07.10.2008 | 21:00
NORBERT WALTER
Von:
Interview: Natalie Gratwohl
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|
 

«Schweiz stagniert drei Jahre lang»

Für den Chefökonomen der Deutschen Bank ist die Schweizer Wirtschaft mindestens so schwach wie die Konjunktur im übrigen Europa. Die Industrieländer würden jetzt über Jahre nicht mehr wachsen. Dafür müssten Anleger die Rohstoffländer auf dem Radarschirm behalten.

Wird der US-Rettungsplan die gewünschte Wirkung noch entfalten?

Norbert Walter: Das Vertrauen in die Finanzinstitute und die Funktionsfähigkeit der Finanzmärkte insgesamt ist nachhaltig erschüttert. Das US-Rettungspaket ist ein notwendiges und sinnvolles Element zur Stabilisierung der Banken. Denn das Paket trägt dazu bei, dass die «faulen» Vermögenswerte aus den Bankbilanzen verschwinden. Offen aber ist, ob das Paket ausreicht. So bleibt unter anderem offen, wie die Banken sich rekapitalisieren. Aber wenn weitere Bausteine folgen, kann das Vertrauen der Banken untereinander wieder etabliert werden. Freilich wird es bedeutend länger dauern, das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen.

Wann werden Banken einander wieder Kredite gewähren?

Walter: Nicht unmittelbar. Die Bereitschaft zum gegenseitigen Verleihen wird dann wieder grösser werden, wenn man zu Recht vermuten darf, dass die Bewertungen der riskanten Positionen auch steigen und nicht nur fallen können.

Braucht es auch eine konzertierte Aktion auf europäischer Ebene?

Walter: Ein systematischer europäischer Ansatz der EU sollte weiter über die EZB für Liquidität auf dem Geldmarkt sorgen, ein vergleichbares Rettungspaket zu dem amerikanischen schnüren, ein gemeinsames Vorgehen bei der Einlagensicherung, ein einheitliches Regime für den Umgang mit insolventen Finanzinstituten sowie einen Plan für eine europäische Finanzaufsicht beinhalten, um solche Turbulenzen in Zukunft zu vermeiden.

Mit dem amerikanischen Rettungsplan werden auch strengere Vorschriften auf den Weg gebracht. Besteht die Gefahr, dass über das Ziel hinausgeschossen wird?

Walter: Mit dem Plan soll verhindert werden, dass wiederum Hypotheken vergeben werden, die ohne Basis sind. Ein paar Aufsichtsregeln und ein paar Regeln für die Art, wie man Kredite vergibt, wie man mit Eigenkapital unterlegt, das muss zum Paket kommen. Sonst leisten die Steuerzahler nur Hilfe, und die Finanzmärkte machen hinterher dasselbe wieder. Das darf ja nicht sein. Doch nicht alle Ideen sind überzeugend. Wenn zum Beispiel der Staat sagt, wie die Besoldung der Manager im Detail aussehen soll, wird es schwierig. Es wäre gescheiter, die Aktionäre darüber entscheiden zu lassen.

Mit der Rettungsaktion wird die Grenze für die US-Staatsverschuldung auf über 11000 Mrd Dollar erhöht. Ein Grund zur Besorgnis?

Walter: Wir sollten die Kirche im Dorf lassen. Auch nach diesem grossen Programm werden die Amerikaner weniger Staatsverschuldung haben als im Durchschnitt die europäischen Länder. Wir sollten nicht so tun, als ob wir Europäer alles im Griff hätten und die Amerikaner tief in der Tinte sässen. Das Problem der Amerikaner ist nicht die hohe Staatsverschuldung, sondern die hohe Verschuldung der Privathaushalte. Jetzt wird der Konsum beeinträchtigt: Wir werden in den USA lange kein Wachstum des Konsums von über 3% mehr sehen.

Wie stark bricht die US-Konjunktur ein?

Walter: Der Abschwung wird sich fortsetzen, dafür sind zu viele Teile der US-Wirtschaft betroffen. Im Finanzsektor wird es Entlassungen und sehr deutliche Einkommenskürzungen geben. Die Immobilienpreise fallen weiter, die Bauwirtschaft schrumpft. Unternehmen werden zusammenbrechen. Ich erwarte, dass die Amerikaner gegen Ende 2009 eine um 4 Prozentpunkte tiefere Kapazitätsauslastung haben werden als zu Beginn der Krise.

