Corinne Käser, 30, sitzt überglücklich am Schreibtisch ihres Büros an der Löwenstrasse in Zürich. Vor einigen Wochen hat sie den Wiedereinstieg ins Berufsleben geschafft. Seit ihrem schweren Autounfall ist sie gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen. Die Stellensuche war für sie sehr schwierig. Bei Manpower klappte es dann mit einer Anstellung als Rekrutiererin. Urs Schüpbach, Leiter der Personalvermittlung, sieht bereits nach kurzer Zeit einen Gewinn für die Firma: «Sie setzt im Team neue und wichtige Akzente.»

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Ablenkungsmanöver

Käser ist ein Einzelfall. Nicht alle Firmen reagieren auf diese Art und Weise. Eine aktuelle Umfrage der Pro Infirmis (siehe Kasten) verdeutlicht, dass sich viele Unternehmen schwer damit tun, Menschen mit körperlichen Defiziten einzustellen. Auf die Frage, ob das Unternehmen behinderte Mitarbeiter habe, antwortet zum Beispiel Swiss Life: «Unser Bestreben geht vor allem dahin, in unserem Betrieb die Früherkennung möglicher Fälle sicherzustellen und damit zu vermeiden, dass Invalidisierungen vorgenommen werden müssen.» Andere Grossunternehmen wie ABB oder Novartis konnten zu dieser Frage keine genauen Angaben machen.

Dabei verlangt die IV-Revision 6a, die im März vom Parlament verabschiedet worden ist, dass rund 17 000 IV-Rentner wieder in den Arbeitsprozess eingeführt werden. Dadurch soll die Invalidenversicherung jährlich um etwa 500 Millionen Franken entlastet werden. Während die vergangenen Revisionen die Zunahme der Neurenten stoppen, muss die aktuelle Revision Renten aufheben oder kürzen. Ausserdem soll sie als Brücke zur Eingliederung gelten.

Wie soll aber die Brücke zwischen IV- Rentnern und Privatunternehmen geschlagen werden? Um die Unternehmen zu motivieren, lancierte Pro Infirmis vor einigen Wochen eine Kampagne. Unter dem Titel «Kommen Sie näher» versucht ein behinderter Mann im Bärenkostüm Menschen zu umarmen. Viele Passanten machen den Spass mit. Dass der Mann behindert ist, wissen sie nicht.

Nischenarbeitsplätze marginalisiert

Experten sind sich einig: Unternehmer werden sich den IV-Rentnern nur widerwillig nähern. Sie misstrauen dem höchst ehrgeizigen Vorhaben, Tausende von Handicapierten innerhalb von sieben Jahren im Arbeitsmarkt unterzubringen. Kommt hinzu, dass in den letzten 30 Jahren viele Nischenarbeitsplätze verloren gingen wie zum Beispiel der interne Reinigungsdienst, Lager- oder Dispositionsarbeitsplätze, Einkaufsdienste oder der hauseigene Postdienst.

Heute gelten solche Nischenarbeitsplätze als eine Randerscheinung. So gliederte das Winterthurer Grossunternehmen Sulzer den Postdienst vor einiger Zeit an eine private Firma aus. Mediensprecherin Verena Gölkel erläutert: «Die Firma Optimo beschäftigt mehrere Behinderte, die bei uns täglich die Post verteilen.» Optimo bietet den Unternehmen Dienstleistungen, die in den meisten Firmen aus Spargründen abgeschafft wurden. Sulzer selbst beschäftigt aber nur vereinzelt Behinderte. Sie seien aber offen für solche Bewerber, erklärt die Sprecherin vorsichtig.

Andere Firmen bemühen sich seit längerer Zeit, Arbeitsplätze für IV-Bezüger zu schaffen. Kürzlich wurden drei Unternehmen für die vorbildliche Integration von Behinderten mit dem «This-Priis» prämiert. Ausgezeichnet wurden die Unternehmen Archplan AG aus Thalwil, Prang+Partner aus Pfungen und Bettio Reisen aus Wald. Bettio Reisen zum Beispiel beschäftigt seit 18 Jahren die IV-Rentnerin Rösli Huber, die jeweils einmal die Woche Papierbündel macht, einkaufen geht und die Briefe zur Post bringt.

Die Grossen haben Berührungsängste

Berührungsängste haben besonders Grossfirmen, die den Fokus auf Effizienz legen. Die Aufzugsfirma Schindler, die auch Rollstuhlaufzüge herstellt, gab Pro Infirmis folgende Antwort auf die Frage nach der beruflichen Integration von behinderten Mitarbeitern: «Unsere körperlich und psychisch anspruchsvollen Tätigkeiten mit Kundenkontakt lassen nur beschränkt oder aus Sicherheitsgründen gar keinen Einsatz behinderter Menschen zu.»

