht an, dass ein Fondsmanager in günstigen Börsenzeiten für zwei bis drei Jahre einen Fonds auflegt, kräftig Gebühren kassiert und beim ersten Kurstaucher vom Markt verschwindet.

Wo sind diese zukunftsträchtigen Hedge- Fonds anzusiedeln?

Strebel: Solche Produkte wird es in allen Schattierungen geben, sowohl im Bereich Makro, Relative value oder Arbitrage wie auch in Form von 130/30-Fonds. Der Begriff «Hedge» wurde in dieser Finanzmarktkrise allerdings stark relativiert. Die Hedge-Fonds konnten sich der extremen Abwärtsbewegung ebenfalls nicht entziehen.

Weltweit mussten zahlreiche Anlagefonds und Gesellschaften die Segel streichen. Ist der Ausscheidungsprozess schon beendet?

Strebel: Die Marktbereinigung wird noch eine Weile andauern. Es gibt noch immer zu viele Fonds. Das Management und Research für diese Finanzinstrumente ist aufwendig. Zahlreiche Produkte sind durch den Vermögensverlust auch schlicht zu klein. Manche Fondsmanager müssen sich auch fragen, weshalb sich keine neuen Investoren für ihre Vehikel interessieren.

Welche Fonds kommen unter die Räder?

Strebel: Wer über mehrere Jahre hinweg keine Performance generiert, verliert die Daseinsberechtigung.

Fidelity hat im Herbst den Global Real Asset Securities Fund lanciert, mit Themenschwerpunkten bei staatlichen Konjunkturprogrammen, Rohstoffen, Energie und Immobilien. Ist das besonders konjunkturresistent?

Strebel: Wir betrachten die rasante Weiterentwicklung von Infrastrukturprojekten in den Schwellenländen und die Erneuerung von bestehenden Anlagen in den Industriestaaten als anhaltenden Trend. In den westlichen Nationen haben sich die Konjunkturförderungsprogramme erst zu einem kleinen Teil ausgewirkt, das heisst dass die von den Regierungen gesprochenen Gelder noch nicht in der Realwirtschaft angekommen sind. Zudem erwarten wir in absehbarer Zukunft einen markanten Anstieg bei den Inflationsraten. Dank der flexiblen Gewichtung der Sektoren kann dieser Fonds auch im inflationären Umfeld eine gute Rendite erwirtschaften.

Setzen Sie jetzt speziell auf die Emerging Markets?

Strebel: Ja, wir sind seit Jahrzehnten in diesen Märkten präsent. Derzeit zeichnet sich ein Wechsel in der Anlegergunst zugunsten dieser Emerging Markets ab, weil sie einige Probleme der Industrieländer nicht haben. Dazu gehört etwa ein Bankensystem, das auf einem solideren Fundament steht. Bei einem Engagement müssen allerdings die Bewertungen in den einzelnen Märkten im Auge behalten werden.

Wegen der hohen Volatilität halten sich die Investments aus den Industrieländern aber immer noch in engen Grenzen.

Strebel: Hier muss man zwischen Investitionen und Anlagevermögen unterscheiden. Einerseits haben die meisten Schwellenländer noch keinen starken Heimmarkt. Die Investitionen werden wesentlich durch ausländische Firmen geprägt. Andererseits sind die Emerging Markets bei globalen Anlagekonzepten noch stark untergewichtet. Innerhalb des MSCI World erhalten die Emerging Markets noch kaum Gewicht. Aber das wird sich bestimmt bald ändern.

Nur rund ein Fünftel der aktiv gemanagten Fonds vermag die jeweilige Index-Benchmark zu schlagen. Macht es da nicht Sinn, direkt in einen Exchange Traded Fund (ETF) zu investieren?

Strebel: Dieses Segment wird wachsen. Allerdings gibt es zahlreiche Indexfonds, die nicht funktionieren. Dazu kommt in manchen Fällen ein Gegenparteienrisiko. Die Anleger sind gut beraten, wenn sie die ausgewählten ETFs gut analysieren, um nicht negative Überraschungen zu erleben.

