Von:
Claude Baumann
Foto:
Martin Heimann
 

Bank Sarasin: Grab der Diskretion

Im Fall Hildebrand wurde das Bankgeheimnis für einmal nicht für ausländische Zwecke missbraucht, sondern für schweizerische. Das ist fatal für das Basler Traditionshaus.

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Vor Jahresfrist war Joachim Strähle noch guten Mutes. Im kleinen Kreis kokettierte der Chef der Bank Sarasin öfters mal damit, das Basler Traditionshaus mit ein paar arabischen oder asiatischen Investoren zu übernehmen und daraus eine kleine, aber feine Schweizer Privatbank zu machen. Inzwischen sind diese Pläne Makulatur. Denn kurz vor Ende 2011 wurde Sarasin vom niederländischen Rabo-Konzern überraschend an die brasilianische Safra-Gruppe verkauft. So musste Strähle seine persönlichen Ambitionen begraben und mit einer neuen Ausgangslage vorliebnehmen.

Doch nun erscheint das alles nur noch als Kleinkram. Strähle steht vor einer ungleich grösseren Herausforderung. Aus­gerechnet in seinem Institut wurde das Bankgeheimnis massiv verletzt. Wie die Bank Sarasin am 3. Januar einräumte, hat einer ihrer Mitarbeiter vertrauliche Kundendaten über Nationalbank-Präsident Philipp Hildebrand «unrechtmässig» weitergegeben. Der im IT-Support tätige Angestellte habe «sein kriminelles Fehlverhalten offengelegt», indem er sich am letzten Sonntag der Polizei in Zürich stellte.

Devisengeschäfte sauer aufgestossen

Bei dem Verdächtigen handelt es sich um einen 40-jährigen Schweizer, «der vermutlich aus persönlichen Motiven handelte, weil ihm die Dollar-Deals des Ehepaars Hildebrand vor und nach dem Kurssprung Dollar/Schweizer Franken sauer aufsties­sen», wie der «Tages-Anzeiger» berichtet. Mag eine Bankgeheimnis-Verletzung an sich schon ein dreister Gesetzesbruch sein, so erhält dieser Vorfall angesichts der Beteiligten eine geradezu dramatische ­Dimension. Wie die Sonntagspresse am Wochenende berichtete, sollen Nationalbank-Präsident Philipp Hildebrand und dessen Gattin Kashya im August, kurz vor der Einführung des Euro-Mindestkurses, Devisengeschäfte getätigt und so Insiderwissen ausgenutzt haben. Publik wurde die Angelegenheit dadurch, dass der IT-Mitarbeiter der Bank Sarasin, wo die Hildebrands ein Konto unterhielten, die Informationen an einen Anwalt weiterleitete, welcher der SVP nahesteht.

Der Jurist arrangierte am 11. November 2011 ein Treffen mit alt Bundesrat Christoph Blocher. Der informierte darauf Mitte Dezember Bundespräsidentin Miche­line Calmy-Rey. In der Folge ordnete die Schweizerische Nationalbank eine Untersuchung an, die Hildebrand einen Persilschein ausstellte.

Inzwischen will die der SVP nahestehende «Weltwoche» aber wissen, dass nicht Ehefrau Kashya, sondern Nationalbank-Präsident Philipp Hildebrand höchst persönlich die Devisenaufträge erteilte. Zudem habe er bereits zwischen März und Oktober 2011 verschiedene Transaktionen von mehr als einer Million Dollar getätigt. Dies lasse sich dank eines Kontoauszugs eindeutig belegen, schreibt das Blatt. Zudem soll Hildebrand seinen Sarasin-Kundenberater, der Vorbehalte an den Geschäften äusserte, unter Druck gesetzt haben.

Im Gegenzug rechtfertigte sich Kashya Hildebrand in der Fernsehsendung «10 vor 10», dass die Familie nach einem Hausverkauf letztes Jahr viel Bargeld besass und dieses in den unterbewerteten Dollar investiert habe. Später sei das Geld für einen Wohnungskauf wieder verwendet worden. Ausserdem tätige sie als ­Galeristin regelmässig Dollar-Transaktionen.

Bankgeheimnis erstmals aus rein schweizerischen Motiven unterwandert

Sollten sich die Anschuldigungen ­gegen Philipp Hildebrand erhärten, ins­besondere die von der «Weltwoche» kolportierte Behauptung, er habe 2011 ­verschiedene Transaktionen vollzogen, so wäre er als Na­tionalbank-Präsident kaum mehr tragbar. Während sich die Öffentlichkeit nun über die Widersprüchlichkeiten in dieser Affäre ereifert, geht der Kernaspekt vergessen: Erstmals ist das Bankgeheimnis nicht für ausländische Zwecke oder Behörden unterwandert worden, sondern aus rein schweizerischen Motiven.

Galt das Schweizer Bankgeheimnis jahrzehntelang weltweit als Garant der finanziellen Privatsphäre, so ist es nun buchstäblich im eigenen Haus implodiert. Vor Jahresfrist hätte sich Sarasin-Chef Strähle kaum vorstellen können, dass ausgerechnet seine Bank zur endgültigen Totengräberin des Schweizer Diskretionsschutzes mutiert.

Verwunderlich ist es allemal, wie ein so seriöses Finanzinstitut dies verursachen konnte. Denn gerade Kundenbeziehungen zu politisch exponierten Personen wie Hildebrand werden bei allen Banken mit grösster Sensibilität gepflegt. Zumeist seien diese Konten nur einem kleinen Kreis von Mitarbeitern bekannt, und der Kontakt zu ebendiesen Kunden finde auf höchster Managementebene statt, wie mehrere ehemalige Mitarbeiter von Sarasin unabhängig voneinander bestätigen. So besehen ist der Führungscrew durchaus eine gewisse Fahrlässigkeit anzulasten.

