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«Sind in einem ungünstigen Gleichgewicht gefangen»

Interview

Die Chefökonomin der OECD, Catherine Mann, erklärt, warum die Weltwirtschaft nicht aus der Krise findet. Und sie sagt, wie die Schweiz mit dem starken Franken umgehen kann.

Interview vonSimon Schmid
28.01.2016
Diskussion
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Die OECD übt Kritik an der mageren Produktivitätsentwicklung in der Schweiz. Stehen die Dinge wirklich so schlecht?
Catherine Mann*: Nicht schlechter als in anderen westeuropäischen Ländern. Die Schweizer Wirtschaft hat sich über die letzten Jahre überdurchschnittlich entwickelt. Sie vermochte viele gute Arbeitskräfte anzuziehen. Die besten Firmen des Landes weisen eine fantastische Produktivität auf. Es gibt Top-Hersteller von Präzisionsinstrumente, Top-Pharmafirmen.

Aber?
Der Lebensstandard ist in der Schweiz vor allem wegen diesen Frontierfirmen so hoch. Daneben ist ein bedeutender Teil der Wirtschaft sehr unproduktiv – etwa die Landwirtschaft. Bereiche wie Post, Telekom und Energie sind verhältnismässig wenig dynamisch.

Wo liegt das Problem?
Bei der Zukunftsfähigkeit. Aktuell mögen zum Beispiel der Preis oder die Qualität der Telekomdienstleistungen in Ordnung sein – über Einzelheiten könnte man diskutieren. Die relevante Frage aber lautet: Ist die Branche genügend flink, um auch die künftigen Herausforderungen zu meistern? In den kommenden Jahrzehnten wird sich die Wirtschaft ein weiteres Mal revolutionieren. Das Internet wird die Industrie noch tiefer durchdringen, Netzwerke werden wichtiger. Wollen die Schweizer Vorzeigefirmen auch in Zukunft zur Weltspitze gehören, brauchen sie in diesem Bereich ein hochinnovatives Umfeld. Da besteht noch Potenzial.

Muss die Swisscom privatisiert werden?
Die Eigentümerschaft eines solchen Unternehmens ist sekundär. Wichtig ist die gesamte Marktstruktur: Sie muss genügend Dynamik zulassen, damit neue, auf Digitaltechnologien und Netzwerken beruhende Geschäftsmodelle entstehen können. Monopole sind dagegen immer schlecht – egal ob staatlich oder privat.

Wie gefährlich ist der Frankenschock für die Schweiz?
Branchen wie die Pharmaindustrie, aber auch die generelle Forschung in multinationalen Unternehmen sind heute weniger vom Wechselkurs abhängig. KMUs, regionale Zulieferer, kleinere Exporteure sind stärker von der Aufwertung betroffen. Doch auch sie sind über die Jahre ein Stück weit unabhängiger vom Frankenkurs geworden. Die Geschäftsbeziehungen sind langlebiger als früher. Die Schweiz sollte also mit dem Aufwertungstrend ihrer Währung umgehen können.

Hält der starke Franken die Wirtschaft fit?
Auf die lange Sicht: Ja. Auch die Einwohner profitieren von einer starken Währung, weil sie ihr Vermögen erhöht. Probleme entstehen dann, wenn eine Aufwertung sehr kurzfristig erfolgt. Ein solcher Währungsschock führt vielfach zu realwirtschaftlichen Brüchen und löst in Schwellenländern nicht selten auch Finanzkrisen aus. Diese Gefahr ist in der Schweiz jedoch kleiner.

Ihr Bericht zeigt einen dramatischen Chart, wonach die Löhne seit 2008 um 20 Prozent stärker gestiegen sind als die Produktivität. Ist die Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen akut bedroht?
Die Grafik zeigt das Wachstum der Reallöhne in der Schweiz. Dass diese Reallöhne um 20 Prozent gestiegen sind, liegt vor allem an den gesunkenen Preisen. Die Nominallohnentwicklung ist mehr oder weniger flach. Der Chart sieht also furchterregender aus als er ist. In den einzelnen Sektoren weicht die Entwicklung ohnehin stark vom Durchschnitt ab.

Dies ist die besagte Grafik. In unserem Wirtschaftsblog haben wir sie genauer analysiert: «Sind Schweizer Angestellte wirklich so teuer?»

Soll die Schweiz die Löhne senken, um den Wechselkursschock zu absorbieren?
Eine solche interne Devaluation drängt sich zum heutigen Zeitpunkt nicht auf. Die Schweiz sollte sich mehr auf die Produktivität als auf die Löhne konzentrieren. Nominale Lohnkürzungen wären eine wirtschaftlich äusserst harte und politisch schwierige Art, den Frankenschock zu verarbeiten.

Viele Leute fürchten eine Deindustrialisierung. Zu Recht?
Von Auslagerungen bedroht ist vor allem die Zulieferindustrie. Das sind Firmen, die selbst weder Exporteure noch Importeure sind, sondern als Teil der nationalen Wertschöpfungskette grosse Exportunternehmen beliefern. Diese Firmen stehen unter Druck, weil sich die Abnehmer aktuell nach billigeren Möglichkeiten umsehen. Wichtig aus Sicht der Zulieferer ist in dieser Situation, die Beziehung zu einem Grossunternehmen zu festigen. Es geht darum, einen zentralen Knotenpunkt im Datenfluss rund um die Industrie 4.0 zu besetzen. Sollte dies ausländischen Zulieferern zunehmend gelingen, so wäre das ungünstig für die Schweiz.

