13.05.2008 | 21:00
PHARMA
Von:
valentin handschin
Foto:
|
 

Dicke machen Schweizer Firmen fett

Von der weltweit zunehmenden Zahl der übergewichtigen Menschen profitieren auch Schweizer Chemie- und Pharmaunternehmen. So verkauft Roche ihre spezielle Diätpille, während Siegfried oder Bachem als Zulieferer fungieren.

Von der stattlichen Anzahl an Dicken will neben Ernährungsberatern, Sportpsychologen oder Herstellern von extra stabilen Spitalbetten auch die Pharmabranche profitieren. Laut der Uno-Weltgesundheitsorganisation WHO haben sich die Phänomene «Übergewicht» und «Fettleibigkeit» zu einer globalen Pandemie entwickelt (siehe Kasten unten Seite 14).

Kein Wunder, wächst der Markt für Medikamente zur Behandlung von Übergewicht und den damit verbundenen Krankheiten wie Bluthochdruck oder Diabetes rasant. Er wird von der Ratingagentur Standard & Poors (S&P) auf weltweit 70 Mrd Dollar geschätzt. Laut S&P soll sich diese Zahl bis zum Jahre 2020 gar verdoppeln.

Roche profitiert

Auch der Pharmakonzern Roche geht von einem «weiter wachsenden» Markt aus. Mit Xenical haben die Basler eines der bekanntesten Medikamente gegen Fettleibigkeit auf dem Markt. Dessen Umsatz ist allerdings rückläufig: 2007 sank er um 10% auf 632 Mio Fr., im 1. Quartal 2008 um 11% im Vergleich zum 1. Quartal 2007. Hinzu kommt, dass die Xenical-Patente in Europa und den USA im nächsten Jahr auslaufen werden.

«Roche konzentriert sich im Bereich der Stoffwechselkrankheiten nun vor allem auf Diabetes», sagt Sprecher Alexander Klauser. Der Konzern hat soeben ein Diabetes-Studienprogramm bekannt gegeben; der Produktkandidat R1583 etwa könnte das Gewicht bei Diabetikern senken.

Ein weiterer Grund für den Umsatzrückgang von Xenical ist die Tatsache, dass mit den Medikamenten Reductil (von der US-Firma Abbott), Acomplia (vom französischen Konzern Sanofi-Aventis) oder Alli (von der britischen GlaxoSmithKline) neue Konkurrenzprodukte auf den Markt gelangten. Alli ist momentan nur in den USA erhältlich, soll ab 2009 aber auch in Europa, in der Schweiz und anderen Regionen erhältlich sein. Davon wird Roche profitieren: Die Basler verkauften die Rechte für die rezeptfreie Xenical-Version beinahe komplett an GlaxoSmithKline ? gegen entsprechende Vorauszahlungen sowie Lizenzgebühren.

Mit Endoart aus Lausanne und Pentapharm gibt es zwei weitere Schweizer Unternehmen, die ihre Umsätze mit der Bekämpfung von Übergewicht erzielen. Die Medtechfirma Endoart stellt ferngesteuerte Implantate her, die unter anderem bei der Behandlung von Fettleibigkeit eingesetzt werden können. Im Februar des letzten Jahres wurde Endoart vom US-Spezialpharmaunternehmen Allergan übernommen.

Schlank durch Zusätze

Auch Pentapharm befindet sich seit 2007 in ausländischem Besitz: Das Unternehmen mit 200 Mitarbeitern wurde vom niederländischen Chemie- und Pharmaunternehmen DSM erworben. Mittlerweile ist Pentapharm in die DSM-Division Nutritional Products integriert, die auch im Grossraum Basel ansässig ist. Pentapharm produziert zwei Lebensmittelzusätze, die das Schlankmachen fördern sollen. Laut Branchenexperten forschen weltweit gut 30 Pharmaunternehmen an neuen Medikamenten gegen Gewichtsprobleme. Darunter ist beispielsweise Pfizer, der weltweit grösste Pharmakonzern aus den USA. Das Unternehmen gab Ende April bekannt, dass es gemeinsam mit vier US-Universitäten ein entsprechendes, 14 Mrd Dollar umfassendes und drei Jahre dauerndes Studienprogramm gestart hat. Gemäss Preston Hensley, der bei Pfizer für das Projekt verantwortlich ist, wollen die beteiligten Partner damit die Krankheiten Diabetes und Fettleibigkeit noch besser erforschen.

Peptide im Kommen

Das ebenfalls in den USA domizilierte Pharmaunternehmen Arena Pharmaceuticals hat mit Lorcaserin ein potenzielles Anti-Übergewichts-Medikament in Arbeit. Das Mittel könnte in zwei Jahren auf den Markt kommen. Und das würde insbesondere auch den Zofinger Pharmazulieferer Siegfried freuen: Denn Arena und Siegfried schlossen Ende 2007 einen Kooperationsvertrag über Lorcaserin ab. Während den nächsten 15 Jahren könnte Siegfried damit den Wirkstoff für das Mittel produzieren.

Auch Peter Grogg, Präsident und Mehrheitsaktionär der Baselbieter Peptidherstellerin Bachem, sieht für solche Zulieferabkommen noch «weiteres Potenzial». Tatsächlich beruhen Medikamente gegen Krebs, Knochenschwund, Diabetes und Fettleibigkeit vermehrt auf solchen Peptiden; diese bestehen aus Aminosäuren und können den Wasserhaushalt oder die Temperatur im Körper regeln.

 

 


Medikamente bringen Ärger

Die Medikamente gegen Fettleibigkeit sind teilweise auch grosser Kritik ausgesetzt. Einerseits bemängeln Ärzte, dass die Wirksamkeit dieser Produkte nicht endgültig gesichert sei. Gerade wenn es um die langfristige Behandlung von Übergewichtigen gehe, sollten die Mittel nur dann zum Einsatz kommen, wenn die vorherige Änderung des Lebensstils keine Wirkung mit sich brachte. Denn diese Medikamente weisen oftmals schwere Nebenwirkungen (insbesondere Herz-Kreislauf-Störungen) auf. Forscher betonen deshalb, dass Daten zu solchen Langzeiteffekten erforderlich seien, aus denene hervorgeht, dass der Nutzen der Mittel die Risiken überwiegt.

Andererseits bekunden auch Krankenversicherer vermehrt Mühe mit solchen Produkten. Sie argumentieren, dass es sich dabei nicht um lebensnotwendige Medikamente, sondern vielmehr um «Lifestyle-Pillen» handelt, die deshalb von den Patienten selbst bezahlt werden sollen. Dennoch schaffte es das Mittel Acomplia trotz Protesten der Krankenkassen doch noch auf die Liste der Medikamente, die von den Kassen bezahlt werden müssen.(han)

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36.87 1.67 4.73
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