Wein: Die Schatzkammer

Der Verein Mémoire des Vins Suisses hat es sich zum Ziel gesetzt, das Entwicklungspotenzial grosser Schweizer Weine aufzuzeigen. Damit hat er Neuland betreten und ist eine wichtige Stimme in der helve

VonRudolf Trefzer
28.04.2012

Die Weinwelt ist sich einig. Grosse Weine zeigen ihr volles Potenzial, ihre spezifische Terroirprägung und ihren ganzen Facettenreichtum meist nicht schon in den Kinder- und Jugendjahren, sondern erst nach einer gewissen Reifezeit. Als Regel gilt, dass ein grosser, nobler Wein sich während mindestens zehn Jahren in positiver Richtung weiterentwickeln muss. Herausragende Gewächse, die dieses Kriterium erfüllen, gibt es grundsätzlich in allen Weinbaugebieten, wenn auch freilich nicht überall im gleichen Ausmass. Wie aber steht es diesbezüglich mit den Schweizer Weinen? Was hat es mit der nach wie vor weitverbreiteten Ansicht auf sich, dass helvetische Gewächse nicht oder nur schlecht zu altern vermögen? Ist die Schweiz tatsächlich in der Weinwelt ein negativer Sonderfall?

Gewiss nicht – davon waren die Weinjournalisten Andreas Keller, Susanne Scholl, Stefan Keller und Martin Kilchmann überzeugt. Um den Beweis anzutreten, dass dem nicht so ist, gründeten sie vor zehn Jahren den Klub Mémoire des Vins Suisses (MDVS), der zwei Jahre später in einen Verein umgewandelt wurde. In einem ersten Schritt selektionierten die MDVS-Gründer 21 Weine von ebenso vielen Spitzenproduzenten aus der ganzen Schweiz. Die ausgewählten Weine gehören zu den verlässlichsten Werten ihres Typs und ihrer Region. Aufgrund früherer Degustationen traute man ihnen zu, dass sie ein Alterungspotenzial von mindestens zehn Jahren haben könnten. Da das MDVS ein Langzeitprojekt ist, werden seither von jedem Jahrgang 60 Flaschen in einem zen­tralen Keller eingelagert. So lässt sich der Alterungs- beziehungsweise Reifeprozess der selektionierten Weine über die Jahre hinweg in Vergleichsdegustationen verfolgen und dokumentieren.

Seit der Gründung hat das MDVS Jahr für Jahr Zuwachs erhalten. Zurzeit gehören 50 der besten Winzer aus allen Weinbauregionen des Landes dem exklusiven Klub an. «Wir wollen jetzt einen Zwischenhalt einlegen», kommentiert Andreas Keller und fügt an: «Das heisst freilich nicht, dass die Mémoire-Türen künftig verschlossen bleiben werden.» Das MDVS entwickle sich immer mehr in Richtung einer Akademie des Schweizer Weins. Deshalb wolle man in Zukunft den Verein auch für Weinjournalisten und -publizisten sowie der Branche nahe stehende Wissenschafter und Gastronomen öffnen.

Das macht Sinn, denn längst hat sich der Verein zu einem wichtigen und glaubwürdigen Sprachrohr für die Belange des helvetischen Qualitätsweinbaus entwickelt. Tatsächlich liest sich das Mitgliederverzeichnis des MDVS wie ein Who is Who des Olymps der Schweizer Top-Winzer. Ging es anfänglich vor allem darum, das unterschätzte Alterungspotenzial des Schweizer Weins aufzuzeigen, so kamen mit der Zeit neue Aufgaben hinzu. «Als praktisch einzige gesamtschweizerische Organisation, die Produzenten aus allen sechs Weinbaugebieten vereint, wagt sich das MDVS auch an Aufgaben, an denen die offizielle Weinbranche unseres Landes aufgrund ihrer kantonalen und regionalen Partikularinteressen zu scheitern droht», erläutert Andreas Keller. Mit anderen Worten hat sich das MDVS zu einer gesamtschweizerischen Organisation gemausert, die – ohne Bundesgelder zu beziehen – ­die Weinschweiz mit viel beachteten Auf­tritten im In- wie auch im Ausland repräsentiert.

