16.12.2008 | 21:00
Essay Erwin W. heri
Von:
Erwin W. Heri
Foto:
Bild: zur Verfügung gestellt
 

Die Analyse hat versagt, nicht der Markt

Der Markt musste sich in den letzten Wochen und Monaten einiges vorwerfen lassen. Wie er versagt habe, wie er eigentlich hätte funktionieren müssen und was er alles angestellt habe. In vielen Kommentaren wird dabei überhaupt nicht spezifiziert, was mit dem Marktbegriff überhaupt gemeint ist. Es herrscht ein ziemliches Durcheinander, und je nachdem, wo man sich auf der politischen Skala gerade befindet, versucht man aus den verschiedensten Arten kolportierten Marktversagens Kapital zu schlagen.

Den neoliberalen Denkern, die in den letzten Monaten so arg an der Wand stehen, scheint es irgendwie nicht so richtig zu gelingen, klar zu machen, dass man zu unterscheiden hat zwischen einem Marktverständnis im wohlfahrts-ökonomischen Sinne - sogar die Geschichte lehrt uns, dass ein marktbasiertes System wohl der beste aller schlechten Allokationsmechanismen ist - und der eher mikroökonomischen Funktionsweise spezifischer Märkte. Im Zusammenhang mit der Finanzkrise werfen eher die Funktionsmechanismen einzelner Finanzmärkte sowie die Art und Weise, wie diese in den letzten Jahren modelliert und analysiert wurden, Fragen auf.

Im Rahmen der generellen Tendenz zur Vereinfachung wurden ausgeklügelte Analysemodelle beispielsweise für das Risikomanagement an diesen Märkten entwickelt. Auch heute herrscht vielerorts noch die Illusion vor, diese Risiken seien grundsätzlich berechenbar. Dabei wird oft nicht einmal unterschieden zwischen unterschiedlichen Formen von Risiko - irgendwie im Sinne von «if you can’t measure it, measure it anyway …». Natürlich kann man Volatilitäten, Kovarianzen, Korrelationen und Ähnliches mit statistischen Verfahren aus Vergangenheitsbeobachtungen errechnen und daraus wunderbare Risikokennzahlen bestimmen. Nur haben diese herzlich wenig mit Risiko im Sinne von Unsicherheit zu tun, welcher wir an den Finanzmärkten ausgesetzt sind, wenn wir kurzfristig disponieren. Aber genau dies tun wir, wenn wir zu Marktpreisen und kurzen Berichtsintervallen gezwungen werden. In solchem Kontext haben aber Finanzmarktrisiken nichts mehr mit Normalverteilungen, Value-at-risk- und ähnlichen wunderbaren Konzepten zu tun, mit welchen wir in «normalen» (sprich «Gauss’schen») Zeiten unsere Gewissen zu beruhigen versuchen. In der kurzen Frist gibt es eben gelegentlich keine Marktpreise mehr. Es herrschen Chaos, Katastrophen und «schwarze Schwäne». Eigentlich ist das nichts Neues, nur wurde es in den letzten Jahren gerne ausgeblendet oder in den Bereich der Fantasien verbannt. Da nicht sein konnte, was nicht sein durfte.

Inzwischen beginnt man, sich wieder daran zurückzuerinnern, dass wir es bei den Finanzmärkten - Devisen, Aktien, Obligationen, Krediten etc. - nicht mit einem mechanisch-physikalischen Konstrukt zu tun haben, das wir mit wunderbarer linearer Mathematik und einfacher Statistik abbilden können. Ein Markt ist ein komplexes soziales System mit all seinen Imponderabilien. Dies ist schliesslich mit ein Grund dafür, dass die Theorie der Finanzmärkte in der Regel auch heute noch im Rahmen sozialwissenschaftlicher Veranstaltungen gelehrt wird, auch wenn man gelegentlich das Gefühl bekommt, gewisse Protagonisten wüssten sie lieber in der Mathematik oder der Statistik.

Soziale Systeme haben die Tendenz, gelegentlich in chaotischer Art und Weise ihre Zustände zu verändern. Dies ist typisch für komplexe Systeme. Wir kennen dies beispielsweise auch aus der Meteorologie. Wenn ein stabiles Hoch herrscht, ist es nicht schwierig, das morgige Wetter zu prognostizieren. Wenn aber - aus welchen Gründen auch immer - instabile Strömungsverhältnisse entstehen, wird sowohl die Analyse als auch die Prognose heikel. In komplexen sozialen Systemen - wie eben beispielsweise einem Markt - wirken ähnliche Kräfte. Die hier relevanten (sozialen und Feedback-) Prozesse zeichnen sich durch eine ausgesprochen hässliche Stochastik aus. Sie können sich lange Zeit «normal» verhalten, bis der «Flügelschlag des Schmetterlings» zu einer Änderung der Preisdynamik führt, die alles bisher Gesehene und Erdachte ad absurdum führt. In solchen Fällen ist es zu billig, dies als Irrationalität, Absurdität oder Marktversagen abzutun. Märkte und soziale Systeme funktionieren so. Sie haben immer so funktioniert. Die Wirtschaftsgeschichte ist voller Beispiele. Die Gesellschaftsgeschichte ebenfalls.

Die Verwendung von Modellen ist legitim und notwendig. Die Welt ist zu komplex, um für eine vollständige Beschreibung Hand zu bieten. Wenn Modelle aber eine Legitimität erhalten, dass sie Nachgerade als Abbild der Realität selbst gesehen werden, dann wird es gefährlich. Die Basis von Modellen bilden Annahmen. Im Risikomanagementkontext sind die Modellannahmen selbst Teil des eingegangen Risikos. Deshalb ist nicht jede Abweichung von der Norm irgendeines Marktmodelles a priori mit Marktversagen gleichzusetzen. Manchmal ist es auch einfach Modell- oder Analyseversagen.

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Top und Flops

Name Kurs +/- +/- %
19.47 0.73 3.90
11.16 0.35 3.24
38.92 1.10 2.91
41.37 1.13 2.81
15.75 0.35 2.27
31.32 0.32 1.03
308.00 2.70 0.88
353.00 1.00 0.28
37.78 0.03 0.08
156.40 0.00 0.00
Name Kurs +/- +/- %
36.87 1.67 4.73
38.36 1.17 3.15
6.52 0.19 3.03
63.43 1.66 2.69
30.50 0.77 2.57
53.08 0.09 0.17
34.48 -0.02 -0.04
40.96 -0.02 -0.05
75.59 -0.15 -0.20
23.83 -0.18 -0.73
Name Kurs +/- +/- %
4.97 0.34 7.24
2.62 0.14 5.73
16.64 0.75 4.69
1.07 0.05 4.59
14.35 0.53 3.84
25.26 -0.06 -0.24
13.21 -0.06 -0.41
91.39 -0.55 -0.60
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