Frankenstärke: Mindestkurs wird schwieriger zu halten

Die Kurstaucher des Euros unter 1.20 Franken geben Ökonomen zu denken: Ob die SNB den Mindestkurs weiterhin ohne grössere Markteingriffe durchsetzen kann, ist für sie fraglicher geworden.

11.04.2012

Der Franken ist gegenüber dem Euro nur wenig über dem von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) proklamierten Mindestkurs von 1.20 geblieben. Am Markt erwartet derzeit kaum jemand, dass sich der Kurs deutlich von der Untergrenze wegbewegt.

Obwohl die Kurstaucher unter 1.20 Franken am Gründonnerstag und - gemäss verschiedenen Berichten - in der Nacht auf den Ostermontag nur Sekundenbruchteile dauerten und dahinter vergleichsweise geringe Handelsvolumen standen, verursachten sie beträchtliche Aufregung.

Interims-Notenbankchef Thomas Jordan sah sich deshalb am Dienstag veranlasst, in Medienauftritten die Vorkommnisse als «Anomalien» zu relativieren und die Entschlossenheit der SNB zur Verteidigung der Untergrenze zu unterstreichen. Einen Einfluss auf die Wechselkurse zeigten die Aussagen zunächst kaum. Am Nachmittag lag der Euro-Wechselkurs mit 1.2015 Franken weiterhin nur sehr knapp über der Verteidigungslinie.

Ob die SNB den Mindestkurs weiterhin ohne grössere Markteingriffe durchsetzen kann, ist für Experten fraglicher geworden: «Das Risiko ist gestiegen, dass die Nationalbank ihr Versprechen einlösen muss, Fremdwährungen in unbegrenzten Mengen zu kaufen», schreibt etwa UBS-Experte Beat Siegenthaler in einem Kommentar.

Bereits der jüngste Ausweis der SNB habe zu Spekulationen geführt, wonach die Nationalbank im März Interventionen durchführen musste: Ihre Devisenreserven seien im vergangenen Monat immerhin um rund 10 Milliarden Franken gestiegen.

Sicherer Hafen

Als Hauptursache für den Aufwertungsdruck auf den Franken nennen die meisten Marktbeobachter die neue Anspannung in der Euro-Krise mit der aufflackernden Unsicherheit um Spanien. Nicht zur Beruhigung beigetragen hätten auch die jüngsten Wirtschaftsdaten aus den USA, die auf ein verlangsamtes Wachstum hindeuten.

Damit sei es zu einer erneuten Flucht in «sichere Häfen» gekommen, sagte etwa Währungsstratege Hans-Günter Redeker von der Bank Morgan Stanley in einem Interview mit dem Internetportal «Cash»: «Der Franken ist definitiv als 'safe haven' wieder begehrt.»

Die Zuflüsse seien dabei nicht nur aus der Euro-Peripherie erfolgt, sondern auch aus dem Nahen und Mittleren Osten aufgrund der dortigen instabilen Verhältnisse.

Anhebung kein Thema mehr

Die derzeitige Wechselkurssituation spiegle aber auch die Tatsache wider, dass die Fantasien über eine Anhebung der Untergrenze etwa auf 1.25 Franken aus dem Markt seien, sagte Alessandro Bee von der Bank Sarasin. «Heute glaubt niemand mehr an eine weitere Anhebung», erklärte der Sarasin-Ökonom.

Zu solchen Einschätzungen haben auch jüngste Wirtschaftsdaten der Schweiz beigetragen. Noch im letzten Jahr habe man befürchten müssen, dass sich die Schweizer Wirtschaft in eine Rezession bewege, sagte Bee. «Das scheint sich jetzt nicht zu bewahrheiten.»

«International wäre eine Abwertung des Frankens schwierig zu begründen, wenn gleichzeitig Vollbeschäftigung und Rekord-Handelsüberschüsse verzeichnet werden», sagte auch UBS-Experte Siegenthaler.

