Von:
Claude Baumann
Foto:
Andy Kobel
 

Deutsche Bank: Höher oder hinaus

Das Geschäft mit deutschen Kunden in der Schweiz rentiert kaum mehr. Ein Tessiner soll es nun richten.

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Marco Bizzozero hat sicherlich das spektakulärste Büro aller Bankchefs hierzulande. Seine Aussicht reicht weit über das Zürcher Indus­triequartier hinaus in Richtung Zürichsee und zu Glärnisch und Tödi. Seit gut einem Monat residiert er im 126 Meter hohen Zürcher Prime Tower, wo sich der Schweizer Ableger der Deutschen Bank auf insgesamt fünf Stockwerken mit Platz für 400 Beschäftigte ausgebreitet hat.

In der 33. Etage empfangen die Mitarbeiter ihre besten Kunden aus aller Welt. Noch kommen sie aus Deutschland, Ita­lien oder Spanien, zunehmend aber aus dem Nahen Osten und Russland. Manche von ihnen fragen seit geraumer Zeit besorgt, wie es auf dem Schweizer Finanzplatz wohl weitergeht, oder wie lange es das Bankgeheimnis noch geben wird.

Die Schweiz muss sich anpassen

Der 42-jährige Tessiner Bizzozero hat weder das Gehabe eines Grossbankers, noch gibt er den dünkelhaften Schweizer Privatbankier, der sich gegen den Lauf der Zeit stemmt. Unaufgeregt erklärt er: «Die Welt hat sich gewandelt. Der Finanzplatz steht unter Druck. Und die Schweiz muss sich anpassen.» Trotz dieser Einsicht und dem Willen, sich diesen Herausforderungen zu stellen, hat der Banker keinen einfachen Job gefasst. Denn während Bizzozeros Landsmann Josef Ackermann am Donnerstag in Frankfurt seine allerletzte Medienkonferenz als oberster Chef der Deutschen Bank abhält und im nächsten Mai von seinem Posten abtritt, fängt für den hoch gewachsenen, feingliedrigen Tessiner die ganz grosse Bewährungsprobe erst an. «Das Geschäft befindet sich in einer Transformationsphase», sagt er.

Mentor auf dem Absprung

Darauf deutet, gelinde gesagt, einiges hin. Seit Bizzozero im Mai 2009 die Leitung der Deutschen Bank in der Schweiz übernahm, schrumpfte der Bruttogewinn. Die Kundendepots verringerten sich, und etliche Mitarbeiter verliessen das Unternehmen. Inzwischen macht in der Branche auch noch das Gerücht die Runde, Bizzozeros Schweizer Förderer, Pierre de Weck, der von Frankfurt aus das weltweite Geschäft mit der vermögenden Klientel verantwortet, sei auf dem Absprung. Steht die Deutsche Bank, wie andere Ausland­institute, etwa auch vor dem Rückzug aus Helvetien?

Marco Bizzozero nimmt gelassen einen Block zur Hand und sagt: «Es gibt mehrere Gründe, weshalb sich unsere verwalteten Vermögen vor allem 2010 verringert haben», und zeichnet vier Punkte aufs Papier. Die schlechten Finanzmärkte hätten zu einer gewissen Dezimierung der Vermögen geführt, erklärt er, weiter mache sich die Frankenstärke bemerkbar, ausserdem wanderten zahlreiche Kunden von der integrierten Zürcher Privatbank Rüd Blass ab, und schliesslich hätten ein paar Grosskunden Geld abgezogen.

Unter dem Strich musste die Deutsche Bank (Schweiz) einen Vermögensschwund von fast 13 Milliarden Franken hinnehmen, davon 3 bis 4 Milliarden Franken, die ehemalige Rüd-Blass-Kunden zur Privatbank Bellerive transferierten. Das ist viel, das weiss auch Bizzozero, der aber auch darauf hinweist, dass sich das Geschäft 2011 wieder stabilisiert habe. Aktuell verwaltet die Deutsche Bank in der Schweiz noch knapp 40 Milliarden Franken. Davon stammen rund 40 Prozent oder etwa 16 Milliarden Franken aus Europa, namentlich aus Deutschland, Italien und Spanien. Rund 10 Prozent aus der Schweiz.

