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Attraktive Schweiz: Unterschiede in der Wahrnehmung

Das Bild der Schweiz als reiches Land und attraktiver Produktionsstandort hat Kratzer bekommen - der gegenwärtige Zustand irritiert. Entstanden ist ein merkwürdiger Gegensatz zwischen realem ­Erleben

VonKlaus W. Wellershoff
21.04.2012

Die Schweiz ist ein reiches Land. Viele Jahrzehnte harte Arbeit und eine geschickte Landespolitik ­haben aus einem Land, das einst seine Söhne als Landsknechte ins Ausland schicken musste, weil es daheim nicht genug Arbeit gab, ein Einwanderungsland ­gemacht. Der stete Strom an Zuwanderung ist dabei nicht ein neues Phänomen. Schon zu ­Beginn des letzten Jahrhunderts lag der Anteil der Ausländer an der Wohnbevölkerung bei gut 12 Prozent. Seit 1980 ist diese Zahl im Schnitt pro Jahr um gut ein viertel Prozent gestiegen.

Die Schweiz ist offensichtlich ein attraktives Land. Eine über Jahre florierende Industrie und ein starker Finanzplatz, aber auch eine marktwirtschaftlich orientierte Politik hat die Schweiz wirtschaftlich zu einem Standort gemacht, an dem weltweit wettbewerbsfähige Unternehmen gerne zu Hause sind. Die zentrale Lage in Europa und eine wunderschöne Landschaft waren dabei wichtige natürliche Vorteile. Eine moderate Steuer- und Ausgabenpolitik, aber auch eine auf Geldwertstabilität ausgerichtete Geldpolitik hat die Schweiz zu einem Hort der Stabilität gemacht.

Der gegenwärtige Zustand der Schweiz irritiert

Jüngst ist die Schweiz allerdings nicht mehr reicher, sondern ärmer geworden. Der in den letzten Jahren beobachtete dramatische Wertzuwachs des Frankens hat dazu geführt, dass das über Jahrzehnte positiver Handels- und ­Ertragsbilanzen angewachsene Auslandvermögen deutlich an Wert verloren hat. Diese Feststellung irritiert, sehen viele von uns die Frankenstärke doch auch – und wahrscheinlich nicht zu Unrecht – als eine Art Kompliment. Der Franken ist stark, so meinen wir, eben weil die Schweiz ein attraktiver Standort ist, weil die Schweiz kein Staatsverschuldungsproblem kennt und weil in der Schweiz über Jahrzehnte Geldwertstabilität geherrscht hat.

Widersprüchlich erscheint dieser Vermögensverlust auch, weil wir uns doch dank dem starken Franken im Ausland mehr leisten können. Nicht nur das Reisen wird billiger, auch bei den Preisen für Importgüter ist einiges in Be­wegung geraten. Insbesondere bei den lang­lebigen Gebrauchsgütern freuen wir uns über teilweise gewaltige Preisabschläge. Das reflektiert sich auch so in den Befragungen der Konsumenten. Auf die Frage, ob jetzt der richtige Zeitpunkt für grössere Anschaffung sei, sind die Menschen so optimistisch wie seit 23 Jahren nicht mehr.

Die Preise fallen und das nicht zu knapp. So haben die grossen Automobilimporteure in den letzten Monaten zweistellige Preissenkungen umgesetzt. Wer direkt im Ausland einkauft, bekommt seine Wünsche sogar noch billiger erfüllt. Auch das spüren wir in den Statistiken deutlich: Die Konsumgüterimporte steigen, und im Schweizer Detailhandel ist Flaute an­gesagt. Allein im Februar ist der Umsatz im ­Detailhandel ohne Nahrungsmittel und Benzin um gut 5 Prozent gefallen. Und in den ersten beiden Monaten des Jahres lagen die Konsumgüterimporte 12 Prozent über den Werten des Vorjahres.

Der Produktionsstandortist in der Rezession

Damit fällt aber nicht nur die Nachfrage in Schweizer Geschäften weg, sondern auch die Nachfrage nach Schweizer Produkten. Und das aufgrund des starken Frankens natürlich nicht nur bei den Konsumgütern. Von vielen unbemerkt vermeldete die Schweizer Industrie bereits seit dem 3. Quartal des letzten Jahres, dass die Produktion unter den jeweiligen Vorjahreswerten liegt. Bei gleichzeitig fallendem Auftragseingang und anhaltend starkem Franken ist wohl auch für das 1. Quartal nicht mit einem Anziehen zu rechnen. Der Produktionsstandort Schweiz ist in der Rezession.

Auch hier ist der Hintergrund der Entwicklung der starke Franken. So sind die Exporte zwar immer noch gewachsen, aber mit immer kleineren Raten und vor allem deutlich lang­samer als die der wichtigsten Wettbewerber. Da dies darüber hinaus nur bei fallenden Exportpreisen möglich war, müssen wir feststellen, dass die Exportindustrie bei sinkenden Margen internationale Marktanteile verloren hat. Noch schlimmer: Seit Jahresbeginn wächst der Export nicht mehr. Bei gleichzeitig anziehenden Importen verschlechtert sich somit die Handelsbilanz, womit die Schweiz deutlich an Wachstum verloren hat.