Sie bereisen laufend die Mitgliedländer der OECD. Was fällt Ihnen hier auf?
Der Föderalismus. In der Schweiz ist die Balance zwischen Bund und Kantonen ausgeglichen. Die Kohäsion ist trotz regionalen Unterschieden gross. In Ländern wie Australien, Kanada oder den USA ist das ähnlich. Nicht so in Europa. Es dominieren die zentrifugalen Kräfte, wenig bindet die Staaten aneinander. Der Binnenmarkt steht unter grossem Stress.

Warum müssen Organistionen wie die OECD ihre globalen Wachstumsprognosen immer wieder nach unten revidieren?
Die Unternehmensinvestitionen verliefen sehr enttäuschend. Offenbar halten sich die Firmen trotz der niedrigen Zinsen mit Investitionen zurück. Wahrscheinlich, weil immer wieder neue Problemländer im Rampenlicht stehen. Einmal senden die USA negative Signale aus, dann Brasilien, dann China. Ein robuster, globaler Aufschwung will nicht einsetzen.

Wo liegen die tieferen Gründe dafür?
Wir sind in einem ungünstigen Gleichgewicht gefangen. Alles zieht sich gegenseitig hinab: Wenig Investitionen führen zu geringem Jobwachstum, zu zurückhaltendem Konsumentenverhalten, zu einer niedrigen Gesamtnachfrage. Das ausbleibende Wachstum wiederum hält die Unternehmen vom investieren ab. Es bestätigt die Verantwortlichen in ihrer pessimistischen Einschätzung.

Wie löst man dieses Problem?
Ich sehe drei Punkte. Erstens: der beschädigte Transmissionsmechanismus der Geldpolitik. Vor allem in Europa kommt das billige Geld nicht in der Wirtschaft an. Zweitens: Regulierungen. Hier gab es zwar Fortschritte, die Märkte sind weniger rigid als früher. Doch der Reformeifer nimmt ab. Staaten müssten ein dynamischeres Umfeld für Geschäfte schaffen. Drittens: die Fiskalpolitik. Speziell die Industrieländer müssten mehr in ihre Infrastruktur investieren, um auch Impulse für private Investitionen auszulösen.

Welcher Punkt ist der wichtigste?
Geldpolitik, Strukturreformen und Fiskalimpulse wirken synergistisch. Wer bloss auf einem Feld aktiv ist, hat keinen Erfolg. Das zeigt sich am Beispiel von Europa. Billiges Geld in rigide Märkte hineinzupumpen bringt nicht viel – speziell, wenn der Kreditkanal beschädigt ist und Banken viele Leichen im Keller haben. Unter diesen Umständen entwickelt die Geldpolitik wenig Zugkraft. Dasselbe Prinzip gilt auch für die Fiskalpolitik, wie der Fall von Japan deutlich macht, wo sich mangels Reformen einfach kein Wachstum einstellen will. Auch für Strukturreformen gilt dieselbe Regel. Sie führen ohne gleichzeitigen Anschub der Nachfrage nicht weit. Strukturreformen ohne Begleitmassnahmen führen bloss zu Arbeitslosigkeit.

Hat die Eurozone hier zu wenig gemacht?
Die meisten europäischen Länder haben einseitig dereguliert. Reformen betrafen den Arbeitsmarkt, nicht aber die Produktemärkte. Wenig wurde getan, gemacht, um Wettbewerb zu fördern. Das Resultat war, dass unkompetitive Firmen ihre Arbeiter feuern und ihre Margen erhöhen konnten, ohne dass gleichzeitig neue Jobs entstanden wären. Nebst flexiblen Arbeitsmärkten braucht es dazu auch flexible Produktemärkte. Und was es auch braucht, ist aktive Arbeitsmarktpolitik: Programme, die den Arbeitslosen helfen, sich für einen neuen Job zu qualifizieren, statt sie bloss mit Arbeitslosengeld zu versorgen.

Was ist mit den hohen Schulden?
Auch sie sind ein Teil des Puzzles. Man muss Banken zwingen, faule Kredite abzuschreiben. Tun sie dies nicht, so können unproduktive Unternehmen weiterwirtschaften als ob nichts wäre. Europa hat sich in den letzten Jahren viel zu stark auf die Geldpolitik alleine verlassen. Doch die Politik muss auf allen Feldern der Wirtschaftspolitik aktiv sein. Dies ist eine wichtige Lehre aus der gegenwärtigen Krise.

Immerhin hat die Ökonomie etwas gelernt.
Ökonomen anerkennen heute die Komplexität der Wirtschaft stärker. Viele Zusammenhänge erschliessen sich erst bei genauem Hinsehen: etwa, inwiefern der Wohnungsmarkt in einem Land die räumliche Mobilität und somit auch die Fähigkeit von Menschen beeinflusst, ihren Job zu wechseln. Wirtschaftspolitik ist also nicht bloss Sache der Notenbanken, sondenr muss multidimensional gedacht werden. Für Reformen gibt es auch keinen Unisize-Ansatz. Dafür unterscheiden sich die einzelnen Länder zu stark.

Wir haben iPads und werden trotzdem nicht produktiver. Warum?
Der Hauptgrund für das niedrige Produktivitätswachstum seit der Krise sind die niedrigen Investitionsraten. Die neuen Technologien werden bloss von den Spitzenfirmen implementiert, nicht aber vom Hauptfeld der Unternehmen. Sie diffundieren also zu wenig in die Breite. Eine Ursache dafür ist wiederum die schwache Nachfrage. Sie bietet wenig Anreiz für Investitionen und folglich entwickelt sich auch die Produktivität schlecht.

* Catherine Mann ist Chefökonomin der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Das Interview wurde anlässlich eines Besuchs an der Konjunkturforschungsstelle der ETH geführt.

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