Bedeutet dies eine lange Rezession?

Walter: Ob das formal eine Rezession ist, weiss ich nicht. Doch es fühlt sich an wie eine. Die Amerikaner sind es nicht gewohnt, lange Zeit eine Abwärtsbewegung zu haben. Dieses Mal kann wegen der schwierigen Konjunktur und der Probleme im Immobilien- und Baubereich eine lange Korrekturphase nicht abgewendet werden. Im 2. Halbjahr gibt es eine Rezession, denn die Wirkung der Steuerschecks ist aufgebraucht. 2009 werden die USA nahe am Nullwachstum sein.

Wann gibt es Aussicht auf Besserung?

Walter: Die konjunkturelle Verbesserung wird erst einsetzen, wenn bei den verschiedenen Blasen Korrekturen stattgefunden haben. Das heisst, wenn wir zum Beispiel bei den Häuserpreisen den tiefsten Punkt gesehen haben. Die frühste Periode, in der ich erwarte, dass die Dinge auslaufen könnten, ist gegen Ende des nächsten Jahres oder zu Beginn 2010. Ich erwarte, dass es dann einige politische Massnahmen und Wechselkursänderungen gibt, die der amerikanischen Wirtschaft wieder auf die Beine helfen.

Wie stark wird sich demnach der Dollar abschwächen?

Walter: Ich denke anders als die meisten auf dem Parkett. In meinem Urteil werden wir keinen Gleichgewichtswechselkurs in nächster Zeit sehen. Vielmehr werden wir 2009 einen durchschnittlichen Wechselkurs um die 1.55 USD/EUR haben. Denn die USA haben bereits ihr konjunkturelles Pulver verschossen, weder können die Zinsen weiter gesenkt werden, noch ist aufgrund der stark steigenden Staatsverschuldung ein weiterer Steuerscheck denkbar. Offenkundig ist ein schwacher Dollar für die USA die einzige Möglich- keit, die Wirtschaft zu stärken und das Leistungsbilanzdefizit zurückzuführen.

Wie leidet die Weltwirtschaft unter dieser Schwächephase der USA? Wird auch die Weltwirtschaft in eine Rezession fallen?

Walter: Eine Rezession halte ich nicht für plausibel. Die Weltwirtschaft wird 2008 und 2009 zwei Prozentpunkte weniger wachsen als bislang, also knapp 2% Wachstum anstatt knapp 4% Wachstum. Es stellt sich aber die Frage, ob man die Länder zusammenzählen soll. Die Entwicklungs- und Schwellenländer werden auch 2009 noch deutlich wachsen. Anders sieht es für die alten Länder der Weltwirtschaft aus. Diese werden bis Ende 2009 stagnieren.

Europa wird gleich stark getroffen wie Amerika?

Walter: Ja, Europa ist nicht in einer besseren Verfassung als die USA. Ich vermute, dass Europa genauso schwach aussehen wird wie die USA. Ich erwarte, dass wir bereits in diesem Jahr nahe an der Stagnation sein werden und dass die Wirtschaft auch 2009 noch Nullwachstum haben wird. Einige Länder in Europa haben ebenfalls mit den Verwerfungen am Immobilienmarkt zu kämpfen, wie etwa Spanien oder Irland. Und Länder wie Deutschland sind stark vom Export und damit der Weltkonjunktur abhängig. Ab 2010 gibt es aber auch in Europa Hoffnung auf Besserung, allerdings nicht überall. In Spanien und Italien zum Beispiel nicht.

Und in der Schweiz?

Walter: Die Schweiz hat zwar kein ausgeprägtes Immobilienproblem, doch wenn der Finanzsektor einen so grossen Anteil am Bruttoinlandprodukt (BIP) hat, tut man sich sehr schwer, Wachstum zu erreichen. Die Schweiz ist mindestens so schwach wie der Rest Europas. Die Schweizer Wirtschaft wird wohl mindestens drei Jahre lang stagnieren.

Wie stark schrumpft der Finanzsektor in der Schweiz?

Walter: Das ist schwierig zu sagen. Ich rechne damit, dass der Sektor um rund 10% schrumpfen wird und demnach künftig nur noch 11,5 anstatt 12,5% zum Bruttoinlandprodukt (BIP) beiträgt. Das ist schon eine markante Veränderung.

Drohen jetzt massive Entlassungen?

