Entlassungen: Schlank und lahm

Ein Personalabbau spart zwar Kosten. Oftmals schwächt er aber die Innovationskraft des Unternehmens.

VonRuedi Arnold
18.02.2013

Der Abbau von Arbeitsplätzen kann den Wert eines Unternehmens scheinbar erhöhen. Am 22. Januar verkündete ABB, man werde im Bereich Turbo Systems 145 Stellen abbauen und das Werk in Deitingen SO Mitte 2014 schliessen. Vor der Bekanntgabe der Sparpläne kostete die Aktie des Elektrotechnikkonzerns 19.60 Franken. In den fünf Tagen nach der Meldung kletterten sie auf 19.90 Franken. Innert kurzer Zeit nahm also die Marktkapitalisierung von ABB um rund 700 Millionen Franken zu.

Derlei Schlussfolgerungen eignen sich vorzüglich für simple Parolen. «Die Börse ist schuld an der Arbeitslosigkeit», heisst es dann immer wieder. Aber sie sind falsch. Die deutschen Ökonomen Thorsten Knauer und Waik Lachmann von der Universität Münster untersuchten, welche Auswirkungen der angekündigte Personalabbau von 60 Unternehmen von 2000 bis 2009 auf deren Aktienkurs hatte. Die Erkenntnis: Die Abbauprogramme werden an der Börse im Schnitt neutral bewertet. Wichtig für die Reaktion der Börse ist das Motiv, Personal abzubauen. Geht es um Effizienzsteigerung, so kommt es zu positiven Kurs­effekten. Passt ein Unternehmen den ­Personalbestand einfach dem Umsatzrückgang an, sinken die Kurse tendenziell.

Arbeitsplätze und Rentabilität

Ob steigende oder sinkende Aktienkurse – eines geht bei Abbauprogrammen in Unternehmen oft vergessen. Sie haben meist langfristige Effekte. Allein schon deren Ankündigung lähmt die Produktivität des Personals und vor allem gefährden sie die Innovationskraft. Den Zusammenhang kennt auch Swatch. «Wir beschlossen, die Arbeitsplätze selbst im Falle eines recht substanziellen Umsatzrückganges zu behalten», schrieb der damalige Präsident Nicolas G. Hayek im Geschäftsbericht 2010. «Diese Entscheidung haben wir schon sehr früh publiziert, mit dem Ziel, unser Personal in Bezug auf die Sicherheit der Arbeitsplätze zu beruhigen und zu bekräftigen, dass es – auch in schwierigen Zeiten – nicht als Ware gesehen wird, sondern als Partner, der an den zukünftigen Ergebnissen, an der Innovation und an der Entwicklung unseres Unternehmens mitwirkt.» Und dies habe man getan, so der Patron, obwohl die Entscheidungen «in den Augen einiger Bankiers und Ökonomen unsinnig schienen».

Hayek lag richtig, wie die aktuelle Entwicklung der Gruppe zeigt. Umso mehr verteidigt Sohn Nick die Haltung seines inzwischen verstorbenen Vaters. Er verstehe die Zickzackstrategie vieler Firmen nicht, die brutal sparten und Leute auf die Stras­se setzten, erklärte er einmal. Dennoch bauen Unternehmen weiter Stellen ab. Letztes Jahr entliessen 55 Firmen 50 und mehr Mitarbeitende. Zusammen strichen sie gemäss dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund mehr als 11000 Stellen.

Die Forschung unterstreicht die Richtigkeit der Einsicht Hayeks. Laut Professor Kamel Mellahi von der Universität Sheffield in Grossbritannien gehen Entlassungen in vielen Fällen einher mit geringerer Innovation. «Unsere Forschung zeigt, dass viele Unternehmen als Folge des Personalabbaus nicht wie erwartet schlank und sparsam, sondern schlank und lahm werden.» Besonders negative Auswirkungen auf die Innovationskraft hätten Entlassungen mit dem Ziel, bloss Kosten zu senken, wenn zum Beispiel ­linear in allen Bereichen gespart werde. «Das tun Unternehmen in der Regel, weil sie sich wegen einer finanziellen Notlage nur noch kurzfristig orientieren», sagt Mellahi.

