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Weltwirtschaft: Das grösste Risiko liegt in Europa

Eine gespaltene Regierung in den USA und ein gespaltenes Europa bestimmen die wirtschaftliche Vorhersage für das Jahr 2013. Beide Seiten des Atlantiks bewegen sich politisch am Rande des Abgrunds.

VonJoseph E. Stiglitz
05.01.2013

Das Jahr 2012 war tatsächlich ein so schlechtes Jahr, wie ich dachte. Die Rezession in Europa war die prognostizierte Folge der Sparpolitik und eines Euro-Regelwerks, das zum Scheitern verurteilt war. Amerikas schwache Erholung – deren Wachstum kaum ausreicht, um Arbeitsstellen für Berufsanfänger zu schaffen – war die ebenso prognostizierte Folge eines politischen Stillstands, der die Inkraft­setzung von Präsident Obamas «American Jobs Act» verhinderte und die Wirtschaft auf eine «fiskalische Klippe» zusteuern lässt.

Die beiden wichtigsten Überraschungen ­waren die Konjunkturabschwächung in den Schwellenländern, die etwas steiler und grossflächiger war als erwartet, und Europas Zustimmung zu einigen wirklich bemerkenswerten ­Reformen – die allerdings immer noch weit hinter dem zurückbleiben, was notwendig ist.

China ist gegenüber Europa und den USA klar im Vorteil

Beim Ausblick auf das Jahr 2013 liegen die grössten Risiken in den USA und in Europa. China verfügt dagegen über die Instrumente, Ressourcen, Anreize und das Wissen, um eine harte Landung für seine Wirtschaft zu verhindern – und anders als in westlichen Ländern gibt es dort keinen Wählerkreis von Bedeutung, der mit tödlichen Ideen wie der «expansiven Sparpolitik» verheiratet wäre.

Die Chinesen haben ganz richtig verstanden, dass sie sich stärker auf die Qualität des Wachstums konzentrieren müssen als allein auf die Produktion. Das bringt sie von den Exporten ab, führt zu einem höheren Verbrauch im Inland und bringt ihre Wirtschaft somit wieder ins Lot. Doch auch wenn China sich neu ausrichtet, sollte trotz widriger globaler Wirtschaftsbedingungen ein Wachstum von etwa 7 Prozent die Rohstoffpreise stabil halten, wodurch Exporte aus Afrika und Lateinamerika begünstigt würden. Eine dritte Runde der quantitativen Lockerung durch die US-Notenbank könnte den ­Rohstoffexporteuren auch helfen, selbst wenn sie wenig zur Förderung des Wachstums in den USA beitragen würde.

Die USA werden sich nach der Wiederwahl Obamas wahrscheinlich weiter durchwursteln, wie sie es auch die letzten vier Jahre getan haben. Die sich andeutende Erholung auf dem Immobilienmarkt wird ausreichen, um dramatische politische Massnahmen abzuwehren, wie eine Abschreibung von Hypotheken, bei denen der geschuldete Kredit höher ist als der Marktwert des Hauses. Doch zumal die realen inflationsbereinigten Immobilienpreise immer noch 40 Prozent unter dem vorherigen Spitzenwert ­liegen, scheint eine starke Erholung des Immobilienmarktes (und der eng verwandten Baubranche) unwahrscheinlich zu sein.

Obamas republikanische Gegner werden dennoch sicherstellen, dass Amerikas eigene Form einer gemässigten Sparpolitik weitergeht. Die Beschäftigung im öffentlichen Sektor liegt derzeit ungefähr 600000 Arbeitsplätze unter dem Stand vor der Krise, während bei normalem Wachstum 1,2 Millionen zusätzliche Jobs ­entstanden wären, was ein Arbeitsplatzdefizit von fast 2 Millionen im öffentlichen Sektor bedeutet.

Doch das wirkliche Risiko für die Weltwirtschaft liegt in Europa. Spanien und Griechenland befinden sich in einer Depression, bei der keine Hoffnung auf Erholung in Sicht ist. Der Fiskalpakt der Euro-Zone ist keine Lösung und der Kauf von Staatsschulden durch die Euro­päische Zentralbank ist bestenfalls ein vorübergehendes Linderungsmittel. Wenn die EZB eine weitere Sparpolitik (so wie in Griechenland und Spanien) zur Bedingung für ihre Finanzierung macht, wird das Heilmittel lediglich den Zustand des Patienten verschlechtern.

