18.11.2009 | 05:30
PATRICK SCHWARZ
Von:
flavian cajacob (Text) Patrick Lüthy (fotos)
Foto:
Bild: Patrick Lüthy
 

Er hat Dornröschen Eterna wachgeküsst

Der Schaffhauser hat Eterna aus dem Dornröschenschlaf befreit - nicht als Prinz, sondern als Firmenchef mit einer fokussierten Strategie. Der Eterna-CEO über Krisen, Keramikkügelchen und Konfirmandenuhren, aber auch über seine historischen Beziehungen zu Porsche.

 

Zurückhaltung und Aufbruch, Tradition und Fortschritt, Handwerk und Marketing, Nordostschweiz und Jurasüdfuss: Patrick Schwarz pendelt ständig. In Schaffhausen, der traditionsreichen Heimat von IWC, ist er aufgewachsen und nach Auslandaufenthalten seit ein paar Jahren auch wieder zu Hause. In Grenchen, auf halber Strecke nach Genf - dem westlichsten Pol der Schweizer Uhrenachse - nimmt er nach eineinhalb Stunden Anfahrt allmorgendlich sein Tagwerk in Angriff, seine Mission auch. Und die lautet: «Von der Manufaktur zurück zur Manufaktur.»

Der Ökonom als Wegweiser

Schwarz ist vor drei Jahren angetreten, die Grenchner Eterna auf Vordermann zu bringen. Damals hat die traditionsreiche Uhrenmarke nach Besitz- und Führungswechseln ein Dasein mehr oder weniger im Dornröschenschlaf gefristet. Oder, wie Ökonom Schwarz es bezeichnet, «auf der Intensivstation gelegen». Die Auguren der Branche warfen Eterna vor, sie ticke der Zeit hoffnungslos hinterher, sie sei verstaubt und, schlimmer noch, sie leide in hohem Masse an Orientierungslosigkeit.

Schwarz, der in seinen Ausführungen kaum zu bremsen ist, darob aber nie geschwätzig oder unüberlegt wirkt, schüttelt den Kopf. Natürlich seien diese Vorwürfe nicht gänzlich von der Hand zu weisen gewesen, bemerkt er. Doch würden heute wohl einige der damaligen Kritiker eingestehen müssen, dass sie mit Eterna, der einstigen «Konfirmandenuhr», zu hart ins Gericht gegangen seien. Seine Rechte wischt über den Tisch, als ob er das Image der Marke vom Staub der Zeit befreien wollte. «Schauen Sie doch mal, wie viele der vor fünf Jahren noch hochgelobten und laut beworbenen Marken inzwischen sang- und klanglos verschwunden sind.» Schwarz atmet tief durch: «Ich würde jetzt einfach mal behaupten, Eterna hat die Intensivstation verlassen und befindet sich in der fortgeschrittenen Aufwachphase.»

Der Chef als Gesundpfleger

Der Genesungsprozess also setzte mitten in der grossen Wirtschaftskrise ein. Das überrascht. Schwarz bemerkt die Irritation bei seinem Gegenüber. «Ich müsste lügen, wenn ich behaupten wollte, dass die schlechte Konsumentenstimmung spurlos an uns vorübergeht. Wer Uhren in unserem Preissegment, also so um 3000 Fr., anbietet, der hat es ganz besonders schwer.» Er hebt die Augenbrauen. «Aber gerade der Umstand, dass wir in den letzten Jahren den Fokus in erster Linie auf die interne Restrukturierung von Eterna gerichtet haben, hat uns vor dem Schlimmsten bewahrt.»

Die Boomjahre hat man zwar verpasst, dafür aber sind auch keine grossen, wichtigen Märkte wie etwa die USA weggebrochen - schlicht, weil Eterna diesen bis anhin keine Prioritäten eingeräumt hat. Entlassungen oder Kurzarbeit hat es am Grenchner Firmensitz denn bis anhin auch nicht gegeben.

Seit die Marke Eterna der Familie Porsche gehört, werden hier auch die gleichnamigen Sportuhren hergestellt. «Natürlich hilft es uns, dass wir die Uhren für Porsche Design fertigen. Porsche Design ist eine sehr starke Marke, die für Eterna rund um den Globus als Türöffner dienen kann», führt Schwarz aus. Im Zuge der internen Restrukturierung hat der Firmenchef all jene Arbeiten, welche ursprünglich im Hause ausgeführt wurden und zwischenzeitlich ausgelagert worden waren, wieder zurück in die eigenen Ateliers geholt. Die Richtung sei damit vorgezeichnet - eben: «Von der Manufaktur zurück zur Manufaktur».