So hat es sich eingebürgert, dass das MDVS einmal pro Jahr seine Schatzkammer öffnet. Bei diesem Anlass, der mit der jährlichen Generalversammlung des Vereins zusammenfällt und der an einem jeweils wechselnden Ort stattfindet, wird dem Fachpublikum die Möglichkeit geboten, ausgewählte Jahrgänge von teilweise längst ausverkauften Mémoire-Weinen zu verkosten und dabei das Entwicklungs- und Alterungspotenzial und damit die Nobilität der präsentierten Weine zu prüfen. Ein breiteres Publikum kann dagegen beim ebenfalls jährlich im Kongresshaus in Zürich durchgeführten Grossanlass «Mémoire & Friends» die aktuellen Jahrgänge verschiedener Weine der Mémoire-Mitglieder und befreundeter Top-Winzer aus der ganzen Schweiz degustieren. Dieses Jahr wird «Mémoire & Friends» am 27. August stattfinden.

Diskussion
- Kommentare
Mehr zum Thema

Die Weinwelt ist sich einig. Grosse Weine zeigen ihr volles Potenzial, ihre spezifische Terroirprägung und ihren ganzen Facettenreichtum meist nicht schon in den Kinder- und Jugendjahren, sondern erst nach einer gewissen Reifezeit. Als Regel gilt, dass ein grosser, nobler Wein sich während mindestens zehn Jahren in positiver Richtung weiterentwickeln muss. Herausragende Gewächse, die dieses Kriterium erfüllen, gibt es grundsätzlich in allen Weinbaugebieten, wenn auch freilich nicht überall im gleichen Ausmass. Wie aber steht es diesbezüglich mit den Schweizer Weinen? Was hat es mit der nach wie vor weitverbreiteten Ansicht auf sich, dass helvetische Gewächse nicht oder nur schlecht zu altern vermögen? Ist die Schweiz tatsächlich in der Weinwelt ein negativer Sonderfall?

Gewiss nicht – davon waren die Weinjournalisten Andreas Keller, Susanne Scholl, Stefan Keller und Martin Kilchmann überzeugt. Um den Beweis anzutreten, dass dem nicht so ist, gründeten sie vor zehn Jahren den Klub Mémoire des Vins Suisses (MDVS), der zwei Jahre später in einen Verein umgewandelt wurde. In einem ersten Schritt selektionierten die MDVS-Gründer 21 Weine von ebenso vielen Spitzenproduzenten aus der ganzen Schweiz. Die ausgewählten Weine gehören zu den verlässlichsten Werten ihres Typs und ihrer Region. Aufgrund früherer Degustationen traute man ihnen zu, dass sie ein Alterungspotenzial von mindestens zehn Jahren haben könnten. Da das MDVS ein Langzeitprojekt ist, werden seither von jedem Jahrgang 60 Flaschen in einem zen­tralen Keller eingelagert. So lässt sich der Alterungs- beziehungsweise Reifeprozess der selektionierten Weine über die Jahre hinweg in Vergleichsdegustationen verfolgen und dokumentieren.

Seit der Gründung hat das MDVS Jahr für Jahr Zuwachs erhalten. Zurzeit gehören 50 der besten Winzer aus allen Weinbauregionen des Landes dem exklusiven Klub an. «Wir wollen jetzt einen Zwischenhalt einlegen», kommentiert Andreas Keller und fügt an: «Das heisst freilich nicht, dass die Mémoire-Türen künftig verschlossen bleiben werden.» Das MDVS entwickle sich immer mehr in Richtung einer Akademie des Schweizer Weins. Deshalb wolle man in Zukunft den Verein auch für Weinjournalisten und -publizisten sowie der Branche nahe stehende Wissenschafter und Gastronomen öffnen.

Das macht Sinn, denn längst hat sich der Verein zu einem wichtigen und glaubwürdigen Sprachrohr für die Belange des helvetischen Qualitätsweinbaus entwickelt. Tatsächlich liest sich das Mitgliederverzeichnis des MDVS wie ein Who is Who des Olymps der Schweizer Top-Winzer. Ging es anfänglich vor allem darum, das unterschätzte Alterungspotenzial des Schweizer Weins aufzuzeigen, so kamen mit der Zeit neue Aufgaben hinzu. «Als praktisch einzige gesamtschweizerische Organisation, die Produzenten aus allen sechs Weinbaugebieten vereint, wagt sich das MDVS auch an Aufgaben, an denen die offizielle Weinbranche unseres Landes aufgrund ihrer kantonalen und regionalen Partikularinteressen zu scheitern droht», erläutert Andreas Keller. Mit anderen Worten hat sich das MDVS zu einer gesamtschweizerischen Organisation gemausert, die – ohne Bundesgelder zu beziehen – ­die Weinschweiz mit viel beachteten Auf­tritten im In- wie auch im Ausland repräsentiert.