Die Liste der Hiobsbotschaften zur hiesigen Konjunktur, die uns im Augenblick treffen, liesse sich beliebig verlängern. So haben wohl auch die Hoteliers nicht umsonst im vergangenen Herbst die Alarmglocken geläutet, immerhin sind die Logiernächte zu Beginn des Jahres mit minus 1,4 Prozent weiter rückläufig. Auch in der Gastronomie stehen die Zeichen auf Sturm.

Der eigentliche Test für die Schweizer Konjunktur steht allerdings noch aus. Wie werden sich die Investitionen am Standort Schweiz in den kommenden Quartalen entwickeln? Bei wohl fallenden Unternehmensgewinnen und weiter schwierigen Wirtschaftsnachrichten lässt sich hier nichts Gutes erahnen. Seit vier Quartalen sind die Wachstumsraten der Anlage­investitionen in der Schweiz rückläufig. Ob die Bauinvestitionen diesen negativen Effekt auch weiter überkompensieren können, erscheint fraglich. Wahrscheinlicher ist angesichts der wachsenden Überkapazitäten bei Gewerbe­immobilien und Büroflächen eine anhaltend hohe, aber keine weitere Beschleunigung der Produktion.

Trotz all dieser schwierigen Entwicklungen versuchen sich öffentliche Institutionen und universitätsnahe Konjunkturforscher in Optimismus. So haben KOF, BAK, Seco und Nationalbank uns jüngst von einem verbesserten Ausblick berichtet und ihre Wachstumsprognosen nach oben korrigiert. Damit entsteht ein merkwürdiger Gegensatz zwischen realem ­Erleben in der Wirtschaftswelt und offiziell zur Schau getragenem Optimismus. Woran das liegt?

Konsumenten und Ökonomenmit unterschiedlicher Sicht

Wohl an der unterschiedlichen Perspektive. Genau wie bei den Konsumenten, die sich beim Ausgeben des Geldes reicher und damit besser fühlen, befragt zu ihrem Arbeitsplatz aber sehr besorgt antworten, sieht es wohl auch bei den Ökonomen aus. Wahrscheinlich ist es einfach der Gegensatz im Erleben zwischen denjenigen, die das Geld ausgeben dürfen, das andere erwirtschaften, und denjenigen, die das Geld erst einmal verdienen müssen. Wer am Ende recht behält, entscheidet pikanterweise die Statistik der Beamten aus Bern. Ob es dann noch einen Produktionsstandort Schweiz gibt, auf den wir stolz sein können, steht auf einem anderen Blatt.

Klaus W. Wellershoff ist Chef der international tätigen Unternehmensberatung Wellershoff & Partners, Zürich, und Honorarprofessor für angewandte Volkswirtschaftslehre an der Universität St.Gallen.

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Die Schweiz ist offensichtlich ein attraktives Land. Eine über Jahre florierende Industrie und ein starker Finanzplatz, aber auch eine marktwirtschaftlich orientierte Politik hat die Schweiz wirtschaftlich zu einem Standort gemacht, an dem weltweit wettbewerbsfähige Unternehmen gerne zu Hause sind. Die zentrale Lage in Europa und eine wunderschöne Landschaft waren dabei wichtige natürliche Vorteile. Eine moderate Steuer- und Ausgabenpolitik, aber auch eine auf Geldwertstabilität ausgerichtete Geldpolitik hat die Schweiz zu einem Hort der Stabilität gemacht.

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Jüngst ist die Schweiz allerdings nicht mehr reicher, sondern ärmer geworden. Der in den letzten Jahren beobachtete dramatische Wertzuwachs des Frankens hat dazu geführt, dass das über Jahrzehnte positiver Handels- und ­Ertragsbilanzen angewachsene Auslandvermögen deutlich an Wert verloren hat. Diese Feststellung irritiert, sehen viele von uns die Frankenstärke doch auch – und wahrscheinlich nicht zu Unrecht – als eine Art Kompliment. Der Franken ist stark, so meinen wir, eben weil die Schweiz ein attraktiver Standort ist, weil die Schweiz kein Staatsverschuldungsproblem kennt und weil in der Schweiz über Jahrzehnte Geldwertstabilität geherrscht hat.

Widersprüchlich erscheint dieser Vermögensverlust auch, weil wir uns doch dank dem starken Franken im Ausland mehr leisten können. Nicht nur das Reisen wird billiger, auch bei den Preisen für Importgüter ist einiges in Be­wegung geraten. Insbesondere bei den lang­lebigen Gebrauchsgütern freuen wir uns über teilweise gewaltige Preisabschläge. Das reflektiert sich auch so in den Befragungen der Konsumenten. Auf die Frage, ob jetzt der richtige Zeitpunkt für grössere Anschaffung sei, sind die Menschen so optimistisch wie seit 23 Jahren nicht mehr.