Doch es gibt durchaus auch andere Fälle. Wenn es darum gehe, sich aufs Kerngeschäft zu konzentrieren, hätten Entlassungen weniger gravierende Folgen. «Investitionen in Forschung, Entwicklung und Innovation des Kerngeschäfts wirken sich positiv aus.» Zudem hänge viel davon ab, wie das Unternehmen mit den weiterhin Beschäftigten und deren Sorge um die Sicherheit des Arbeitsplatzes umgehe und wie es die Entlassenen behandle. Andreas Schwarz unterstreicht die Erkenntnisse von Professor Mellahi. Der Personalfachmann referiert an der Universität St. Gallen über «Trennungsmanagement und Trennungskultur». Unfair und unprofessionell durchgeführte Entlassungen, sagt er, bewirkten ein Klima der Angst und Unsicherheit (siehe Interview). Beides ist Gift für Unternehmen, die in hohem Mass auf Innovationen angewiesen sind.

Austausch von Ideen

«Erfolgreich ist, wer Fehler zulässt, weil man daraus lernen kann und so unabhängiges Denken fördert. Erfolgreich ist zudem, wer offen auch über Schwierigkeiten spricht und einen regen, vertrauensvollen Austausch von Ideen unter den Mitarbeitenden begrüsst», folgern auch die Forscherinnen Sabine Hotho und Catherine Champion von der Dundee Business School in Schottland. Sie untersuchten die Voraussetzungen für Kreativität und Innovation. Dies alles ist schwer vorstellbar in einem Unternehmen, das im Personalabbau ein Allheilmittel sieht. «Es ist falsch, Leute zu entlassen, nur damit man ein möglichst hohes Gewinnwachstum beibehält und damit der Börse gefällt», argumentiert Hayek. Der Swatch-Chef hält das für «eine falsche Zielsetzung».

Auch Viral Acharya, Professor an der Stern School of Business in New York, kommt zum gleichen Schluss. In den USA, wo die Beschäftigten als gesetzlich schlecht geschützt gelten, wirken sich strengere Vorschriften für Entlassungen nach seinen Erkenntnissen positiv auf die Innovationskraft von Unternehmen aus. Am meisten profitierten jene, sagt Acharya, die auf Innovationen in besonderem Masse angewiesen sind. Wenn diese Personal abbauen, gehen zwangsläufig Know-how, Erfahrungen und Beziehungen verloren, die sich nicht leicht wieder ins Unternehmen holen lassen.

Dies müsste nicht sein. Daher empfehlen seit neuerem Beratungsunternehmen wie etwa die Uzwiler Outplacement 50 plus valable Alternativen zum traditionellen Stellenabbau. Sie raten beispielsweise zu neuen Arbeitsmodellen, die eine Kooperation der entlassenden Firma mit ihren ehemaligen Fach- und Führungskräften vorsehen. Diese langjährigen Mitarbeitenden sollen dem Unternehmen als Selbstständige mit ihrem Know-how zur Verfügung stehen, wodurch beiden Seiten gleichermas­sen gedient ist.

Interview mit Andreas Schwarz

Andreas Schwarz ist Mitglied der Geschäftsleitung bei der Unternehmensberatung von Rundstedt & Partner, Berlin, und Lehrbeauftragter an der Universität St. Gallen.

Besteht die Gefahr, dass besonders wertvolle Mitarbeiter ein Unternehmen verlassen, wenn es Personal abbaut, und dass dadurch die Innovationskraft leidet?

Andreas Schwarz:
Dieses Risiko besteht. Umso wichtiger ist es, dass die Führungskräfte sich mit den Schlüsselpersonen in solchen Situationen intensiv beschäftigen, mit ihnen in engem Kontakt sind und ihnen signalisieren: Wir bauen auf dich.

Beim Personal, das bleiben kann, entsteht aber in jedem Fall Unsicherheit.
Es besteht tatsächlich die Gefahr, dass die Produktivität leidet, unter anderem weil Mitarbeitende mehr über das Unternehmen reden als über ihre Arbeit. Rasche und offene Information kann diese Folgen aber lindern.

Leidet auch die Innovationskraft?
Das ist nicht so gut erforscht wie die Auswirkungen auf die Produktivität. Aber gerade weil Innovation mit Kreativität zu tun hat, wirken sich Angst, Unsicherheit und Unzufriedenheit mit dem Arbeitgeber negativ auf sie aus.