Know-how und Technologie seien erwiesenermassen vorhanden. Und weil die Kundschaft momentan nicht gerade Schlange vor den Schweizer Uhrenmanufakturen stehe, hätten Letztere auch genügend Zeit, an Innovationen zu arbeiten. Schwarz schiebt ein Präsentationskistchen über den Tisch, in dem das aktuelle Aushängeschild Eternascher Uhrmacherkunst liegt: Der Anfang Jahr vorgestellte Spherodrive, eine neue Aufzug- und Ablauftechnik von Federhaus und Zugfeder, die auf dem Einsatz von Mikro-Kugellagern zur Lagerung von Federhaustrommel und Federkern aufbaut. Die Keramikkügelchen sorgen für eine erhebliche Reibungsverminderung, dem Federhaus ist ein längeres Leben beschert. «Viele in der Branche haben sich bei der Präsentation des Spherodrives an den Kopf gefasst und gesagt: Warum bloss sind nicht wir auf diese Idee gekommen», erzählt Schwarz nicht ohne Stolz.

Der Manager als Philosoph

Halb vier Uhr nachmittags. In den Ateliers ist es Zeit für eine kurze Pause. Die Zeit. Für Patrick Schwarz ist sie nüchtern betrachtet «ein Job». Sie ist Inhalt seines Tuns, sichert ihm ein Einkommen, fordert ihn heraus. Der mit einer Singapurin verheiratete Schaffhauser begegnet Stunden und Minuten indes auch mit einem buddhistischen Ansatz: «Alles ist wiederbringbar - nur die Zeit nicht.» Und so ist ihm wichtig, stets den Moment bewusst zu leben und das Beste daraus zu machen. «Wenn mich etwas nicht begeistert, dann höre ich auf damit.» Eine Aussage, die er alsogleich mit dem Zusatz versieht, dass es ihm bei Eterna ausserordentlich gut gefalle. Und: «Ich kann mir durchaus vorstellen, hier pensioniert zu werden», bemerkt der 45-Jährige.

Der Handlanger als Uhrenfreak

Seine Affinität zur Uhrenbranche hat Schwarz als gebürtiger Munotstädter quasi in die Wiege gelegt bekommen. Die Familienuhr, eine goldene Taschenuhr von IWC aus dem Erbe des Urgrossvaters, liegt inzwischen in Pflicht und Ehr bei Schwarz im Tresor. Mit 16 hat er sich zum ersten Mal selber eine Uhr gekauft, ein Titanmodell im Porsche Design. «Das nötige Geld habe ich auf dem Bau verdient, als Handlanger mit Zementschleppen - glauben Sie mir, das war mehr als hart verdientes Geld.»

Nach dem Studium und einem ersten Job im Bereich der Konsumgüter - bei Unilever («Dort habe ich gelernt, Bohnen zu zählen») - wechselte Schwarz Mitte der 90er- Jahre zur Handelsgesellschaft Sibner Hegner, wo er im Luxusgütersegment tätig war. Nach einem kurzen Abstecher zum Mediengiganten Bertelsmann heuerte er zu Beginn des Jahrtausends bei Maurice Lacroix als Finanzchef an. 2006 schliesslich erfolgte der Wechsel zu Eterna und Porsche Design.

Schwarz zeichnet mit dem Finger einen Ring in den Bürohimmel. «Meine erste Uhr war eine Porsche Design, 30 Jahre später bin ich unter anderem für diese Marke zuständig - so schliesst sich der Kreis.»

Der Lernende als «Unruh»

Die Pause ist vorbei. Die Uhrmacherinnen und Uhrmacher setzen sich wieder an ihre Bänke, schrauben, feilen, fassen ein. In Entwicklungschef Patrick Kury hat Schwarz den idealen Sparringpartner gefunden, um Eterna voranzubringen. «Wir ergänzen und stützen uns perfekt, wir bringen dasselbe Denken mit», sagt der Eterna-Chef. Auf seine eigene Rolle in der Firma angesprochen, muss der Schaffhauser nicht lange überlegen. Er sei von seiner Ausbildung her wohl nicht der klassische Uhrmacher, seinem Wesen entsprechend aber zumindest «die Unruh» im Werk Eterna. «Natürlich habe ich nächtelang Bücher und Konstruktionspläne gelesen, eine breite Grundkenntnis in der Materie ist also vorhanden - nur wissen das halt nicht alle.» Schwarz zwinkert. Von Nachteil sei dies nämlich überhaupt nicht, ganz im Gegenteil: «Mir nimmt es im Hause auf jeden Fall kaum einer übel, wenn ich mal eine unbedarfte oder provokative Frage stelle.»

Und gerade solche brauche es, um bei Eterna die Aufwachphase endgültig hinter sich zu lassen und mit viel Elan und von Innovationen beseelt der Zukunft entgegenzuschreiten.

Video-Interview

«Wir haben unsere Probleme in den USA 2010 gelöst», antwortet Sergio Ermotti auf die Frage, ob die UBS im Fall einer Globallösung im Steuerstreit mit Amerika nochmals zahlen müsste. Weitere Einschätzungen des CEO erfahren Sie in unserem Video.

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