Endet das Brückenbauen zwischen Behinderten und Arbeitgebern gar in einem Drahtseilakt? Mark Zumbühl, Kommunikationschef von Pro Infirmis, hätte es sich anders gewünscht. Er erinnert sich, dass die Invalidenversicherung früher mit dem Slogan «Integration vor Rente» gegründet wurde. «Eigentlich war sie eine Wiedereingliederungsorganisation», überlegt er. Umschulungen, Weiterbildungskurse, Berufspraktika oder Hilfsmittel waren die Grundlage dafür. Nur haben das viele vergessen. Auf Anfrage kann nicht einmal die Versicherung selbst die aktuelle Zahl der IV-Rentner nennen, die Teilzeit arbeiten.

Dabei ist das Interesse an Arbeit bei vielen IV-Rentnern vorhanden. IV-Chef Stefan Ritler bestätigte dies: «In den Gesprächen mit den Leuten höre ich immer wieder dasselbe: Mir fällt zuhause die Decke auf den Kopf – ich möchte etwas machen.»

Manpower-Chef Urs Schüpbach überlegt sich nun, weitere Menschen mit körperlicher Einschränkung in seinem Team zu beschäftigen. Nicht allein die grosse Bereitschaft seiner Mitarbeiter, eine behinderte Angestellte zu integrieren, hat ihn überzeugt. Eine Frau mit Handicap habe andere Prioritäten im Leben als gesunde Mitarbeiter, meint der Berner. Das sei für alle Beteiligten lehrreich. Schüpbach erkennt im Engagement für Behinderte auch eine Chance. Er kann sich sogar vorstellen, in Zukunft bei Manpower Behinderte auch zu vermitteln.

Das Engagement veränderte auch das Leben von Corinne Käser: «Ich bin wieder voll motiviert und freue mich, dass ich auch Fortschritte in meinem Bewegungstraining mache.»

 

Interview mit Barbara Günthard-Maier, Sozialversicherungsfachfrau, Winterthur

Laut Pro Infirmis sind viele Firmen nicht bereit, IV-Rentner zu integrieren.

Barbara Günthard-Maier:
Einzelne Parteien fordern Quoten. Ein erster und wichtiger Schritt war sicher, dass die 5. IV-Revision Instrumente zur Verfügung stellt, mit denen bereitwillige Arbeitgeber unterstützt werden können. Diese werden während der Einarbeitungszeit Integrationswilliger eng begleitet, sie müssen Sozialversicherungsbeiträge nicht voll selbst bezahlen und tragen das versicherungstechnische Risiko nicht selbst, falls eine Integration nicht gelingt. Ein weiterer Schritt wäre, Firmen, die bereit sind, IV-Rentner zu integrieren, richtiggehend finanziell zu belohnen.

17 000 IV-Rentner in die Privatwirtschaft zu integrieren, ist ein ehrgeiziges Vorhaben. Wo sollen diese Menschen arbeiten?
Es gibt immer wieder passende individuelle Lösungen. Eine Person im Rollstuhl kann gut im Sekretariat arbeiten, jemand mit leichter körperlicher Einschränkung findet vielleicht in einem Archiv eine sinnvolle Aufgabe.

Müsste man ein neues Modell für Integration in den Arbeitsprozess aufbauen?
Die neue Kultur von «Integration vor Rente» ist seit der 5. IV-Revision lanciert. Der Ansatz der «Frühintervention», dass man also sofort hinschaut, wenn sich Probleme bezüglich Arbeitsfähigkeit abzeichnen, und sofort alles tut, damit der Betreffende möglichst im Arbeitsprozess integriert bleibt, ist der richtige. Langfristig ist es wohl wenigen Menschen wohl, wenn sie ihr Potenzial nicht ausschöpfen können.

Inwieweit muss eine Firma präventive Massnahmen ergreifen, damit Mitarbeiter gar nicht erst IV-Bezüger werden?
Ein Grundproblem ist, dass bei der Invalidenversicherung die Höhe der Arbeitgeberbeiträge nicht an Risikofaktoren gebunden ist wie beispielsweise bei der Unfallversicherung. Wer überdurchschnittlich viele Arbeitnehmende «in die IV entlässt», bezahlt keine höheren Beiträge. Dies finde ich stossend. Die Anreizwirkung besteht nur wegen steigender Beiträge für die Krankentaggeldversicherung und der 2. Säule. Ob dies genügt, muss die Politik prüfen.
 

Studie

Niedriger Wert
Rund 8 Prozent der Schweizer Betriebe beschäftigen einen oder mehrere behinderte Mitarbeiter. Insgesamt 27 000 Personen mit Funktions- oder Aktivitätseinschränkung sind in verschiedenen Betrieben tätig. Das entspricht etwa 0,8 Prozent aller Angestellten der Schweiz. Im internationalen Vergleich ist das eher ein niedriger Wert. In Frankreich beträgt der Anteil behinderter Angestellter 4 Prozent, in Deutschland 3,8 Prozent und in Österreich liegt der Anteil bei 2,6 Prozent.

Quelle: Studie Fachhochschule Solothurn Nordwestschweiz und Bundesamt für Sozialversicherung, 2004.