Während am Hauptsitz in Frankfurt sofort die Alarmglocken schrillen, wenn das Thema Schwarzgeld zur Sprache kommt, scheint dies den Schweiz-Chef nicht sonderlich zu beunruhigen. Das verwundert.

Nicht lange ist es her, da galt es im gesamten europäischen Raum noch als schick, ein Konto in der Schweiz zu haben – natürlich mit unversteuertem Geld. Als beispielsweise der Schweizer Ableger der Dresdner Bank vor einigen Jahren zum Verkauf stand, winkten viele Schweizer ­Finanzhäuser ab, weil der Schwarzgeld-Anteil viel zu hoch war. Am Ende war es dann die liechtensteinische LGT Group, welche zugriff. In Schweizer Finanzkreisen ist es ein offenes Geheimnis, dass die meisten deutschen Finanzinstitute hierzulande viel Schwarzgeld hatten oder noch immer haben. Grundsätzlich geht man davon aus, dass bis zu 40 Prozent der europäischen Gelder unversteuert sind.

Ob bei der Deutschen Bank in der Schweiz also zwischen 5 und 6 Milliarden Franken undeklariert sind, dazu will Bizzozero keine Angaben machen. Er räumt aber ein, dass das Problem keineswegs vom Tisch sei, solange die zwischen Deutschland und der Schweiz aufgegleiste Abgeltungssteuer in der Schwebe sei. «Viele Kunden warten mit einer Selbstdeklaration vorerst ab», sagt der Banker, bestätigt aber den Trend, dass «kleinere» Kunden mit Vermögen im Bereich von einer halben Million abnähmen.

Mit anderen Worten: Die vielen Mittelständler, die jahrzehntelang einen Teil ­ihrer Einkünfte am Fiskus vorbei in die Schweiz schleusten, meiden nun den einst beliebten Finanzplatz. An dieser Klientel ist die Deutsche Bank in der Schweiz auch nicht mehr interessiert. Sie fokussiert sich auf die «ganz grossen Vermögen».

«Nichts kapiert»

Auch das gehört zum Transforma­tionsprozess, von dem Bizzozero so häufig spricht. «Wer das nicht wahrhaben will, hat nichts kapiert», sagt der Tessiner und räumt ein, dass sich auch der Personalbestand hierzulande verringert habe. Allein seit Bizzozeros Amtsantritt schrumpfte die Belegschaft um etwa 50 Stellen. Heute beschäftigt die Deutsche Bank (Schweiz) noch knapp 700 Mitarbeiter. Diese Entwicklung wird weiter gehen, signalisiert Biz­zozero. «In den letzten Jahren wurden Programme zur Steigerung der Effizienz durchgeführt. Sollte das erwartete Wachstum ausbleiben, werden wir die Kosten nochmals überprüfen müssen», sagt er. Künftig werden weniger Leute im grenzüberschreitenden Geschäft benötigt, stattdessen aber in den Wachstumsmärkten.

Lernen von Darwin

Die Deutsche Bank konzentriert sich fortan auf weniger, dafür ausgewählte Märkte – vor allem in den Schwellenländern. Und sie will vermehrt Privatkunden mit mindestens 10 Millionen Franken ansprechen. «Dabei rücken wir die Marke ‹Deutsche Bank› in den Vordergrund», sagt Bizzozero – weil man die Finanzkrise so gut gemeistert habe.

Auf höchster Ebene der Bank wird sich in den nächsten Monaten einiges ändern. Mit Ackermanns Abgang im Mai werden nicht nur Jürgen Fitschen und Anshu Jain das Zepter übernehmen. Auch im Aufsichtsrat kommt es zum Genera­tions­wechsel. Paul Achleitner von der Allianz löst Präsident Clemens Börsig ab. Bereits heisst es, Bizzozeros Vorgesetzter, der 61-jährige Pierre de Weck, stehe zur Disposition, zumal sein Bereich seit Jahren schwächle, wie die «FAZ am Sonntag» am letzten Wochenende schrieb.

Für Bizzozero könnte das Folgen haben. Doch auch das scheint den Tessiner nicht sonderlich zu beunruhigen, lieber zitiert er Charles Darwin. «Es ist weder die stärkste noch die intelligenteste Spezies, die überlebt, sondern diejenige, die sich am besten anpassen kann», sagt er in seinem eben erst neu eingerichteten Eckbüro im Zürcher Prime Tower.

