Präsidentschaftswahl in Frankreich: Wer macht das Rennen? Hollande oder Sarkozy? Alle Fakten und Hintergründe im Vorfeld der Stichwahl am 6. Mai. Zum Dossier...

«Ratingagenturen haben mehr Einfluss als der Präsident»

Die Wahl von François Hollande zum neuen Präsidenten Frankreichs würde die politische Achse Paris–Berlin auf die Probe stellen, befürchtet Thomas Gitzel, Ökonom bei der VP Bank in Liechtenstein. Aller

VonRoberto Stefano (Interview)
30.04.2012

Wie verfolgen Sie die Präsidentschaftswahlen in Frankreich?
Thomas Gitzel: Ich habe mich im Internet aufdatiert. Die ersten inoffiziellen Ergebnisse habe ich über Twitter erfahren. Wie sich herausgestellt hat, haben diese das Ergebnis gut vorweggenommen.

Welchen Kandidaten bevorzugen Sie?
Politisch bin ich als Nichtfranzose neutral. Die Wahlen in Frankreich sind für die Euro-Zone von grosser Bedeutung, insbesondere im Zusammenspiel mit Deutschland. In Bezug auf das Verhältnis mit Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich mit dem Ausgang des ersten Wahlgangs das Konfliktpotenzial erhöht.

Was, wenn sich entgegen den Erwartungen dennoch Nicolas Sarkozy durchsetzt?
Zumindest wäre die politische Kontinuität gewährleistet. In der ak­tuellen Situation würde dies die Märkte etwas beruhigen. Das wäre sicherlich ­positiv.

Sehen Sie auch positive Aspekte, sollte Hollande gewählt werden?
Zuletzt haben die Märkte auf einen allzu rigorosen Sparkurs ohne Konjunkturprogramme zum Teil negativ reagiert. Hollande hält Sparen alleine auch für kontraproduktiv. Daher könnten die Märkte sogar positiv überraschen.

Doch der Euro ist am Tag nach dem ersten Wahlgang zeitweise auf 1.3106 Dollar ­gefallen. Auch die Untergrenze von 1.20 Franken je Euro wurde touchiert.
In Erwartung einer Wahl Hollandes gehen wir davon aus, dass der Euro gar unter 1.30 Dollar fallen könnte. Eine Wette gegen den Euro mit Hilfe von ­Devisentermingeschäften könnte sich für Investoren lohnen. Gegenüber dem ­Franken dürfte sich kaum etwas tun, da die Schweizerische Nationalbank die Grenze von 1.20 Franken verteidigen wird.

Weshalb haben anders als beim Euro die Renditeaufschläge auf französische Staatsanleihen nach den Wahlen kaum reagiert?
Die Anleihenmärkte haben in den Vorwochen schon einiges vorweggenommen. Bundesanleihen, Eidgenossen und US-Treasuries waren zuletzt stark gesucht. Auch sind die Risikoaufschläge auf französische Staatsanleihen im Vorfeld der Wahlen stark gestiegen. Je nach Ausgang der Stichwahl im Mai und den ersten Auftritten des neuen Präsidenten am EU-Gipfel ist aber eine heftigere Reaktion nicht auszuschliessen. Derzeit konzen­trieren sich die Märkte noch vermehrt auf die Entwicklung in Spanien.

Wie sollen sich die Investoren positionieren?
Wir raten zur Vorsicht. Wer Ren­dite sucht, sollte eher in Anleihen von ­Firmen mit hoher Bonität investieren.

Auch der Aktienmarkt scheint eine Wahl Hollandes bereits in den Kursen eingepreist zu haben?
Die Finanzmärkte haben schon viel vorweggenommen. Auf den leichten Kurseinbruch kurz nach den Wahlen folgte bereits wieder eine Erholung. Bis zur Stichwahl dürften die Finanzmärkte aber nervös bleiben. Zumal in den kommenden Wochen auch in den Niederlanden und Griechenland Wahlen bevorstehen.

