Janet Yellen soll erste Fed-Chefin werden
Erstmals in ihrer 100-jährigen Geschichte soll die grösste Notenbank der Welt von einer Frau geführt werden – US-Präsident Barack Obama will die Ökonomin Janet Yellen an die Spitze der Fed hieven.

US-Ökonomin Janet Yellen: Sie soll ab Februar die Fed führen. (Bild: Keystone)
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Die US-Notenbank (Fed) soll erstmals in ihrer 100-jährigen Geschichte von einer Frau geleitet werden. US-Präsident Barack Obama will Fed-Vizechefin Janet Yellen an die Spitze der mächtigsten Zentralbank der Welt berufen, wie das Präsidialamt mitteilte. Obama werde seine Entscheidung an diesem Mittwoch im Weissen Haus bekanntgeben. Dabei soll auch Fed-Chef Ben Bernanke anwesend sein, der den Posten nach seiner zweiten vierjährigen Amtsperiode Ende Januar abgeben wird.
Yellen steht Fachleuten zufolge für eine Fortsetzung der lockeren Geldpolitik Bernankes. Ihr fällt die schwierige Aufgabe zu, angesichts der wirtschaftlichen Erholung die üppigen Konjunkturhilfen der Fed allmählich zurückzufahren.
«Janet Yellen ist fachlich absolut kompetent»
«Janet Yellen ist fachlich absolut kompetent und besitzt auch eine umfangreiche Erfahrung an der Spitze der Fed», sagte der renommierte Makroökonom Charles Wyplosz vom Genfer Graduate Institute kürzlich zu handelszeitung.ch. Er kennt Yellen gut: In Harvard war sie seine erste Lehrerin für Makroökonomie. Einer seiner Klassenkameraden damals: Larry Summers, der kürzlich überraschend bekannt gab, nicht für den Posten des Fed-Chefs zur Verfügung zu stehen.
Nach der Ära des Vorgängers Alan Greenspan – mit zwei geplatzten Vermögensblasen – habe der aktuelle Fed-Chef Ben Bernanke den Zentralbank-Rat zu einer als Kollektiv agierenden Gruppe geformt. «Ich erwarte, dass Yellen in diese Richtung weitermacht», sagte Wyplosz, der auch überzeugt ist, dass Yellen die dafür nötige Führungsqualität besitze. «Sie ist bereits gewachsen seit sie den Posten als Fed-Vize übernommen hat.»
«Gott sei Dank ist es Yellen»
Die Berufung Yellens kommt in einer innenpolitisch sehr angespannten Phase. Die Verwaltung steht teilweise still, weil sich Obamas Demokraten und die Republikaner nicht auf einen Haushalt einigen konnten. Ein Ende des Streits ist nicht in Sicht - und die Uhr tickt: Bis zum 17. Oktober müssen sich die Abgeordneten auf eine Anhebung der Schuldenobergrenze einigen, sonst droht die Zahlungsunfähigkeit. «Gott sei Dank ist es Yellen, die unter den gegenwärtigen Umständen nominiert wird», sagte Anlagemanager Dan Fuss von Loomis Sayles in Boston. Die Personalentscheidung bedeute eine Unsicherheit weniger für die bereits sehr nervösen Märkte. «Einen Kurswechsel bei der Notenbank könnten wir gerade jetzt nicht gebrauchen.»
Auch die Analystin Annette Beacher von TD Securities in Singapur sprach von einer guten Nachricht für die Börsen. Mit Yellen werde die erwartete geldpolitische Drosselung wahrscheinlich frühestens im März beginnen.
Yellen gehörte bereits 1994 erstmals zur Fed-Spitze
Yellens Nominierung muss noch vom Senat bestätigt werden. Dies gilt als wahrscheinlich, da Obamas Demokraten in der Parlamentskammer die Mehrheit haben. Anders als Summers hat Yellen starke Unterstützung von den Demokraten erhalten. Unter den Republikanern herrscht dagegen grössere Skepsis. Viele befürchten, dass die extrem laxe Geldpolitik der Fed zu Blasen an den Märkten führen und die Inflation in ungewollte Höhen treiben könnte. In Bernankes Ägide sanken die Zinsen auf historisch niedrige Stände, während die Aktienkurse auf Rekordhöhe stiegen. Der republikanische Senator Richard Shelby aus Alabama sagte, ihn sorge Yellens «Vorliebe fürs Gelddrucken».
Yellen ist eine anerkannte Ökonomin, die sich intensiv mit Theorien der Geldpolitik befasste. Yellen ist zudem eine ausgewiesene Arbeitsmarktexpertin: Sie unterrichtete als Professorin in Harvard, an der London School of Economics (LSE) und in Berkeley. Von 1994 bis 1997 gehörte sie erstmals der Fed-Spitze an, bevor sie von 1997 bis 1999 wirtschaftspolitische Chefberaterin von US-Präsident Bill Clinton wurde. Später leitete Yellen die Fed von San Francisco. Sie trug wesentlich dazu bei, die Kommunikation der Notenbank mit den Finanzmärkten klarer und präziser zu machen. Ihr wird jedoch nachgesagt, keinen engen Draht zum Präsidialamt zu haben.
Yellen gilt als geldpolitische Taube
Im Rahmen ihrer theoretischen Arbeit fand sie unter anderem heraus, dass Unternehmen ihren Beschäftigten einen höheren Lohn als am Markt üblich zahlen sollten, um die Produktivität zu erhöhen. Dabei arbeitete Yellen wissenschaftlich oft mit ihrem Mann - dem Nobelpreisträger George Akerlof - zusammen. Die beiden lernten sich 1977 kennen - bei einem geldpolitischen Seminar bei der Notenbank in Washington. Es war Liebe auf den ersten Blick. «Oder ganz nahe dran», sagte Akerlof einmal in einem Interview.
Kritiker von Yellen legen ihr dieses Wissen um die Jobmärkte jedoch als Nachteil aus - zumindest in ihrer Funktion als Fed-Chefin. Sie sei eine «eingefleischte Taube», urteilten unlängst etwa die Volkswirte der Commerzbank. Yellen habe deutlich gemacht, dass sie im Zweifel eine höhere Inflation für eine deutlich niedrigere Arbeitslosigkeit in Kauf nehmen würde. Tatsächlich besitzt die Fed im Gegensatz zur Schweizerischen Nationalbank (SNB) und der Europäischen Zentralbank (EZB) ein Doppelmandat: Sie muss nicht nur für stabile Preise sorgen, sondern auch den Arbeitsmarkt mit am Laufen halten. SNB und EZB haben als primäres Ziel die stabile Entwicklung der Preise.
(mit Material von Reuters)



