Geldbranche kam mit Strukturwandel nie klar

Der Vorfall mag auch ein Indiz dafür sein, dass ein Grossteil der hiesigen Geldbranche mit dem Strukturwandel in den letzten 20 Jahren nie klarkam. Sarasin ist ein gutes Beispiel dafür.

Die in ihren Ursprüngen bis ins Jahr 1841 zurückreichende Privatbank hat sich zwar das Thema «Nachhaltigkeit» auf die Fahne geschrieben, agierte selber aber oft opportunistisch. 1987 gab das Unternehmen seine partnerschaftliche Struktur auf und ging an die Börse. Für viele Mitarbeiter war dies eine zu scharfe Zäsur mit der Tradition. Ähnlich die Allianz von 2002 mit der holländischen Rabobank. Wenige Jahre später übernahmen die Niederländer die Basler ganz. Bald darauf standen sie jedoch bereits wieder zum Verkauf und wurden nach einem kräfteverzehrenden Übernahmepoker von der Safra-Gruppe übernommen. Es ist nicht erstaunlich, wenn sich so ein Frustrationspotenzial bei einzelnen Mitarbeitern aufbaut, die am Ende mit dem System abrechnen.

«Keine Diskretion mehr»

Wenn das Ausland nun ein Requiem auf das Schweizer Bankgeheimnis anstimmt, kommt das nicht von ungefähr. Durch die jüngsten Vorkommnisse hat der hiesige Finanzplatz definitiv seine Vertrauenswürdigkeit verloren. Beispielhaft für die Perzeption im Ausland verkündet der frühere Hedge-Fonds-Manager Bruce Krasting seinen sieben Millionen Lesern auf dem US-Wirtschaftsportal «Business Insider»: «Es gibt kein Geheimnis mehr im Schweizer Banking. Wer immer noch daran glaubt, liegt schlicht falsch.»

Für Sarasin-Chef Strähle ist das eine bittere Erkenntnis. Erst vor zwei Jahren hatte er in einem Interview noch erklärt: «Der Schutz der finanziellen Privatsphäre kann nicht hoch genug eingestuft werden. Er ist eine schweizerische Tradition. Es wäre ein Riesenfehler, das Bankgeheimnis abzuschaffen.»

 

 

Datenklau: Informatiker als Hochrisiko-Gruppe

Erpresser
Das Datenleck bei der Bank Sarasin ist das jüngste Beispiel einer Reihe von Missbräuchlichkeiten rund um das Bankgeheimnis. Der einstige Julius-Bär-Banker Rudolf E lmer erpresste mit gestohlenen D aten seine frühere Arbeitgeberin. Ein weiterer prominenter Fall spielte sich im Fürstentum Liechtenstein ab, wo der Bankangestellte Heinrich Kieber sensitive Informationen der LGT Bank den deutschen Behörden zuspielte. Ähnlich operierte der Franzose Hervé Falciani bei der HSBC- Privatbank in Genf. In allen Fällen erlitten die betroffenen Institute einen Imageschaden, der sich auch auf die Reputation des Schweizer Finanzplatzes negativ auswirkte.

Bauernopfer
Häufig sind es Informatiker, welche Kundendaten aus den Banken stehlen, wie nun auch im Fall Sarasin. Dass IT-Leute einen freien Zugang zu sehr vielen Daten in einer Bank haben, mag mit ein Grund dafür sein. Möglicherweise spielt auch der Umstand eine Rolle, dass Informatiker weniger loyal sind, weil sie schlechter bezahlt werden als ihre Arbeitskollegen an der Kundenfront. Vielleicht müssen Informatiker aber auch als Bauernopfer dienen, weil manche Banken den Eindruck vermeiden wollen, dass ihre Kundenmehr zum thema berater kriminell handeln. (cb)

 

SMI 5'817.9 -92.3 -1.6%
SPI 5'437.5 -84.8 -1.5%
SLI 874.2 -16.4 -1.8%
SMIM 1'118.6 -20.7 -1.8%
DAX 30 6'285.8 -149.9 -2.3%
EURO STOXX 215.2 -5.9 -2.7%
FTSE 100 5'266.4 -136.9 -2.5%
Dow Jones 30 Industrial 12'496.2 -6.7 -0.1%
NASDAQ 100 2'547.1 7.9 0.3%
S&P 500 1'316.6 0.6 0.1%
Nikkei 225 8'556.6 -172.7 -2.0%

Top und Flops

Name Kurs +/- +/- %
155.80 -0.60 -0.38
54.65 -0.30 -0.55
1'709.00 -16.00 -0.93
49.05 -0.53 -1.07
864.50 -9.50 -1.09
37.89 -1.03 -2.65
30.49 -0.83 -2.65
40.23 -1.14 -2.76
56.25 -2.45 -4.17
375.50 -18.90 -4.79
Name Kurs +/- +/- %
75.63 0.04 0.05
23.75 -0.08 -0.31
47.38 -0.43 -0.90
52.58 -0.50 -0.94
37.91 -0.45 -1.17
29.34 -1.16 -3.79
39.32 -1.64 -3.99
MAN
78.14 -3.30 -4.05
8.39 -0.37 -4.26
14.64 -0.77 -5.00
Name Kurs +/- +/- %
14.35 0.53 3.84
14.40 0.48 3.41
25.14 -0.12 -0.46
67.79 -0.61 -0.89
47.38 -0.43 -0.90
0.70 -0.04 -4.80
9.50 -0.49 -4.90
4.71 -0.26 -5.14
14.46 -0.80 -5.21
11.12 -0.73 -6.12

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