Was raten Sie Investoren?
Innerhalb der Euro-Zone würden wir den deutschen Markt bevorzugen. Darüber hinaus favorisieren wir grosse Exportunternehmen, die weniger von der Euro-Zone abhängig sind. Wer nicht auf Frankreich verzichten will, sollte sich auf Exporteure, insbesondere aus dem Pharmasektor, konzentrieren. Denn unter Hollande dürfte Frankreich stärkere Markteingriffe erleben als unter Sarkozy.

Wie wirkt sich die Präsidentschaftswahl auf Schweizer Firmen mit wichtigem Frankreich-Geschäft aus?
Für diese Firmen wird sich wohl nicht viel verändern. Denn egal wie der Urnengang ausgehen wird, sind in Frankreich Reformen unabdingbar. Hierbei werden die Ratingagenturen einen grös­seren Einfluss haben als der Präsident.

Thomas Gitzel, Senior-Ökonom VP Bank

Diskussion
- Kommentare
Mehr zum Thema

Wie verfolgen Sie die Präsidentschaftswahlen in Frankreich?
Thomas Gitzel: Ich habe mich im Internet aufdatiert. Die ersten inoffiziellen Ergebnisse habe ich über Twitter erfahren. Wie sich herausgestellt hat, haben diese das Ergebnis gut vorweggenommen.

Welchen Kandidaten bevorzugen Sie?
Politisch bin ich als Nichtfranzose neutral. Die Wahlen in Frankreich sind für die Euro-Zone von grosser Bedeutung, insbesondere im Zusammenspiel mit Deutschland. In Bezug auf das Verhältnis mit Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich mit dem Ausgang des ersten Wahlgangs das Konfliktpotenzial erhöht.

Was, wenn sich entgegen den Erwartungen dennoch Nicolas Sarkozy durchsetzt?
Zumindest wäre die politische Kontinuität gewährleistet. In der ak­tuellen Situation würde dies die Märkte etwas beruhigen. Das wäre sicherlich ­positiv.

Sehen Sie auch positive Aspekte, sollte Hollande gewählt werden?
Zuletzt haben die Märkte auf einen allzu rigorosen Sparkurs ohne Konjunkturprogramme zum Teil negativ reagiert. Hollande hält Sparen alleine auch für kontraproduktiv. Daher könnten die Märkte sogar positiv überraschen.

Doch der Euro ist am Tag nach dem ersten Wahlgang zeitweise auf 1.3106 Dollar ­gefallen. Auch die Untergrenze von 1.20 Franken je Euro wurde touchiert.
In Erwartung einer Wahl Hollandes gehen wir davon aus, dass der Euro gar unter 1.30 Dollar fallen könnte. Eine Wette gegen den Euro mit Hilfe von ­Devisentermingeschäften könnte sich für Investoren lohnen. Gegenüber dem ­Franken dürfte sich kaum etwas tun, da die Schweizerische Nationalbank die Grenze von 1.20 Franken verteidigen wird.

Weshalb haben anders als beim Euro die Renditeaufschläge auf französische Staatsanleihen nach den Wahlen kaum reagiert?
Die Anleihenmärkte haben in den Vorwochen schon einiges vorweggenommen. Bundesanleihen, Eidgenossen und US-Treasuries waren zuletzt stark gesucht. Auch sind die Risikoaufschläge auf französische Staatsanleihen im Vorfeld der Wahlen stark gestiegen. Je nach Ausgang der Stichwahl im Mai und den ersten Auftritten des neuen Präsidenten am EU-Gipfel ist aber eine heftigere Reaktion nicht auszuschliessen. Derzeit konzen­trieren sich die Märkte noch vermehrt auf die Entwicklung in Spanien.

Wie sollen sich die Investoren positionieren?
Wir raten zur Vorsicht. Wer Ren­dite sucht, sollte eher in Anleihen von ­Firmen mit hoher Bonität investieren.

Auch der Aktienmarkt scheint eine Wahl Hollandes bereits in den Kursen eingepreist zu haben?
Die Finanzmärkte haben schon viel vorweggenommen. Auf den leichten Kurseinbruch kurz nach den Wahlen folgte bereits wieder eine Erholung. Bis zur Stichwahl dürften die Finanzmärkte aber nervös bleiben. Zumal in den kommenden Wochen auch in den Niederlanden und Griechenland Wahlen bevorstehen.