Ähnlich sieht es die Zürcher Kantonalbank. «Die SNB würde mit einem solchen Vorgehen ein hohes Risiko eingehen», warnte die ZKB-Ökonomin Cornelia Luchsinger. Letztlich bleibe der Zentralbank wohl nur die Option, die Situation auszusitzen.

(laf/chb/sda)

Diskussion
- Kommentare
Mehr zum Thema

Der Franken ist gegenüber dem Euro nur wenig über dem von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) proklamierten Mindestkurs von 1.20 geblieben. Am Markt erwartet derzeit kaum jemand, dass sich der Kurs deutlich von der Untergrenze wegbewegt.

Obwohl die Kurstaucher unter 1.20 Franken am Gründonnerstag und - gemäss verschiedenen Berichten - in der Nacht auf den Ostermontag nur Sekundenbruchteile dauerten und dahinter vergleichsweise geringe Handelsvolumen standen, verursachten sie beträchtliche Aufregung.

Interims-Notenbankchef Thomas Jordan sah sich deshalb am Dienstag veranlasst, in Medienauftritten die Vorkommnisse als «Anomalien» zu relativieren und die Entschlossenheit der SNB zur Verteidigung der Untergrenze zu unterstreichen. Einen Einfluss auf die Wechselkurse zeigten die Aussagen zunächst kaum. Am Nachmittag lag der Euro-Wechselkurs mit 1.2015 Franken weiterhin nur sehr knapp über der Verteidigungslinie.

Ob die SNB den Mindestkurs weiterhin ohne grössere Markteingriffe durchsetzen kann, ist für Experten fraglicher geworden: «Das Risiko ist gestiegen, dass die Nationalbank ihr Versprechen einlösen muss, Fremdwährungen in unbegrenzten Mengen zu kaufen», schreibt etwa UBS-Experte Beat Siegenthaler in einem Kommentar.

Bereits der jüngste Ausweis der SNB habe zu Spekulationen geführt, wonach die Nationalbank im März Interventionen durchführen musste: Ihre Devisenreserven seien im vergangenen Monat immerhin um rund 10 Milliarden Franken gestiegen.

Sicherer Hafen

Als Hauptursache für den Aufwertungsdruck auf den Franken nennen die meisten Marktbeobachter die neue Anspannung in der Euro-Krise mit der aufflackernden Unsicherheit um Spanien. Nicht zur Beruhigung beigetragen hätten auch die jüngsten Wirtschaftsdaten aus den USA, die auf ein verlangsamtes Wachstum hindeuten.

Damit sei es zu einer erneuten Flucht in «sichere Häfen» gekommen, sagte etwa Währungsstratege Hans-Günter Redeker von der Bank Morgan Stanley in einem Interview mit dem Internetportal «Cash»: «Der Franken ist definitiv als 'safe haven' wieder begehrt.»

Die Zuflüsse seien dabei nicht nur aus der Euro-Peripherie erfolgt, sondern auch aus dem Nahen und Mittleren Osten aufgrund der dortigen instabilen Verhältnisse.

Anhebung kein Thema mehr

Die derzeitige Wechselkurssituation spiegle aber auch die Tatsache wider, dass die Fantasien über eine Anhebung der Untergrenze etwa auf 1.25 Franken aus dem Markt seien, sagte Alessandro Bee von der Bank Sarasin. «Heute glaubt niemand mehr an eine weitere Anhebung», erklärte der Sarasin-Ökonom.

Zu solchen Einschätzungen haben auch jüngste Wirtschaftsdaten der Schweiz beigetragen. Noch im letzten Jahr habe man befürchten müssen, dass sich die Schweizer Wirtschaft in eine Rezession bewege, sagte Bee. «Das scheint sich jetzt nicht zu bewahrheiten.»