Ebenso wird eine gemeinsame europäische Bankenaufsicht nicht ausreichen, um die anhaltende Abwanderung von Kapital aus den betroffenen Ländern aufzuhalten. Dazu ist ein angemessenes Einlagensicherungssystem notwendig, das es laut den nordeuropäischen Ländern nicht so bald geben wird. Obwohl die europäischen Politiker wiederholt das taten, was zuvor undenkbar erschien, standen ihre Reaktionen nicht im Einklang mit den Märkten. Sie unterschätzten durchwegs die negativen Auswirkungen ihrer Sparprogramme und überschätzten den Nutzen ihrer institutionellen Anpassungen.

Der Euro fördert Separatismus und Neonazismus

Bemerkenswert kurzlebig war der Effekt des längerfristigen Refinanzierungsgeschäfts der EZB in Höhe von 1 Billion Euro, mit dem Geschäftsbanken Geld geliehen wurde, um Staatsanleihen zu kaufen (eine Operation zur Selbsthilfe, welche so eigentümlich anmutete wie die ­Finanzierung von souveränen Staaten, um die Banken zu stützen). Europas Machthaber erkannten, dass sich die Schuldenkrise in der ­Peripherie ohne Wachstum nur verschlimmert, und sie erkannten (manchmal) sogar, dass Sparmassnahmen an dieser Front nicht weiterhelfen; trotzdem versäumten sie es bisher, ein wirksames Wachstumspaket zu schnüren.

Die Depression, die die europäischen Behörden Spanien und Griechenland auferlegten, hat bereits jetzt politische Konsequenzen. In Spa­nien sind Unabhängigkeitsbewegungen wieder aufgelebt, vor allem in Katalonien, während in Griechenland der Neonazismus auf dem Vormarsch ist. Der Euro, der mit dem erklärten Ziel geschaffen wurde, die Integration eines demokratischen Europa zu fördern, hat genau den ­gegenteiligen Effekt.

Die Lektion daraus lautet, dass Politik und Wirtschaft nicht zu trennen sind. Die Märkte ­allein sind vielleicht weder effizient noch stabil, aber die Politik der Deregulierung hat den Spielraum für beispiellose Exzesse geschaffen, die zu Vermögensblasen und der gewaltigen Krise ­geführt haben, die auf ihren Zusammenbruch folgte.

Die Politik bewegt sich am Rande des Abgrunds

Zudem hat die Krisenpolitik zu Reaktionen geführt, die nicht annähernd angemessen sind. Banken wurden gerettet, aber die zugrunde liegenden Probleme konnten weiter schwelen – das überrascht nicht, zumal die Aufgabe, die Probleme zu beseitigen, sowohl in Europa als auch in Amerika den Politikern übertragen ­wurde, die sie verursacht hatten. In Europa war es die Politik, nicht die Wirtschaft, die auf die Einführung des Euro hingearbeitet hatte; und es war die Politik, die zu einer grundlegend fehlerhaften Struktur führte, die viel Raum für Blasen schuf, aber wenig Spielraum, um mit den Schwierigkeiten fertig zu werden, die dies nach sich zog.

Eine Vorhersage für 2013 abzugeben bedeutet, vorherzusagen, wie eine gespaltene Regierung in den USA und ein gespaltenes Europa auf ihre jeweiligen Krisen antworten. Die Glaskugeln von Wirtschaftswissenschaftern sind immer trübe, aber jene von Politikwissenschaftern sind noch trüber. Trotzdem kann man annehmen, dass die USA sich wahrscheinlich ein weiteres Jahr durchwursteln werden – dabei werden sie weder über die Klippe geschubst noch werden sie sich auf den Weg zu einer ­so­liden Erholung machen. Doch auf beiden ­Seiten des Atlantiks wird die polarisierte Politik viel vorgetäuschte Tapferkeit beinhalten und sich am Rande des Abgrunds bewegen. Das Problem mit einer Politik am Rande des ­Abgrunds ist, dass man manchmal in den ­Abgrund fällt.