Was raten Sie Investoren?
Innerhalb der Euro-Zone würden wir den deutschen Markt bevorzugen. Darüber hinaus favorisieren wir grosse Exportunternehmen, die weniger von der Euro-Zone abhängig sind. Wer nicht auf Frankreich verzichten will, sollte sich auf Exporteure, insbesondere aus dem Pharmasektor, konzentrieren. Denn unter Hollande dürfte Frankreich stärkere Markteingriffe erleben als unter Sarkozy.

Wie wirkt sich die Präsidentschaftswahl auf Schweizer Firmen mit wichtigem Frankreich-Geschäft aus?
Für diese Firmen wird sich wohl nicht viel verändern. Denn egal wie der Urnengang ausgehen wird, sind in Frankreich Reformen unabdingbar. Hierbei werden die Ratingagenturen einen grös­seren Einfluss haben als der Präsident.

Thomas Gitzel, Senior-Ökonom VP Bank

Meistgelesen

Schwarzgeld

Die deutsche Regierung kritisiert seit Jahren Steueroasen im Ausland. Doch bei genauer Betrachtung ist Deutschland für Ausländer sogar selbst ein Hort für unversteuerte Gelder. Mehr...

VonMichael Houben (ARD)
16.05.2013
Nur Kleinanleger glauben noch an Gold
Kurs

Grossinvestoren verkaufen weiterhin Gold en masse. Ein Ende der Talfahrt ist nicht in Sicht. Daran ändert auch die ungebrochen hohe Nachfrage von Kleinanlegern nach Münzen und Barren nichts. Mehr...

22.05.2013
Lohnstudie

Wer eine Schweizer Fachhochschule durchlaufen hat, verdient 2013 leicht weniger als vor zwei Jahren. In einigen Management-Stufen gibt es dagegen grosse Lohnsprünge nach oben. Mehr...

VonNorman Bandi
22.05.2013
Goldman-Sachs-Chefökonom: «Rezession in Europa geht weiter»
Eurokrise

Goldman-Sachs-Chefökonom Jan Hatzius befürchtet eine Rückkehr der Eurokrise, falls die Peripherieländer ihre Sparpolitik aufgeben. Mehr...

VonTim Höfinghoff
22.05.2013
Immobilienboom: Der Leichtsinn der Hausfrauen*
Kommentar

Es herrscht Leichtsinn im Land. Doch an der Schweizer Betonfront wächst die Beunruhigung, denn zwei von fünf neuen Hausbesitzern droht bei höheren Zinsen die Pleite. Mehr...

15.05.2013
Prognose

Der massive Absturz des des Goldes führt zu Verunsicherung. Der bekannte Anlageguru Mohamed El-Erian sieht darin Parallelen zum Einbruch der Apple- und Facebook-Aktie. Mehr...

23.05.2013
Schwarzer Börsentag: Der ganz normale Wahnsinn
Analyse

Die Aktienkurse tauchen nach dem Kurssturz in Japan weltweit. Auch an der Schweizer Börse geht es abwärts. Eine panische Reaktion ist trotzdem fehl am Platz. Mehr...

VonVolker Strohm
23.05.2013

Die Handelszeitung – jetzt am Kiosk

 

 

Unsere Partner    

Kommentar: Economiesuisse - das Grounding von 2013 Lesen

Fachhochschul-Absolventen stossen an Salärgrenzen. Lesen

Unterirdischer Güterverkehr: Geldsorgen. Lesen

Experten warnen vor Essen aus China. Lesen

Goldman-Sachs: «Rezession in Europa geht weiter». Lesen

Salat und Hemden im Schliessfach. Lesen

«Alstom ist keine Sozialversicherung ». Lesen

 

Das und vieles mehr finden Sie in der aktuellen Handelszeitung.
Zum Inhaltsverzeichnis

Abonnieren

Die Handelszeitung jede Woche in Ihrem Briefkasten zum günstigen Abopreis.

Abonnemente

Studenten-Abo

Dienste für Abonnenten:

Die Handelszeitung ist Gründerin und Mitglied von Suite 150 – dem Klub der ältesten Unternehmen der Schweiz.
Zur Übersicht...