So hat es sich eingebürgert, dass das MDVS einmal pro Jahr seine Schatzkammer öffnet. Bei diesem Anlass, der mit der jährlichen Generalversammlung des Vereins zusammenfällt und der an einem jeweils wechselnden Ort stattfindet, wird dem Fachpublikum die Möglichkeit geboten, ausgewählte Jahrgänge von teilweise längst ausverkauften Mémoire-Weinen zu verkosten und dabei das Entwicklungs- und Alterungspotenzial und damit die Nobilität der präsentierten Weine zu prüfen. Ein breiteres Publikum kann dagegen beim ebenfalls jährlich im Kongresshaus in Zürich durchgeführten Grossanlass «Mémoire & Friends» die aktuellen Jahrgänge verschiedener Weine der Mémoire-Mitglieder und befreundeter Top-Winzer aus der ganzen Schweiz degustieren. Dieses Jahr wird «Mémoire & Friends» am 27. August stattfinden.

Meistgelesen

Management

Die «Handelszeitung» und das Beratungsunternehmen Obermatt analysierten die Leistung der Schweizer Konzernlenker. Hier sind die Sieger der Wahl zum CEO des Jahres 2013. Mehr...

19.06.2013
Vier Prozent bringen uns nicht um
Kommentar

Wie die Maus vor der Schlange starrt die Schweiz gebannt auf das Beben am Finanzplatz. Ja, der Steuerdeal mit den USA wird sehr teuer. Doch es geht hier nur um eine Branche. Die Schweiz überlebt das. Mehr...

VonBeat Balzli
19.06.2013
Schweizer Steuergelder für BVB und Co.
Fussball

Gerne kommen internationale Spitzenklubs für ein Trainingslager in die Schweiz. Die Vereine mit Millionenbudget zahlen den Gemeinden oft nur einen Teil der Kosten. Mehr...

VonTobias Keller
18.06.2013
Notenstein-Chef hält Bankenspaltung für gangbare Lösung
Steuerdeal

Adrian Künzi warnt die Politik vor einer Eskalation im Steuerstreit. Der Chef der Bank Notenstein erklärt auch, weshalb die Nationalbank die Banken nicht vor der US-Machtpolitik schützen kann. Mehr...

VonVasilije Mustur
18.06.2013
Gin Tonic
Dickmacher

Laue Sommernächte, kleine Häppchen und ein Glas mit Freunden - was gibt es Schöneres? Doch viele der alkoholischen Getränke können die Bikinifigur ruinieren. Die zehn schlimmsten Dickmacher. Mehr...

VonSandra Steinauer
19.06.2013
Katar soll deutsche Solarworld retten
Krise

Beim Solarhersteller steigt das Emirat Katar über eine Kapitalerhöhung ein. Der Anteil der bisherigen Aktionäre am Unternehmen verringert sich massiv. Mehr...

18.06.2013
Immobilienboom zieht vom Zürichsee ins Mittelland
Preise

Der Schweizer Immobilienmarkt kühlt langsam ab. Und er verlagert sich. Die Nachfrage in den Hochpreisregionen nimmt ab, dafür steigt sie anderswo. Mehr...

19.06.2013

Die Handelszeitung – jetzt am Kiosk

 

Aktuelle Ausgabe

 

Unsere Partner    

Bildergalerie: Die besten Manager der Schweiz. Lesen

Kommentar: Vier Prozent bringen uns nicht um. Lesen

Altersvorsorge: Professorin erwartet grosses Pensionskassensterben. Lesen

Economiesuisse: Zurück in der Realität. Lesen

Kleiderkette: Bayard übernimmt Zürcher Firma Schaad Mode. Lesen

Swift-Daten: USA haben Zugriff auf Schweizer Bankdaten. Lesen

Krankenkassen: Zahl der Betreibungen nimmt zu. Lesen

 

Das und vieles mehr finden Sie in der aktuellen Handelszeitung.
Zum Inhaltsverzeichnis

Abonnieren

Die Handelszeitung jede Woche in Ihrem Briefkasten zum günstigen Abopreis.

Abonnemente

Studenten-Abo

Dienste für Abonnenten:

Die Handelszeitung ist Gründerin und Mitglied von Suite 150 – dem Klub der ältesten Unternehmen der Schweiz.
Zur Übersicht...