Bei einer «Core-Satellite»-Strategie wird das Kerninvestment aber vermehrt mit Indexfonds abgedeckt.

Strebel: Ja, der Druck auf die aktiven Manager wird zunehmen. Sie müssen über eine Zeitspanne von drei bis fünf Jahren hinweg zwingend Alpha generieren.

Wie hoch muss diese Überrendite im Vergleich zum Index sein?

Strebel: Mindestens 2 bis 4% pro Jahr.

Mit welcher Anlagestrategie operiert Fidelity im Nachgang zur Finanzkrise?

Strebel: Bei den institutionellen Kunden sind momentan globale Produkte mit einer guten Performance gefragt. Dabei setzen wir unser weltweit angesiedeltes Research-Know-how gezielt ein. Fidelity wird das globale Angebot erweitern und auch bei den asiatischen Fonds expandieren. Das geschieht sowohl im Bereich der Blue Chips wie auch der Small Caps. In einer ersten Phase erlebten wir ein Rally bei den Aktien, die in der Finanzkrise am meisten gelitten haben. Jetzt verlagert sich der Fokus auf die Qualität.

Was meinen Sie damit?

Strebel: Das sind Titel mit finanzieller Stabilität, einer guten Produkte-Pipeline, kompetentem Management und einem nachhaltigen Geschäftsmodell.

Der Kapitalschutz ist bei den Anlegern weiterhin ein wichtiges Thema. Werden auch Garantiefonds aufgelegt?

Strebel: In Deutschland haben wir ein solches Produkt mit einer Höchststand-Garantie lanciert. Es gibt Pläne, auch in der Schweiz mit einem Garantiefonds zu starten. Produzent und Käufer dieses Finanzinstruments müssen sich aber bewusst sein, dass die Absicherung etwas kostet.

Unter dem langfristigen Vorsorgeaspekt hat Fidelity die in den USA weit verbreiteten Lifecycle Funds auch nach Europa gebracht. Wie ist die Nachfrage?

Strebel: In gewissen Ländern, wie etwa Deutschland, sind diese Produkte begehrt. Demgegenüber wird in der Schweiz weniger in Lifecycle Funds investiert.

Wenn die Performance nicht stimmt, rücken auch die Gebühren in den Vordergrund. Eine Lipper-Studie hat für die europäischen Fonds eine Gesamtkostenquote ermittelt, die um ein halbes Prozent über derjenigen in den USA liegt. Gibt es dort mehr Wettbewerb?

Strebel: Ja, der Konkurrenzkampf unter den Anbietern ist intensiver. Zudem existieren in den USA wesentlich mehr passiv gemanagte Fonds mit tieferen Gebühren.

Trotz den Fondsschliessungen sieht sich der Anleger immer noch einer Flut von Angeboten gegenüber. Wie kann er sich zurechtfinden?

Strebel: Der Investor muss sich auf seine Hausbank oder den Vermögensverwalter verlassen können. Wir beobachten derzeit bei allen Anbietern eine Einschränkung der Palette. Wichtig ist überdies, dass die grossen Banken nicht nur die hauseigenen Fonds forcieren.

Worauf ist bei der Fondswahl zu achten?

Strebel: In erster Linie muss man das gekaufte Produkt verstehen. Entscheidend ist auch, wer hinter dem Fonds steht.

In der Schweiz hat sich die Aufsichtsbehörde Finma zum Ziel gesetzt, mit einem erhöhten Personalbestand die Bewilligungen für neue Fonds zu beschleunigen. Spüren Sie etwas davon?

Strebel: Ja, die Aufsichtsbehörden sehen sich einem grösseren Druck gegenüber, die Prozesse bei einem Zulassungsverfahren zu beschleunigen. Auch innerhalb der Europäischen Union ist das Bestreben gross, viele Dinge zu vereinfachen und zu harmonisieren, wie etwa mit dem EU-Pass. Allgemein will man nach der Finanzkrise immer noch mehr regulieren. Das ist im Bereich der Hedge-Fonds und strukturierten Produkte auch verständlich.

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