Joseph E. Stiglitz ist Nobelpreisträger in Wirtschafts­wissenschaften und Professor an der Columbia University. Sein jüngstes Buch heisst «Der Preis der Ungleichheit: Wie die Spaltung der Gesellschaft unsere Zukunft bedroht». © Project Syndicate, 2013

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Das Jahr 2012 war tatsächlich ein so schlechtes Jahr, wie ich dachte. Die Rezession in Europa war die prognostizierte Folge der Sparpolitik und eines Euro-Regelwerks, das zum Scheitern verurteilt war. Amerikas schwache Erholung – deren Wachstum kaum ausreicht, um Arbeitsstellen für Berufsanfänger zu schaffen – war die ebenso prognostizierte Folge eines politischen Stillstands, der die Inkraft­setzung von Präsident Obamas «American Jobs Act» verhinderte und die Wirtschaft auf eine «fiskalische Klippe» zusteuern lässt.

Die beiden wichtigsten Überraschungen ­waren die Konjunkturabschwächung in den Schwellenländern, die etwas steiler und grossflächiger war als erwartet, und Europas Zustimmung zu einigen wirklich bemerkenswerten ­Reformen – die allerdings immer noch weit hinter dem zurückbleiben, was notwendig ist.

China ist gegenüber Europa und den USA klar im Vorteil

Beim Ausblick auf das Jahr 2013 liegen die grössten Risiken in den USA und in Europa. China verfügt dagegen über die Instrumente, Ressourcen, Anreize und das Wissen, um eine harte Landung für seine Wirtschaft zu verhindern – und anders als in westlichen Ländern gibt es dort keinen Wählerkreis von Bedeutung, der mit tödlichen Ideen wie der «expansiven Sparpolitik» verheiratet wäre.

Die Chinesen haben ganz richtig verstanden, dass sie sich stärker auf die Qualität des Wachstums konzentrieren müssen als allein auf die Produktion. Das bringt sie von den Exporten ab, führt zu einem höheren Verbrauch im Inland und bringt ihre Wirtschaft somit wieder ins Lot. Doch auch wenn China sich neu ausrichtet, sollte trotz widriger globaler Wirtschaftsbedingungen ein Wachstum von etwa 7 Prozent die Rohstoffpreise stabil halten, wodurch Exporte aus Afrika und Lateinamerika begünstigt würden. Eine dritte Runde der quantitativen Lockerung durch die US-Notenbank könnte den ­Rohstoffexporteuren auch helfen, selbst wenn sie wenig zur Förderung des Wachstums in den USA beitragen würde.

Die USA werden sich nach der Wiederwahl Obamas wahrscheinlich weiter durchwursteln, wie sie es auch die letzten vier Jahre getan haben. Die sich andeutende Erholung auf dem Immobilienmarkt wird ausreichen, um dramatische politische Massnahmen abzuwehren, wie eine Abschreibung von Hypotheken, bei denen der geschuldete Kredit höher ist als der Marktwert des Hauses. Doch zumal die realen inflationsbereinigten Immobilienpreise immer noch 40 Prozent unter dem vorherigen Spitzenwert ­liegen, scheint eine starke Erholung des Immobilienmarktes (und der eng verwandten Baubranche) unwahrscheinlich zu sein.

Obamas republikanische Gegner werden dennoch sicherstellen, dass Amerikas eigene Form einer gemässigten Sparpolitik weitergeht. Die Beschäftigung im öffentlichen Sektor liegt derzeit ungefähr 600000 Arbeitsplätze unter dem Stand vor der Krise, während bei normalem Wachstum 1,2 Millionen zusätzliche Jobs ­entstanden wären, was ein Arbeitsplatzdefizit von fast 2 Millionen im öffentlichen Sektor bedeutet.

Doch das wirkliche Risiko für die Weltwirtschaft liegt in Europa. Spanien und Griechenland befinden sich in einer Depression, bei der keine Hoffnung auf Erholung in Sicht ist. Der Fiskalpakt der Euro-Zone ist keine Lösung und der Kauf von Staatsschulden durch die Euro­päische Zentralbank ist bestenfalls ein vorübergehendes Linderungsmittel. Wenn die EZB eine weitere Sparpolitik (so wie in Griechenland und Spanien) zur Bedingung für ihre Finanzierung macht, wird das Heilmittel lediglich den Zustand des Patienten verschlechtern.