Die Preise fallen und das nicht zu knapp. So haben die grossen Automobilimporteure in den letzten Monaten zweistellige Preissenkungen umgesetzt. Wer direkt im Ausland einkauft, bekommt seine Wünsche sogar noch billiger erfüllt. Auch das spüren wir in den Statistiken deutlich: Die Konsumgüterimporte steigen, und im Schweizer Detailhandel ist Flaute an­gesagt. Allein im Februar ist der Umsatz im ­Detailhandel ohne Nahrungsmittel und Benzin um gut 5 Prozent gefallen. Und in den ersten beiden Monaten des Jahres lagen die Konsumgüterimporte 12 Prozent über den Werten des Vorjahres.

Der Produktionsstandortist in der Rezession

Damit fällt aber nicht nur die Nachfrage in Schweizer Geschäften weg, sondern auch die Nachfrage nach Schweizer Produkten. Und das aufgrund des starken Frankens natürlich nicht nur bei den Konsumgütern. Von vielen unbemerkt vermeldete die Schweizer Industrie bereits seit dem 3. Quartal des letzten Jahres, dass die Produktion unter den jeweiligen Vorjahreswerten liegt. Bei gleichzeitig fallendem Auftragseingang und anhaltend starkem Franken ist wohl auch für das 1. Quartal nicht mit einem Anziehen zu rechnen. Der Produktionsstandort Schweiz ist in der Rezession.

Auch hier ist der Hintergrund der Entwicklung der starke Franken. So sind die Exporte zwar immer noch gewachsen, aber mit immer kleineren Raten und vor allem deutlich lang­samer als die der wichtigsten Wettbewerber. Da dies darüber hinaus nur bei fallenden Exportpreisen möglich war, müssen wir feststellen, dass die Exportindustrie bei sinkenden Margen internationale Marktanteile verloren hat. Noch schlimmer: Seit Jahresbeginn wächst der Export nicht mehr. Bei gleichzeitig anziehenden Importen verschlechtert sich somit die Handelsbilanz, womit die Schweiz deutlich an Wachstum verloren hat.

Die Liste der Hiobsbotschaften zur hiesigen Konjunktur, die uns im Augenblick treffen, liesse sich beliebig verlängern. So haben wohl auch die Hoteliers nicht umsonst im vergangenen Herbst die Alarmglocken geläutet, immerhin sind die Logiernächte zu Beginn des Jahres mit minus 1,4 Prozent weiter rückläufig. Auch in der Gastronomie stehen die Zeichen auf Sturm.

Der eigentliche Test für die Schweizer Konjunktur steht allerdings noch aus. Wie werden sich die Investitionen am Standort Schweiz in den kommenden Quartalen entwickeln? Bei wohl fallenden Unternehmensgewinnen und weiter schwierigen Wirtschaftsnachrichten lässt sich hier nichts Gutes erahnen. Seit vier Quartalen sind die Wachstumsraten der Anlage­investitionen in der Schweiz rückläufig. Ob die Bauinvestitionen diesen negativen Effekt auch weiter überkompensieren können, erscheint fraglich. Wahrscheinlicher ist angesichts der wachsenden Überkapazitäten bei Gewerbe­immobilien und Büroflächen eine anhaltend hohe, aber keine weitere Beschleunigung der Produktion.

Trotz all dieser schwierigen Entwicklungen versuchen sich öffentliche Institutionen und universitätsnahe Konjunkturforscher in Optimismus. So haben KOF, BAK, Seco und Nationalbank uns jüngst von einem verbesserten Ausblick berichtet und ihre Wachstumsprognosen nach oben korrigiert. Damit entsteht ein merkwürdiger Gegensatz zwischen realem ­Erleben in der Wirtschaftswelt und offiziell zur Schau getragenem Optimismus. Woran das liegt?

Konsumenten und Ökonomenmit unterschiedlicher Sicht

Wohl an der unterschiedlichen Perspektive. Genau wie bei den Konsumenten, die sich beim Ausgeben des Geldes reicher und damit besser fühlen, befragt zu ihrem Arbeitsplatz aber sehr besorgt antworten, sieht es wohl auch bei den Ökonomen aus. Wahrscheinlich ist es einfach der Gegensatz im Erleben zwischen denjenigen, die das Geld ausgeben dürfen, das andere erwirtschaften, und denjenigen, die das Geld erst einmal verdienen müssen. Wer am Ende recht behält, entscheidet pikanterweise die Statistik der Beamten aus Bern. Ob es dann noch einen Produktionsstandort Schweiz gibt, auf den wir stolz sein können, steht auf einem anderen Blatt.

Klaus W. Wellershoff ist Chef der international tätigen Unternehmensberatung Wellershoff & Partners, Zürich, und Honorarprofessor für angewandte Volkswirtschaftslehre an der Universität St.Gallen.

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