 

Josef Ackermann: Eine steile Karriere

Die Anfänge
Bereits während seines Studiums an der Hochschule St. Gallen liess der 1948 geborene Arztsohn Josef Ackermann aus Mels SG seine Kommilitonen wissen, dass er dereinst Karriere machen wolle. Einen ersten Schritt in diese Richtung machte er 1977, als er bei der Schweizerischen Kreditanstalt (der heutigen Credit Suisse) anheuerte und sukzessive bis in die Top-Etage aufstieg. 1996 überwarf er sich jedoch mit seinem Ziehvater Rainer E. Gut. Kurz darauf lotste ihn der Manager Hilmar Kopper zur Deutschen Bank.

Zur Deutschen Bank
Beim grössten deutschen Geldhaus wuchs sein Einfluss rasch, weil es Ackermann gelang, das unterbewertete Investment Banking zum Ertragsgenerator des Konzerns zu machen. Der Erfolg befähigte ihn, 1999 den US-Konkurrenten Bankers Trust zu schlucken und damit in die oberste Liga aufzusteigen. Bereits im Jahr 2000 wählte ihn der Vorstand der Deutschen Bank zum Konzernchef per 2002, was ungewöhnlich früh war.

Breite Empörung
Als Deutsche-Bank- Chef polarisierte Ackermann in vielfältigster Weise. Mit seiner ambitiösen Zielvorgabe, eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent zu erzielen, machte er sich in der Öffentlichkeit genauso wenig Freunde wie mit seinem Salär in zweistelliger Millionenhöhe, das in Deutschland neue Massstäbe setzte.

Prozess um Mannesmann
Im Jahr 2004 schien Ackermanns Karriere am Ende. Der Schweizer war als Verwaltungsrat des Mannesmann-Konzerns angeklagt. Bei der Übernahme durch die britische Vodafone sollte er einzelnen Managern überhöhte Prämien zugeschanzt haben. Schon der Prozessbeginn eskalierte, weil Ackermann mit gespreizten Fingern Michael Jackson nachahmte, der damals in den USA vor Gericht stand. Dann sagte der Banker noch: «Deutschland ist das einzige Land, in dem diejenigen, die Erfolg haben und Werte schaffen, deswegen vor Gericht gestellt werden.» Trotz zeitlicher Belastung leitete Ackermann die Bank weiter. Am Ende wurde der Prozess gegen Geldstrafen eingestellt.

Der Kapitän
Ackermann navigierte erfolgreich durch die Krise der letzten Jahre und engagierte sich auch in internationalen Gremien für eine Lösung der Schuldenkrise. Nachdem sein Rücktritt mehrmals verschoben wurde, tritt er im Mai ab und soll Zurich-Präsident werden.

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NASDAQ 100 2'547.1 7.9 0.3%
S&P 500 1'316.6 0.6 0.1%
Nikkei 225 8'556.6 -172.7 -2.0%

Top und Flops

Name Kurs +/- +/- %
155.80 -0.60 -0.38
54.65 -0.30 -0.55
1'709.00 -16.00 -0.93
49.05 -0.53 -1.07
864.50 -9.50 -1.09
37.89 -1.03 -2.65
30.49 -0.83 -2.65
40.23 -1.14 -2.76
56.25 -2.45 -4.17
375.50 -18.90 -4.79
Name Kurs +/- +/- %
75.63 0.04 0.05
23.75 -0.08 -0.31
47.38 -0.43 -0.90
52.58 -0.50 -0.94
37.91 -0.45 -1.17
29.34 -1.16 -3.79
39.32 -1.64 -3.99
MAN
78.14 -3.30 -4.05
8.39 -0.37 -4.26
14.64 -0.77 -5.00
Name Kurs +/- +/- %
14.35 0.53 3.84
14.40 0.48 3.41
25.14 -0.12 -0.46
67.79 -0.61 -0.89
47.38 -0.43 -0.90
0.70 -0.04 -4.80
9.50 -0.49 -4.90
4.71 -0.26 -5.14
14.46 -0.80 -5.21
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