28.01.2004 | 13:52
Von:
Rudolf Trefzer
Foto:
|
 

Christian Zündel: Delikate Weine statt Kartoffeln

Erst baute er Gemüse an, dann wechselte er in den Rebbau. Heute gehört der Zürcher im Tessin zu den Topproduzenten von Merlot. Sein Ziel: Noch authentischere Weine.

Als Christian Zündel 1976 von Zürich nach Beride in den Malcantone zog, tat er dies nicht mit der erklärten Absicht, sein zukünftiges Berufsleben in den Dienst der Rebe zu stellen. Der Bodenkundler mit ETH-Diplom versuchte es zunächst mit der Kultivierung von prosaischeren Pflanzen: Mais, Kartoffeln, Spargeln und Himbeeren. Doch musste er bald erkennen, dass sich Boden und Topografie am besten für den Rebbau eigneten. Zehn Jahre später, 1986, kelterte er seinen ersten Merlot-Jahrgang. Etwa zur gleichen Zeit begannen auch die wie Zündel aus der Deutschschweiz zugewanderten Werner Stucky, Daniel Huber und Adriano Kaufmann, sich als Winzer zu betätigen. Sie übernahmen alte, teils nicht mehr bewirtschaftete Rebberge und erzeugten in ihren Kellern gut strukturierte, lagerfähige Merlot-Gewächse. Diese neuen Weine sorgten für Aufsehen und halfen mit, die bis dahin eher verschlafene Tessiner Weinszene aufzurütteln.

Elegante Tropfen mit Finesse

Christian Zündel ist einer von rund drei Dutzend Selbstkelterern im Tessin. Insgesamt bewirtschaftet er heute 4 Hektaren Rebland an verschiedenen Lagen in Bedigliora, Beride, Castelrotto und Ronco. Die Jahresproduktion schwankt zwischen 12000 und 18000 Flaschen. Seine beiden Rotweine, die zwei Drittel seiner Produktion ausmachen, lassen die gleiche Handschrift erkennen. Sowohl die Orizzonte genannte Merlot-Cabernet-Cuvée (der Cabernet-Sauvignon-Anteil beträgt je nach Jahr 5 bis 10%) wie auch der reinsortige Merlot Terraferma sind mittelgewichtige, mit einem kräftigen Tanningerüst ausgestattete Weine, denen das fruchtige Bukett und die saftige Säure Eleganz und Finesse verleihen.

Die im französischen Stil erzeugten Weine durchlaufen eine bis zu fünf Wochen dauernde Maischegärung, danach werden sie mindestens zwölf Monate in Barriques verschiedenen Alters ausgebaut. Der burgunderartige Chardonnay Velabona rundet Zündels Weinpalette ab. Hinzukommen wird mit dem Coò demnächst ein zweiter Chardonnay, erzeugt aus den Trauben eines neu bepflanzten Rebbergs in Bedigliora.

Auch wenn Zündel mit seinen Kreszenzen in der Spitzenliga des helvetischen Weinbaus mitspielt, gibt er sich mit dem Erreichten nicht zufrieden. Die eigene Erfahrung und zahlreiche Fachdiskussionen mit Kolleginnen und Kollegen haben in ihm die Erkenntnis reifen lassen, dass auch im Weinbau weniger mehr ist. «Seit ein paar Jahren versuche ich, unnötigen Ballast abzuwerfen und mich als Winzer zu entschlacken», kommentiert Zündel seine derzeitigen Bemühungen. «Mein Ziel ist es, mit möglichst einfachen, aber wohl überlegten Mitteln zu guten Resultaten zu kommen.»

So verzichtet er seit zwei Jahren bei der Vinifizierung auf die heute übliche Zugabe von Reinzuchthefen. Diese helfen zwar, Gärstörungen zu verhindern, aber zugleich tragen sie dazu bei, dass die Weine verschiedenster Anbaugebiete immer einheitlicher schmecken. Die Naturhefen, die auf den Beerenhäuten und in jedem Keller vorkommen, können dagegen dazu beitragen, den spezifischen Weinstil einer Gegend oder eines Produzenten mitzuprägen. Auch auf den Einsatz des Vakuumverdampfers, den er von 1996 bis 1999 eingesetzt hat, verzichtet er in normalen Jahren. «Durch die Mostkonzentration erhielt ich üppigere, alkoholischere und süssere Weine. Doch so gefällig diese Weine in ihrer Jugend auch sind, es scheint mir, dass sie die Zeit schlechter überdauern und im Alter flattrig werden.» Als Gegenbeispiel nennt er den 1994er Jahrgang, der ohne Vakuumverdampfer erzeugt wurde. «Der präsentiert sich heute wunderbar geradlinig und fruchtig. Ein idealer Essensbegleiter.»

Grösste Aufmerksamkeit schenkt Zündel dem Rebbau. Er ist nicht einer jener Weinproduzenten, die kaum je ihre Rebberge betreten und deren Hauptaktivität darin besteht, von Präsentation zu Präsentation zu hetzen, um die Weine zu verkaufen. «Ich bin Winzer, und als Winzer muss man im Rebberg präsent sein, denn die Weichen werden dort gestellt», erklärt er. «Zudem liebe ich es, im Freien zu arbeiten und dabei den Wechsel der Jahreszeiten und die Launen des Wetters hautnah mitzuerleben.»

Biodynamischer Anbau

Seit zwei Jahren befasst sich Zündel intensiv mit dem biologisch-dynamischen Landbau. Versuchsweise kultiviert er heute einen Fünftel der Rebfläche nach dieser von Rudolf Steiner entwickelten Methode. «Ich sehe in ihr ein einsichtiges Verfahren, das dazu beitragen kann, bessere und authentischere Weine zu erzeugen.» Dies ­ und nicht blinder Idealismus ­ ist auch der Grund, weshalb etliche Spitzengüter in Frankreich und in der Schweiz vom konventionellen auf den biologisch-dynamischen Weinbau umgestellt haben.

Seit knapp 100 Jahren wird der aus Frankreich stammende Merlot im Tessin kultiviert, aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg setzte er sich als unbestrittene Leitsorte durch. Auch Christian Zündel ist überzeugt, dass er die ideale Sorte für das Tessin ist. Doch die Frage, ob der Merlot im Tessin seinen typischen Ausdruck gefunden habe, verneint er. Nur wenige Tessiner Weinproduzenten hätten bisher darüber nachgedacht, worin sich denn ein hiesiger Merlot von einem französischen, italienischen oder einem chilenischen Merlot unterscheide, meint er. «Der Weinhandel ist noch zu stark geprägt von üppigen, im internationalen Stil vinifizierten Weinen. Deshalb werden im Tessin zurzeit noch so viele breitschultrige Merlots produziert, bei denen nur die Etikette ihre Herkunft verrät.»

Zündels jüngste Merlot-Interpretationen sind seine persönliche Antwort auf die Frage nach der Typizität. Es sind keine vordergründigen Bodybuilding-Weine, sondern kräftige und zugleich delikate Kreszenzen, die durch ihren feingliedrig-nervigen, aromatisch-frischen Charakter überzeugen.

Christian Zündel, 6981 Beride, Tel./Fax 091 608 24 40.
Die Weine können beim Produzenten bestellt oder bei folgenden Händlern bezogen werden: Vinothek Brancaia, Zürich (www.brancaia.ch), Cantina dell'Orso, Ascona (www.orsovini.ch), DIVO, Penthalaz (www.divo.ch), Vinothek Carl Studer, Luzern (www.studer-vinothek.ch).

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