29.09.2009 | 21:00
MARIO MORETTI POLEGATO
Von:
Martin heimann (fotos) Roberto Stefano (text)
Foto:
Bild: Martin Heimann
 

Jede Ecke der Villa Sandi hat Geschichte

In der Villa Sandi in Montebelluna empfängt der Erfinder der perforierten Schuhsohle und Gründer des Schuhkonzerns Geox Gäste aus der ganzen Welt. Sein Geburtshaus half dem Sohn einer Winzerdynastie in den Anfangsjahren, seine Geschäftspartner für seine Ideen zu gewinnen.

 

Eigentlich hätte Mario Moretti Polegato seine Füsse hochlagern und sein Leben im Familienanwesen, der Villa Sandi, geniessen können. «Mein Weg war vorgegeben», sagt der Erfinder der atmungsaktiven Sohle, die den Geox-Schuh auszeichnet, und Gründer des gleichnamigen Unternehmens, heute.

Und dieser Weg wäre durchaus angenehm gewesen: Der ältere Sohn einer norditalienischen Winzerdynastie hat ein Studium als Oenologe abgeschlossen und führte das familieneigene Weingut bei Treviso in der dritten Generation. Sitz des Unternehmens, zu dem mittlerweile sieben Weingüter und -marken gehören und welches inzwischen von seinem Bruder Giancarlo geführt wird, ist das Geburtshaus des 57-Jährigen, ein Villenkomplex in Crocetta del Montello bei Montebelluna, 1622 erbaut durch den Architekten Andrea Pagnossin nach palladinischer Schule. Hier, in der trevisanischen Mark, umgeben von grünen Hügeln, eine Autostunde nördlich von Venedig, liegt die ursprüngliche Region des Proseccos, und nur Schaumweine, die von dort stammen, dürfen das Prädikat DOC tragen.

Einem Labyrinth ähnliche Gartenanlage

Vier ionische Säulen prägen die Frontfassade des Hauptgebäudes, welches erhöht über den Gärten des Anwesens thront. Flankiert wird der Prachtbau von zwei Nebengebäuden entlang einer Allee, die von Statuen des venezianischen Bildhauers Orazio Marinali gesäumt wird. «Als ich noch klein war, habe ich den Garten als Labyrinth empfunden, in dem wir hervorragend Verstecken spielen konnten», erinnert sich Moretti Polegato. Wer im Villenkomplex, zu dem auch eine eigene Kapelle sowie ein Swimmingpool gehören, nicht heimisch ist, kann dies, angesichts der Grösse der Gärten, gebaut im italienischen und englischen Stil, durchaus nachvollziehen.

Betritt man die Villa Sandi über den Haupteingang, sticht als erstes ein riesiger Kronleuchter aus Murano-Glas aus dem Jahre 1730 ins Auge. In der fast 10 m hohen Eingangshalle, in der Moretti Polegato grosse Gala-Dinners mit Gästen wie Israels Staatspräsidenten Shimon Perès oder Wef-Gründer Klaus Schwab organisiert, schwebt der mehr als 2 m hohe, gläserne Lüster, der ohne tragende Mittelstange auskommt, über den Köpfen der Besucher. Hunderte Einzelteile, aus Glas geblasen, sind derart zusammengesteckt, dass sie sich ohne Schweissnähte oder sonstige Verbindungselemente zu einem bunten Ganzen fügen. «Erst vor 30 Jahren haben wir die gesamte Villa restauriert und dabei den venezianischen Kronleuchter mit Elektrizität versehen», erklärt der Geox-Chef.

Weihnachtsbescherung unter dem Kamin

In der Villa Sandi sind Kindheitserinnerungen für Mario Moretti Polegato omnipräsent: «Jede Ecke des Hauses hat für mich eine Geschichte.» Im «Blauen Saal» beispielsweise, im rechten Flügel des Hauptgebäudes, ist es der Kamin, der den italienischen Industriellen zum Schwelgen bringt. Hier fand er jeweils seine Weihnachtsgeschenke vor, während das Christkind die Präsente für seinen Bruder in jenem des Esszimmers im linken Flügel der Villa hinterlegte. Über dem Kamin hängt dort ein mächtiger venezianischer Spiegel, welcher die grosse Tafel, an der sich die gesamte Famiglia zum Essen zusammengefunden hat, reflektiert.

Heute nimmt Moretti Polegato im «Blauen Saal» sein Frühstück ein, unter einem Gemälde, welches das Konzil von Trento darstellt, bei dem die Trennung der Kirche in die römisch-katholische, die protestantische und anglikanische Richtung beschlossen wurde.

Die Bedeutung der unterschiedlichen Glaubensrichtungen war dem gläubigen Katholiken, der auch den Vatikan mit Weinen beliefert, in seinen jungen Jahren noch nicht bewusst. Heute ist er überzeugt, dass die Religion, von welcher Couleur sie auch immer sei, wichtig ist im sozialen Leben der Menschen. «Jeder muss selber entscheiden, ob es einen Gott gibt oder nicht. Einen Glauben brauchen aber alle Menschen, egal ob Katholiken, Muslime oder Buddhisten», ist er überzeugt.

