11.01.2012 | 10:57
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Von:
Beat Balzli
 

Affäre Hildebrand: Irrtum Privatsphäre

Philipp Hildebrand schätzte die Grenzen der Privatsphäre falsch ein - und musste dafür zahlen. Doch so mancher Manager verhält sich noch deutlich hemmungsloser.

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Dossier: 

Vergangenen Donnerstag verliess die Familie Hildebrand den Zürcher Nobelitaliener «Conti» um 21 Uhr 58. Die Paparazzi der Boulevardzeitung «Blick» schossen das Paar vor der Eingangstür des Restaurants ab. Doch was geschah in den Stunden davor? Hatte sich Kashya Hildebrand für die Kartoffelgnocchi mit Morcheln für 32 Franken entschieden? Oder doch für die Seezunge vom Grill für 62 Franken? Hatte ihr Gatte Philipp Hildebrand dasselbe gewählt? Oder bewies er eine starke Persönlichkeit und orderte Spaghetti mit Venusmuscheln für 36 Franken?

In der Affäre um die möglichen Insidergeschäfte des zurückgetretenen Präsidenten der Schweizerischen Nationalbank bleiben viele Fragen unbeantwortet. Das ist gut so. Die Öffentlichkeit muss nicht wissen, wofür ein Zentralbanker sein Geld am Feierabend ausgibt. Doch bei der Seezunge endet die pekuniäre Privatsphäre auch schon. Die Öffentlichkeit muss wissen, wie ein Zentralbanker sein Geld investiert. Nur so lassen sich Reputationsschäden für die Arbeitgeberin verhindern.

Erschreckend naiv tätigte Hildebrand opulente Devisengeschäfte

Hildebrand erkannte den Unterschied zu spät. Erschreckend naiv ging er davon aus, dass die Familie des obersten Währungshüters wie jedermann opulente Devisengeschäfte -tätigen darf. Für sein unprofessionelles Verhalten musste er zahlen. Mit dem Irrtum über die Grenzen der Privatsphäre steht Hildebrand freilich nicht -alleine da. So mancher Top-Manager glaubt jenseits des Büros immer noch an die grenzenlose Freiheit. Einzig Insidertransaktionen mit den Aktien des eigenen Unternehmens gelten nicht mehr als Kavaliersdelikt. Ansonsten scheint alles erlaubt, egal wie viele Interessenkonflikte im Privatvermögen lauern.

Zur Fraktion der Hemmunglosen gehört etwa UBS-Chef Sergio Ermotti. In seiner Zeit als Vizechef der italienischen Grossbank Unicredit störte es ihn nicht, dass seine private Investmentfirma von seinem Konzern Kredite in dreistelliger Millionenhöhe erhielt. Das Geld stammte von der Unicredit-Tochter Hypovereinsbank, wo Ermotti gar als Aufsichtsratschef amtete (HZ vom 20. Oktober 2011). Bei dieser Vorgeschichte erstaunt es nicht, dass Ermotti die Aufregung über seine Panama-Beziehungen im vergangenen Herbst nicht verstehen konnte. Nur der Druck der Öffentlichkeit bewog ihn zur Aufgabe seiner privaten Mandate. Wahre Läuterung sieht anders aus.

Privatanlagen der Topmanager müssen überwacht werden

Ermottis Konkurrenz pflegt in der Freizeit ebenfalls einen sportlichen Anlagestil. Credit- Suisse-Präsident Urs Rohner investierte einst zusammen mit dem Staatsfonds des ehemaligen Diktators Muammar Gaddafi in ein libysches Hotelprojekt. Im Club mit Nestlé-Präsident Peter Brabeck und weiteren Investoren pumpte Rohner sein Geld über eine maltesische Zwischengesellschaft in den üblen Wüstenstaat. Obwohl die Nachricht das eigene Bankpersonal schockte, kann Rohner bis heute kein Problem erkennen. «Das Hotelprojekt ist immer ein salonfähiges Investment gewesen, obwohl Sie das Gegenteil geschrieben haben. Aber das ist wohl eher Ihr Drama», sagte er in einem Interview mit der «Handelszeitung».

Diese Sicht der Dinge wird noch für viele Skandale sorgen. Grosskonzerne und zentrale Institutionen müssen endlich dazu übergehen, die Privantanlagen des Spitzenpersonals systematisch zu überwachen. Von Treuhändern verwaltete Blind Pools, wie sie in den USA üblich sind, könnten eine Lösung sein. Interessenkonflikte wären von vornherein ausgeschlossen. Hildebrand kümmert das nicht mehr. Er ist nun frei – und dürfte sich sogar im «Conti» mit einer Flasche Cristal von Louis Roederer für 370 Franken betrinken. Ganz privat.

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