Was kann ein Unternehmen tun, das Mitarbeitende entlassen muss und gleichzeitig auf Innovationen entscheidend angewiesen ist?
Wer sich fair und professionell von Mitarbeitenden trennt, tut nicht nur diesen einen Dienst, sondern auch dem Unternehmen. Innovation gedeiht nun mal nicht in einem Klima des allgemeinen Missmuts und Misstrauens. Für die Trennung von Mitarbeitern müsste es deshalb in jedem Unternehmen Grundsätze geben wie für die Rekrutierung oder die Personalentwicklung.

Jobabbau 2013: Diese Firmen streichen Stellen

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Derlei Schlussfolgerungen eignen sich vorzüglich für simple Parolen. «Die Börse ist schuld an der Arbeitslosigkeit», heisst es dann immer wieder. Aber sie sind falsch. Die deutschen Ökonomen Thorsten Knauer und Waik Lachmann von der Universität Münster untersuchten, welche Auswirkungen der angekündigte Personalabbau von 60 Unternehmen von 2000 bis 2009 auf deren Aktienkurs hatte. Die Erkenntnis: Die Abbauprogramme werden an der Börse im Schnitt neutral bewertet. Wichtig für die Reaktion der Börse ist das Motiv, Personal abzubauen. Geht es um Effizienzsteigerung, so kommt es zu positiven Kurs­effekten. Passt ein Unternehmen den ­Personalbestand einfach dem Umsatzrückgang an, sinken die Kurse tendenziell.

Arbeitsplätze und Rentabilität

Ob steigende oder sinkende Aktienkurse – eines geht bei Abbauprogrammen in Unternehmen oft vergessen. Sie haben meist langfristige Effekte. Allein schon deren Ankündigung lähmt die Produktivität des Personals und vor allem gefährden sie die Innovationskraft. Den Zusammenhang kennt auch Swatch. «Wir beschlossen, die Arbeitsplätze selbst im Falle eines recht substanziellen Umsatzrückganges zu behalten», schrieb der damalige Präsident Nicolas G. Hayek im Geschäftsbericht 2010. «Diese Entscheidung haben wir schon sehr früh publiziert, mit dem Ziel, unser Personal in Bezug auf die Sicherheit der Arbeitsplätze zu beruhigen und zu bekräftigen, dass es – auch in schwierigen Zeiten – nicht als Ware gesehen wird, sondern als Partner, der an den zukünftigen Ergebnissen, an der Innovation und an der Entwicklung unseres Unternehmens mitwirkt.» Und dies habe man getan, so der Patron, obwohl die Entscheidungen «in den Augen einiger Bankiers und Ökonomen unsinnig schienen».

Hayek lag richtig, wie die aktuelle Entwicklung der Gruppe zeigt. Umso mehr verteidigt Sohn Nick die Haltung seines inzwischen verstorbenen Vaters. Er verstehe die Zickzackstrategie vieler Firmen nicht, die brutal sparten und Leute auf die Stras­se setzten, erklärte er einmal. Dennoch bauen Unternehmen weiter Stellen ab. Letztes Jahr entliessen 55 Firmen 50 und mehr Mitarbeitende. Zusammen strichen sie gemäss dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund mehr als 11000 Stellen.

Die Forschung unterstreicht die Richtigkeit der Einsicht Hayeks. Laut Professor Kamel Mellahi von der Universität Sheffield in Grossbritannien gehen Entlassungen in vielen Fällen einher mit geringerer Innovation. «Unsere Forschung zeigt, dass viele Unternehmen als Folge des Personalabbaus nicht wie erwartet schlank und sparsam, sondern schlank und lahm werden.» Besonders negative Auswirkungen auf die Innovationskraft hätten Entlassungen mit dem Ziel, bloss Kosten zu senken, wenn zum Beispiel ­linear in allen Bereichen gespart werde. «Das tun Unternehmen in der Regel, weil sie sich wegen einer finanziellen Notlage nur noch kurzfristig orientieren», sagt Mellahi.

Doch es gibt durchaus auch andere Fälle. Wenn es darum gehe, sich aufs Kerngeschäft zu konzentrieren, hätten Entlassungen weniger gravierende Folgen. «Investitionen in Forschung, Entwicklung und Innovation des Kerngeschäfts wirken sich positiv aus.» Zudem hänge viel davon ab, wie das Unternehmen mit den weiterhin Beschäftigten und deren Sorge um die Sicherheit des Arbeitsplatzes umgehe und wie es die Entlassenen behandle. Andreas Schwarz unterstreicht die Erkenntnisse von Professor Mellahi. Der Personalfachmann referiert an der Universität St. Gallen über «Trennungsmanagement und Trennungskultur». Unfair und unprofessionell durchgeführte Entlassungen, sagt er, bewirkten ein Klima der Angst und Unsicherheit (siehe Interview). Beides ist Gift für Unternehmen, die in hohem Mass auf Innovationen angewiesen sind.