Mamma Moretti betreut die Einrichtung

Der angrenzende Saal beherbergt die Bibliothek und zugleich das Arbeitszimmer des Unternehmers. Hier widmet sich Moretti Polegato dem Studium neuer Technologien für Geox, die ihm von seiner Forschungs- und Entwicklungsabteilung präsentiert werden. Die Idee zum Schuh mit einer perforierten Gummisohle ist hingegen zufällig entstanden, als er zur Belüftung seiner Füsse mit einem Taschenmesser Löcher in die Sohle seiner Sneakers gebohrt hatte.

In den Regalen der Bibliothek befindet sich eine Sammlung illustrierter Geschichten aus England und Frankreich aus den vergangenen Jahrhunderten. Angelegt wurde sie durch die Vorfahren des Geox-Gründers, restauriert und katalogisiert hat sie Moretti Polegato. Er selber sammelt lieber wissenschaftliche Literatur, die er sich, wenn er mal nicht auf einer seiner zahlreichen Reisen ist, in der Bibliothek oder am Sitz seiner Finanzgesellschaft Lir zu Gemüte führt. Dabei haben es ihm Bücher über das menschliche Gehirn besonders angetan. «Wir nutzen derzeit nur 20% unserer mentalen Fähigkeiten. Wer weiss, was möglich wäre, wenn wir diesen Wert nur verdoppeln könnten», so Moretti Polegato.

Zu den Schlafgemächern und Badezimmern der Villa, in denen der Geox-Chef viel Wert auf Pflanzenschmuck legt, führt eine steinerne Treppe empor ins Obergeschoss. Auf dem Weg dorthin ergibt sich von der Balustrade aus ein spektakulärer Blick auf die Eingangshalle mit Kronleuchter.

Die Einrichtung der Villa Sandi ist eher karg, aber geschmackvoll ausgefallen, zuständig dafür ist nach wie vor Mutter Amalia Moretti. Die Möbel stammen aus verschiedenen Epochen und wurden von ihr über die vergangenen Jahrzehnte mit viel Leidenschaft gesammelt und auf Vordermann gebracht. «Noch heute, mit 84 Jahren, kümmert sie sich deshalb um die Inneneinrichtung», gesteht Moretti Polegato. Zu Ehren von Mamma Amalia trägt heute der führende Perlwein aus der «Opere-Linie» ihren Namen.

Gelagert werden die Flaschen aus dem Weingut Villa Sandi in den Kellergewölben des Hauses. Ein Tunnelsystem, welches sich über 1,5 km erstreckt, bietet dabei die idealen natürlichen Eigenschaften für die optimale Reifung der Tropfen. Hunderttausende Flaschen liegen in den Regalen und in den für die Champagner-Herstellung typischen Rüttelpulten. Neben der Produktion von klassischem Prosecco stellt das Familienunternehmen auch Schaumweine nach der traditionellen Champagner-Methode her.

Gegraben wurden die Gänge im 18. Jahrhundert, als das Anwesen vom Militär besetzt war. Seither blickt die Villa diesbezüglich auf eine bewegte Geschichte zurück. «Das Haus diente dem Militär im Ersten Weltkrieg genauso als Stützpunkt wie im Zweiten Weltkrieg, als die Amerikaner Italien befreiten», weiss Moretti Polegato. Eine gute Beziehung zwischen den Völkern ist ihm, als Honorarkonsul von Rumänien für Nordost-Italien, ein besonderes Anliegen.

Moto-Guzzis warten auf eine Ausfahrt

Erinnerungen an vergangene Zeiten, als der Grossvater oder der Pfarrer im Dorf noch mit dem Motorrad unterwegs waren, sind auch mit der Zweirad-Sammlung verbunden, die der Unternehmer im Untergeschoss der Villa Sandi installiert hat. Zwölf Oldtimer der Marke Moto-Guzzi aus den Jahren 1927 bis 1956 stehen dort in Reih und Glied und warten auf eine Ausfahrt. «Die Motorräder gehörten zur Villa genauso wie das Gestüt, welches mittlerweile auf einem anderen Gut untergebracht ist», sagt der passionierte Motorradfahrer. Auf seinen Ausfahrten in die Hügel von Treviso verlässt er sich dennoch auf modernere Maschinen wie eine Honda Goldwing.

Viel Zeit für Motorrad-Ausfahrten bleibt Moretti Polegato ohnehin nicht. Denn statt die Füsse hochzulagern und seinen vorgegebenen Weg zu gehen, hat er sich Mitte der 90er-Jahre entschieden, nochmals etwas Neues zu wagen und alleine eine Schuhmarke aufzubauen. Auch dabei hat die Villa Sandi eine wichtige Rolle gespielt. «Für uns in Italien ist es ein Glück, solche Bauten wie die Villa Sandi zu haben, denn so können wir unsere weltweiten Partner besser überzeugen», sagt der Geox-Gründer. Und Überzeugungskraft war in der Anfangsphase durchaus nötig, nachdem die grossen Schuhkonzerne von seiner Erfindung nichts wissen wollten. Noch heute schliesst Moretti Polegato in der Villa Sandi wichtige Geschäfte ab, obschon seine Partner mittlerweile keine zusätzlichen Sicherheiten mehr brauchen. «Doch wer Geschäfte in einer Bar abwickeln muss, hinterlässt einen anderen Eindruck als jemand, der es in dieser Umgebung tun kann.»

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