Es kann noch Monate dauern, um den trüben Geschäften von Parmalat auf den Grund zu gehen. «Da war ständig Geld in Bewegung. Das ging über Luxemburg, Malta, die niederländischen Antillen bis auf die Cayman-Inseln», berichtete vor ein paar Tagen ein Mitglied aus der Mannschaft um Chefermittler Enrico Bondi.
Der Zünder des «europäischen Enron» lagerte bis zur Explosion des bislang grössten Bilanzskandals diesseits des Atlantiks auf einer einst lauschigen Pirateninsel, deren Sümpfe Jahrhunderte lang die Heimat von Moskitos und schmalschnäuzigen Kayman-Krokodilen waren. Heute residiert in der schicken Hauptstadt George Town, die für ihre Juwelierläden bekannt ist, die Parmalat-Tochter Bonlat neben 60000 weiteren Finanz- und Briefkastenfirmen aus aller Welt und 40000 Inseleinwohnern.
Bonlat brachte den Stein ins Rollen. Die Firma verfüge über 3,9 Mrd Dollar flüssige Mittel, stand in einem Brief, der den Firmenkopf der Bank of America trug. Er sollte für die Absicherung weiterer Milliardenkredite herhalten. Die US-Bank war nach jetzigem Ermittlungsstand arglos, als sie feststellte, dass das Schreiben von Parmalat-Managern gefälscht wurde. Sie ging damit an die Öffentlichkeit, als erste Hinweise in Richtung Cayman Islands bereits vorlagen: Die italienische Börsenaufsicht forderte Parmalat schon Ende November auf, den Liquiditätsstand offen zu legen. Man besitze einen Fonds namens Epicurum auf den Cayman Islands, in dem rund 500 Mio Dollar liquide Mittel geparkt seien, wimmelte der Milchriese ab.
Rätselhaftes Treiben
Nicht einmal die Bilanzexperten um Enrico Bondi wissen bisher, ob diese Firma überhaupt existiert. Derzeit können die Ermittler nur in Umrissen bestätigen, dass Parmalat-Töchter auf den Caymans und in anderen Steuerhäfen Anleihen für den italienischen Konzern begeben haben, damit die damit aufgenommenen Milliardenschulden nicht in die Konzernbilanz gebucht werden mussten.
Obwohl der Skandal offenbar auf kriminelle Energie in der italienischen Zentrale zurückgeht, zieht er dem Niedrigsteuerhafen Cayman Islands die Daumenschrauben ein paar schmerzhafte Drehungen weiter an. Denn das gerade runderneuerte Image als seriöser Offshore-Finanzplatz, der als weltweit fünftwichtigster Bankenplatz in einer Liga mit der Schweiz oder London spielt, ist gefährdet.
Die Zahl prominenter Bilanzbetrugsfälle, bei denen tropische Fluchtkonten eine Rolle spielen, um real existierende Schulden aus europäischen und amerikanischen Konzernbilanzen in abgelegene Finanzvehikel zu verschieben, wird immer stattlicher. Allein die Caymans sind inzwischen in vier solcher Skandale verstrickt: In den spektakulären Zusammenbruch des britisch-arabischen Bankkolosses BCCI zu Beginn der 90er Jahre und die Bilanzmachenschaften des US-Mischkonzerns Tyco, der derzeit in New York vor Gericht verhandelt wird. Bei Enron spielten die Krokodil-Inseln ebenso eine Rolle wie nun bei Parmalat.
«Heute gibt es faule Äpfel auf den Caymans, aber bemerkenswert wenige», sagt ein Anwalt der Kanzlei Maples and Jones, der viele Kunden auf den Inseln betreut. Andere Experten pflichten bei. Die harten Zeiten, als in den 80er Jahren jede Menge südamerikanisches Kokaingeld, oft direkt aus Koffern in das undurchsichtige Kontensystem der Inseln floss, sind vorbei. Die von Kolumbus entdeckten Eilande zwischen Kuba und Zentralamerika haben längst den Sprung von den schwärzesten Sünderlisten geschafft.
Striktere Aufsicht
Rechtlich als britisches Überseegebiet firmierend unterzeichneten die Palmeninseln vor drei Jahren ein Transparenzabkommen mit Washington und verschwanden damit aus der Kartei der schwarzen Schafe, in der die amerikanische Financial Action Task Force (FATF) alle Steueroasen führt. Die europäische Wirtschaftsorganisation OECD nahm die Caymans gar nicht erst auf ihre Liste der «unkooperativen Staaten», nachdem George Town Änderungen versprach und umsetzte. Tatsächlich wurden eine striktere Finanzaufsicht installiert, Gesetze gegen Geldwäsche erlassen und ein begrenzter Mitteilungsverkehr mit den Steuer- und Ermittlungsbehörden anderer Länder eingeführt.
Die Massnahmen bewahrten die Caymans vor der Peinlichkeit, mit Liechtenstein, Andorra, Monaco und Liberia in einem Atemzug genannt zu werden, die heute noch zu den Grosssündern unter den Steuerhäfen zählen. Bei aller Kooperation konnten die Inseln aber ihre Standortvorteile im Kern erhalten: «Ein mehr oder weniger striktes Bankgeheimnis, keine Devisenkontrollen oder direkte Besteuerung, politische Stabilität und eine an den US-Dollar fixierte Inselwährung», fasst sie die Economist Intelligence Unit in einer aktuellen Beurteilung zusammen.
Betrugsmanöver sindnach wie vor möglich
Viel steht für Insel-Gouverneur McKeeva Bush auf dem Spiel. Sein karibischer Kleinstaat ist in den letzten 30 Jahren zum Weltfinanzzentrum herangewachsen. Neben tausenden von Firmensitzen beherbergen die Caymans auch 600 Banken. Die Inseln sind ein weltweit führendes Zentrum für Gesundheitsversicherungen und unterhalten ein stattliches Schiffsregister. Seit 1997 gibt es eine eigene Börse, die als Umschlagplatz der eigentlichen Spezialität der Inseln dient: Hedge Funds, deren Anzahl auf knapp 5000 Einzelgesellschaften geschätzt wird.
Die Einsicht, dass die Finanzinfrastruktur der Inseln es immer noch ermöglicht, kriminellen Bilanzbetrug in anderen Ländern zu vertuschen, wirft bei Experten die Frage auf, in welche Seriositätsliga die Caymans tatsächlich aufgestiegen sind. Der Skandal kommt zu einem sensiblen Zeitpunkt. Über Grossbritannien, im weiteren Sinn EU-Gebiet, müssen die Inseln die jüngst beschlossenen Brüsseler Zinsrichtlinien umsetzen, wonach grenzüberschreitende Kapitalerträge innerhalb Europas einheitlich besteuert werden sollen. Davon wäre nach Angaben des inseleigenen Verbandes der Fondsverwalter jeder fünfte Fonds betroffen.
Das britische Finanzministerium setzt die Caymans seit Anfang Dezember unter hohen Druck. Die vier anderen britischen Überseegebiete der Karibik haben London bereits Kooperation in der Zinsfrage signalisiert. Caymans-Gouverneur Bush lehnt bisher weitere Zugeständnisse ab, weiss jedoch selbst am besten, dass ihm letztlich nichts anderes übrig bleiben wird, als sein Palmenparadies noch etwas transparenter zu machen. «Wir glauben, dass wir Geschäfte verlieren werden», sagte er kürzlich in einem Interview.





