Austausch von Ideen

«Erfolgreich ist, wer Fehler zulässt, weil man daraus lernen kann und so unabhängiges Denken fördert. Erfolgreich ist zudem, wer offen auch über Schwierigkeiten spricht und einen regen, vertrauensvollen Austausch von Ideen unter den Mitarbeitenden begrüsst», folgern auch die Forscherinnen Sabine Hotho und Catherine Champion von der Dundee Business School in Schottland. Sie untersuchten die Voraussetzungen für Kreativität und Innovation. Dies alles ist schwer vorstellbar in einem Unternehmen, das im Personalabbau ein Allheilmittel sieht. «Es ist falsch, Leute zu entlassen, nur damit man ein möglichst hohes Gewinnwachstum beibehält und damit der Börse gefällt», argumentiert Hayek. Der Swatch-Chef hält das für «eine falsche Zielsetzung».

Auch Viral Acharya, Professor an der Stern School of Business in New York, kommt zum gleichen Schluss. In den USA, wo die Beschäftigten als gesetzlich schlecht geschützt gelten, wirken sich strengere Vorschriften für Entlassungen nach seinen Erkenntnissen positiv auf die Innovationskraft von Unternehmen aus. Am meisten profitierten jene, sagt Acharya, die auf Innovationen in besonderem Masse angewiesen sind. Wenn diese Personal abbauen, gehen zwangsläufig Know-how, Erfahrungen und Beziehungen verloren, die sich nicht leicht wieder ins Unternehmen holen lassen.

Dies müsste nicht sein. Daher empfehlen seit neuerem Beratungsunternehmen wie etwa die Uzwiler Outplacement 50 plus valable Alternativen zum traditionellen Stellenabbau. Sie raten beispielsweise zu neuen Arbeitsmodellen, die eine Kooperation der entlassenden Firma mit ihren ehemaligen Fach- und Führungskräften vorsehen. Diese langjährigen Mitarbeitenden sollen dem Unternehmen als Selbstständige mit ihrem Know-how zur Verfügung stehen, wodurch beiden Seiten gleichermas­sen gedient ist.

Interview mit Andreas Schwarz

Andreas Schwarz ist Mitglied der Geschäftsleitung bei der Unternehmensberatung von Rundstedt & Partner, Berlin, und Lehrbeauftragter an der Universität St. Gallen.

Besteht die Gefahr, dass besonders wertvolle Mitarbeiter ein Unternehmen verlassen, wenn es Personal abbaut, und dass dadurch die Innovationskraft leidet?

Andreas Schwarz:
Dieses Risiko besteht. Umso wichtiger ist es, dass die Führungskräfte sich mit den Schlüsselpersonen in solchen Situationen intensiv beschäftigen, mit ihnen in engem Kontakt sind und ihnen signalisieren: Wir bauen auf dich.

Beim Personal, das bleiben kann, entsteht aber in jedem Fall Unsicherheit.
Es besteht tatsächlich die Gefahr, dass die Produktivität leidet, unter anderem weil Mitarbeitende mehr über das Unternehmen reden als über ihre Arbeit. Rasche und offene Information kann diese Folgen aber lindern.

Leidet auch die Innovationskraft?
Das ist nicht so gut erforscht wie die Auswirkungen auf die Produktivität. Aber gerade weil Innovation mit Kreativität zu tun hat, wirken sich Angst, Unsicherheit und Unzufriedenheit mit dem Arbeitgeber negativ auf sie aus.

Was kann ein Unternehmen tun, das Mitarbeitende entlassen muss und gleichzeitig auf Innovationen entscheidend angewiesen ist?
Wer sich fair und professionell von Mitarbeitenden trennt, tut nicht nur diesen einen Dienst, sondern auch dem Unternehmen. Innovation gedeiht nun mal nicht in einem Klima des allgemeinen Missmuts und Misstrauens. Für die Trennung von Mitarbeitern müsste es deshalb in jedem Unternehmen Grundsätze geben wie für die Rekrutierung oder die Personalentwicklung.

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