20.02.2012 | 06:45
 

Gauck-Nominierung: Die Tränen eines Ex-DDR-Bürgerrechtlers

Die deutsche Politik ist nicht reich an emotionalen Momenten, sondern gilt als eher nüchtern. Aber als Joachim Gauck am Sonntagabend im Kanzleramt neben Bundeskanzlerin Angela Merkel Platz nahm, sass beiden sichtlich ein Kloss im Hals.

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Der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck hatte schon kurz zuvor Tränen in den Augen gehabt, als er zum Abendessen der Parteivorsitzenden von CDU, CSU, FDP, SPD und Grünen gestossen war. Denn der 72-jährige steht mit der zweiten - und diesmal parteiübergreifenden - Nominierung für das Bundespräsidentenamt vor dem Höhepunkt seines Lebens.

Bittere Niederlage

Doch auch die CDU-Chefin war bewegt, allerdings weniger, weil sie die Persönlichkeit Gaucks so hoch schätzt. In Wirklichkeit hat Merkel gerade eine ihrer bittersten politischen Niederlagen der letzten Jahren erlitten.

Das liess sich schon an den strahlenden Gesichtern von SPD-Chef Sigmar Gabriel sowie der Grünen-Parteivorsitzenden Claudia Roth und Cem Özdemir in der gemeinsamen Pressekonferenz ablesen.

«Die Überschrift könnte lauten: Ende gut, alles gut», stichelte Gabriel zufrieden und erinnert wie Roth daran, dass nun endlich der «Fehler» der Kanzlerin korrigiert werde, die bei der letzten Wahl eines Bundespräsidenten 2010 noch Niedersachsens Ministerpräsidenten Christian Wulff gegen Gauck durchgesetzt hatte.

Keine Wahl

Am Sonntag wurde klar, wie begrenzt der Spielraum der «mächtigsten Frau der Welt» bei der Präsidenten-Suche in Wahrheit war. Denn obwohl die Union lieber den früheren Umweltminister Klaus Töpfer oder den früheren Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, nominiert hätte, setzte die FDP ihre Präferenz durch.

In einer Schaltkonferenz hatte sich die liberale Führungsspitze zuvor ganz auf Gauck festgelegt - wohl wissend, dass dies für den Koalitionspartner eine Zumutung sein würde.

Und plötzlich hatte die Kanzlerin nur noch eine Wahl: Entweder sie gibt nach und erleidet mit der gemeinsamen Nominierung des 2010 noch abgelehnten Gaucks selbst einen Gesichtsverlust. Oder aber sie einigt sich mit der Opposition auf einen Kandidaten wie Töpfer - um den Preis, dass die schwarz-gelbe Koalition auf Bundesebene platzen und ihre Kanzlerschaft gefährdet ist.

Sieg um welchen Preis?

«Es passt schon», wiegelte CSU-Chef Horst Seehofer zwar nach der gemeinsamen Pressekonferenz ab. Viel wichtiger als solche Überlegungen sei doch, dass mit der parteiübergreifenden Nominierung ein Signal an die Bürger und das Ausland gesendet habe.

Aber die politische Debatte dürfte dennoch nicht beendet sein. Denn nach einer Entscheidung ist in der Politik immer vor der nächsten. Und bei denen könnte die FDP in der schwarz-gelben Koalition auf einen ruppigen Ton treffen.

Ein CDU-Politiker vermutet sogar eine möglicherweise paradoxe Wirkung der Nominierung Gaucks: Die de-facto-Hilfestellung für die Opposition könnte dazu führen, dass die Liberalen am Sonntag eine der letzten vehementen Verfechterinnen schwarz-gelber Bündnisses emotional verloren haben - die Kanzlerin und CDU-Chefin.

Am Ende der Pressekonferenz jedenfalls kümmerte sich Merkel intensiv um Gauck und SPD-Chef Gabriel. FDP-Chef Philipp Rösler würdigte sie dagegen mit keinem Blick.

(vst/sda)

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