Walter: Einige Kostensenkungen werden erst mit Verzögerung kommen, weil viele immer noch glauben, es komme nicht so schlimm. Dann stellt man plötzlich fest, jetzt kommt das dritte Jahr des Geschäftsrückgangs, und dann kann man nicht mehr durchhalten. Wenn der Bankensektor um 10% schrumpft, wie ich es erwarte, werden am Ende aber auch rund 10% der Stellen abgebaut werden müssen.

Welche Erwartungen darf man an den Bankensektor noch haben?

Walter: Es ist klar, dass Geschäft wegfällt: Börsengänge, Übernahmen oder Anleiheemissionen.

Gibt es überhaupt keine Geschäfte mehr, die wachsen?

Walter: Nur wenige. Ich denke etwa an Rohstoffgeschäfte und an Wachstum in Schwellen- und Entwicklungsländern. Das eine oder andere Haus kann dadurch wachsen, nicht aber der gesamte Sektor.

Das tönt, als müsse man den Bankensektor über die nächsten Jahre abschreiben?

Walter: Jedenfalls als Wachstumssektor. Es wird Beschneidungen geben. Doch nach zwei oder drei Jahren werden sich die Bankmanager sagen, so langweilig wollte ich es aber nicht haben. Dann wird der Risikoappetit wieder zurückkehren.

Mit welchen Veränderungen muss sonst noch gerechnet werden?

Walter: Es wird neue strategische Eigentümer geben. Reiche Investoren können mit ihrem Eigenkapital strategische Positionen aufbauen. Chinesen, reiche Leute aus Ölländern und Russen werden sich an Finanzinstituten beteiligen, aber auch an anderen Unternehmen.

Einige Staatsfonds haben sich bereits die Finger verbrannt ...

Walter: Die Staatsfonds werden in Zukunft nicht mehr so blauäugig sein, doch ihr Appetit zur Investition bleibt erhalten und die gebeutelten Institute in den Industrieländern werden Eigenkapital brauchen und es nehmen, wo auch immer es herkommt.

Amerikanische und europäische Banken werden chinesisch?

Walter: Ich glaube nicht, dass Banken mehrheitlich von Investoren aus solchen Ländern übernommen werden. Deren Fähigkeiten im Finanzsektor sind eher unterentwickelt. Deshalb können sie zwar ein finanzielles Engagement eingehen, aber keine strategische Übernahme tätigen. Mehrheiten werden sie in solchen Unternehmen anstreben, wo sie viel Managementverständnis besitzen, zum Beispiel im Energiebereich.

Verschieben sich damit die Machtverhältnisse?

Walter: Die USA und Europa werden verlieren. Alle Rohstoffländer, auch die arabischen Länder und Russland, muss man dagegen auf seinem Radarschirm haben. Wir bewegen uns auf «Kapitalismus mit asiatischem Gesicht» zu.

SMI6.155,9-1,7minus-0,0%
SPI5.583,7-1,4minus-0,0%
SLI940,30,2plus0,0%
SMIM1.197,4-2,9minus-0,2%
DAX 306.748,8-5,4minus-0,1%
EURO STOXX 502.512,9-1,2minus-0,0%
Dow Jones Ind.12.884,05,8plus0,0%
S&P 5001.263,013,4plus1,1%
NASDAQ Composite Index2.648,4-0,4minus-0,0%
Nikkei 2259.015,698,1plus1,1%
EUR/CHF1,21020,0plus0,1%
USD/CHF0,91260,0plus0,1%
Ölpreis (WTI)99,10,7plus0,7%
Goldpreis1.736,0-12,4minus-0,7%

Top und Flops

NameKurs+/-+/- %
25,230,230,92
162,301,300,81
36,100,280,78
13,100,080,61
230,400,900,39
46,50-0,55-1,17
394,20-4,10-1,03
53,40-0,50-0,93
291,80-2,10-0,71
51,30-0,35-0,68
NameKurs+/-+/- %
2,100,157,58
22,840,441,96
34,470,521,53
29,850,210,71
32,520,160,48
7,51-0,11-1,47
56,71-0,84-1,46
77,03-1,02-1,31
54,25-0,67-1,22
17,00-0,20-1,13
NameKurs+/-+/- %
3,320,206,56
1,620,053,33
17,250,553,29
34,660,982,89
37,911,052,83
55,65-0,81-1,44
7,28-0,09-1,18
54,45-0,55-1,00
123,94-1,23-0,98
25,12-0,24-0,95

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