«International wäre eine Abwertung des Frankens schwierig zu begründen, wenn gleichzeitig Vollbeschäftigung und Rekord-Handelsüberschüsse verzeichnet werden», sagte auch UBS-Experte Siegenthaler.

Ähnlich sieht es die Zürcher Kantonalbank. «Die SNB würde mit einem solchen Vorgehen ein hohes Risiko eingehen», warnte die ZKB-Ökonomin Cornelia Luchsinger. Letztlich bleibe der Zentralbank wohl nur die Option, die Situation auszusitzen.

(laf/chb/sda)

Meistgelesen

Schwarzgeld

Die deutsche Regierung kritisiert seit Jahren Steueroasen im Ausland. Doch bei genauer Betrachtung ist Deutschland für Ausländer sogar selbst ein Hort für unversteuerte Gelder. Mehr...

VonMichael Houben (ARD)
16.05.2013
Gold droht der Fall unter die 1000 Dollar
Szenario

Die Erholung nach dem Crash scheint nur von kurzer Dauer gewesen zu sein. Ein Rohstoffexperte der Credit Suisse sieht das Edelmetall nun vor einem noch drastischeren Preissturz. Mehr...

17.05.2013
Abercrombie & Fitch: Die extravaganten Wünsche des Chefs
Modemarke

Die Stewards von Abercrombie-&-Fitch-Chef Michael Jeffries müssen in Boxershorts arbeiten, das Silberbesteck nur mit schwarzen Handschuhen anfassen und ihn mit einem Phil-Collins-Song begrüssen. Mehr...

22.10.2012
Umstrittener Internet-Millionär greift sich Gewerkschafts-Villa
Immobilien

Der deutsche Tauschbörsen-Millionär Christian Alexander Schmid der Rapidshare AG kauft eine weitere Villa in der Schweiz. Der Deal steht im Schatten eines Strohmann-Geschäfts. Mehr...

VonChristian Bütikofer
03.04.2013
Neuheit

Das Projekt wurde über Jahre streng geheim gehalten. Nun stellte der Schweizer Flugzeugbauer in Genf seinen PC-24 erstmals vor. Der neue Businessjet kann auf kürzesten Pisten starten. Mehr...

VonStefan Eiselin
21.05.2013
Immobilienboom: Der Leichtsinn der Hausfrauen*
Kommentar

Es herrscht Leichtsinn im Land. Doch an der Schweizer Betonfront wächst die Beunruhigung, denn zwei von fünf neuen Hausbesitzern droht bei höheren Zinsen die Pleite. Mehr...

15.05.2013
Rang 10: Indien
Währungsreserven

Der Goldpreis korrigierte in den letzten Monaten kräftig nach unten, die Prognosen bleiben schlecht. Für die zehn Länder mit den grössten Goldreserven sind das unerfreuliche Neuigkeiten. Mehr...

18.05.2013

Die Handelszeitung – jetzt am Kiosk

 

 

Unsere Partner    

Immobilienboom: Der Leichtsinn der Hausfrauen* Lesen

Stadler-Rail-Chef zieht Klage gegen Alstom zurück. Lesen

Mövenpick eröffnet neues Restaurant in Zürich. Lesen

Aebi Schmidt schielt nach Weissrussland. Lesen

«EU darf Schweiz nicht wie Malaysia behandeln». Lesen

Orell Füssli: Neue Banknoten an der Grenze des Machbaren. Lesen

Die besten Online-Shops der Schweiz. Lesen

 

Das und vieles mehr finden Sie in der aktuellen Handelszeitung.
Zum Inhaltsverzeichnis

Abonnieren

Die Handelszeitung jede Woche in Ihrem Briefkasten zum günstigen Abopreis.

Abonnemente

Studenten-Abo

Dienste für Abonnenten:

Die Handelszeitung ist Gründerin und Mitglied von Suite 150 – dem Klub der ältesten Unternehmen der Schweiz.
Zur Übersicht...