Ebenso wird eine gemeinsame europäische Bankenaufsicht nicht ausreichen, um die anhaltende Abwanderung von Kapital aus den betroffenen Ländern aufzuhalten. Dazu ist ein angemessenes Einlagensicherungssystem notwendig, das es laut den nordeuropäischen Ländern nicht so bald geben wird. Obwohl die europäischen Politiker wiederholt das taten, was zuvor undenkbar erschien, standen ihre Reaktionen nicht im Einklang mit den Märkten. Sie unterschätzten durchwegs die negativen Auswirkungen ihrer Sparprogramme und überschätzten den Nutzen ihrer institutionellen Anpassungen.

Der Euro fördert Separatismus und Neonazismus

Bemerkenswert kurzlebig war der Effekt des längerfristigen Refinanzierungsgeschäfts der EZB in Höhe von 1 Billion Euro, mit dem Geschäftsbanken Geld geliehen wurde, um Staatsanleihen zu kaufen (eine Operation zur Selbsthilfe, welche so eigentümlich anmutete wie die ­Finanzierung von souveränen Staaten, um die Banken zu stützen). Europas Machthaber erkannten, dass sich die Schuldenkrise in der ­Peripherie ohne Wachstum nur verschlimmert, und sie erkannten (manchmal) sogar, dass Sparmassnahmen an dieser Front nicht weiterhelfen; trotzdem versäumten sie es bisher, ein wirksames Wachstumspaket zu schnüren.

Die Depression, die die europäischen Behörden Spanien und Griechenland auferlegten, hat bereits jetzt politische Konsequenzen. In Spa­nien sind Unabhängigkeitsbewegungen wieder aufgelebt, vor allem in Katalonien, während in Griechenland der Neonazismus auf dem Vormarsch ist. Der Euro, der mit dem erklärten Ziel geschaffen wurde, die Integration eines demokratischen Europa zu fördern, hat genau den ­gegenteiligen Effekt.

Die Lektion daraus lautet, dass Politik und Wirtschaft nicht zu trennen sind. Die Märkte ­allein sind vielleicht weder effizient noch stabil, aber die Politik der Deregulierung hat den Spielraum für beispiellose Exzesse geschaffen, die zu Vermögensblasen und der gewaltigen Krise ­geführt haben, die auf ihren Zusammenbruch folgte.

Die Politik bewegt sich am Rande des Abgrunds

Zudem hat die Krisenpolitik zu Reaktionen geführt, die nicht annähernd angemessen sind. Banken wurden gerettet, aber die zugrunde liegenden Probleme konnten weiter schwelen – das überrascht nicht, zumal die Aufgabe, die Probleme zu beseitigen, sowohl in Europa als auch in Amerika den Politikern übertragen ­wurde, die sie verursacht hatten. In Europa war es die Politik, nicht die Wirtschaft, die auf die Einführung des Euro hingearbeitet hatte; und es war die Politik, die zu einer grundlegend fehlerhaften Struktur führte, die viel Raum für Blasen schuf, aber wenig Spielraum, um mit den Schwierigkeiten fertig zu werden, die dies nach sich zog.

Eine Vorhersage für 2013 abzugeben bedeutet, vorherzusagen, wie eine gespaltene Regierung in den USA und ein gespaltenes Europa auf ihre jeweiligen Krisen antworten. Die Glaskugeln von Wirtschaftswissenschaftern sind immer trübe, aber jene von Politikwissenschaftern sind noch trüber. Trotzdem kann man annehmen, dass die USA sich wahrscheinlich ein weiteres Jahr durchwursteln werden – dabei werden sie weder über die Klippe geschubst noch werden sie sich auf den Weg zu einer ­so­liden Erholung machen. Doch auf beiden ­Seiten des Atlantiks wird die polarisierte Politik viel vorgetäuschte Tapferkeit beinhalten und sich am Rande des Abgrunds bewegen. Das Problem mit einer Politik am Rande des ­Abgrunds ist, dass man manchmal in den ­Abgrund fällt.

Joseph E. Stiglitz ist Nobelpreisträger in Wirtschafts­wissenschaften und Professor an der Columbia University. Sein jüngstes Buch heisst «Der Preis der Ungleichheit: Wie die Spaltung der Gesellschaft unsere Zukunft bedroht». © Project Syndicate, 2013

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