Von:
Pirmin Schilliger
Foto:
Keystone
 

Petroplus: Absturz mit Ankündigung

Die grossen Expansionspläne des Raffineriebetreibers Petroplus hielten fünf Jahre. Jetzt schliessen Anlagen.

Raffinerie von Petroplus in Cressier

Raffinerie von Petroplus in Cressier: Der Raffineriebetreiber steht mit dem Rücken zur Wand.

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Eigentlich hatte es Tom O’Malley bereits allen bewiesen. Keiner hatte in der Raffineriebranche mehr erfolgreiche Deals über die Bühne gebracht als er. Sein Instinkt galt als legendär. Und reich geworden war der Amerikaner schon längst, als er es mit 65 Jahren mit Petroplus noch einmal allen zeigen wollte. «Meine Frau will mich nicht andauernd im Haus», sagte er 2006. Dann begann O’Malley in der rohstoffarmen Schweiz innert Monaten den ersten börsenkotierten Rohstoffkonzern zusammenzubauen.

Die Börse boomte bereits das dritte Jahr in Folge. Investoren hatten wieder Geld und Mut. «Wenn ich nach vorne schaue, dann scheint das Bild leuchtend», sagte O’Malley damals. Das Anlegerpublikum jubelte. Es gab Boni, komplizierte Optionspläne, spekulierende Finanzinvestoren und Firmenübernahmen auf Pump. Mit Petroplus wuchs wie bei kaum einem anderen Unternehmen die perfekte Schönwetter-Story heran. Sie taugte knapp fünf Jahre.

Amerikanisches Erfolgsrezept

Alles begann im März 2005, als die beiden amerikanischen Private-Equity-Gesellschaften Carlyle Group und Riverstone die Aktienmehrheit an Petroplus übernahmen. Damals war Petroplus noch eine kleine, aus den 1990er-Jahren stammende Gesellschaft, in deren Portfolio sich nur zwei Anlagen befanden: Cressier im Kanton Neuenburg, eine Raffinerie, die bis heute rund einen Viertel des Benzinbedarfs der Schweiz abdeckt, sowie Teesside im Norden von England.

Das Rohöl war günstig, die Nachfrage nach Benzin, Diesel und Kerosin hoch. Die Margen in der Branche waren fett. Alle an der Verarbeitungskette Beteiligten profitierten, sämtliche europäischen Raffinerien erzielten in jenem Jahr üppige Gewinne.

Die ursprünglich niederländische Petroplus war zunächst im Vergleich zu den Branchengrössten wie Total, Shell oder Exxon Mobil eine kleine Nummer. Doch die amerikanischen Investoren hatten Grosses vor. Um frei schalten und walten zu können, machten sie den übrigen Ak­tionären ein Übernahmeangebot und nahmen Petroplus von der Amsterdamer Börse. Dann wechselten sie das gesamte Management aus.

Die Wachstumsstory war für das breite Publikum bereit

Was folgte, war der grosse Auftritt von O’Malley als neuer Chef und Verwaltungsratspräsident. Er hatte zuvor in den USA mit seiner Strategie, Raffinerien aufzukaufen, neu zu bündeln und gewinnbringend zu verkaufen, bereits ein grosses Vermögen angehäuft. Das Meisterstück lieferte er bis dahin mit Tosco ab. Durch unzählige Akquisitionen hatte er den Konzern zum grössten unabhängigen Raffineriebetreiber der USA geformt und ihn schliesslich für 7 Milliarden Dollar an Philips verkauft.

O‘Malley blieb sich treu. Gleiches Rezept, nun aber in Europa. Und er brachte gleich eine komplette Seilschaft von Weggefährten aus den USA mit, so unter anderem Karyn Ovelmen, die bei Petroplus neue Finanzchefin wurde. Im August 2006 wurde der Sitz von Petroplus ins steuergünstige Zug verlegt. Fast gleichzeitig erwarb der Konzern eine dritte Raffinerie im belgischen Antwerpen.

Die Wachstumsstory war damit für den nächsten Coup und das breite Publikum bereit. Ende November brachte O’Malley das Unternehmen in der Schweiz an die Börse. Die ersten grossen Profiteure waren dabei Riverstone und Carlyle, die bis dahin 94,5 Prozent der Aktien besassen. Sie nahmen beim Börsengang über 1,1 Mil­liarden Franken ein. Es war der grösste Börsengang in Zürich seit 2001. Tom O‘Malley verkündete: «Unser Ziel ist es, der grösste unabhängige Raffineriebetreiber in Europa zu werden.» Von da an kannte der Börsenkurs nur noch die Richtung nach oben.

Shootingstar der Schweizer Börse

In rascher Folge kauften O’Malley und sein Akquisitionsteam vier weitere Raffinerien auf: In Ingolstadt (von Exxon ­Mobil), Coryton an der Themsemündung (von BP), Reichstett im Elsass (von Shell) und in Petit-Couronne bei Nancy (von Shell). Das Geld für die Expansion kam von einer Kapitalerhöhung und vor allem von Banken. Noch war die Finanzkrise nicht ausgebrochen. Die Aufnahme von Geld war zu jenem Zeitpunkt einfach. O’Malley sprach von der «erfolgreichen Umsetzung der Wachstumsstrategie» und davon, dass die «weltweiten Raffinerie-­kapazitäten nicht zu genügen scheinen, um die Nachfrage in den nächsten Jahren zu decken». Der Aktienkurs verdoppelte sich innerhalb von wenigen Monaten.

Es war jene Zeit im Jahre 2007, als zahlreiche Optionen zu Petroplus auf den Markt kamen. Viele davon wurden nicht über die Börse gehandelt, sondern ausserhalb. «Zurzeit sind finanzkräftige Investoren am Werk und auch Trittbrettfahrer», berichtete damals ein Banker. Weil viele Optionen gekauft wurden, mussten die Geldinstitute auch vermehrt Aktien kaufen, um sich abzusichern. Das trieb den Kurs weiter an.

Im Sommer 2007 erreichten die Raffineriemargen ihre Spitze. Am Ende des Jahres konnten O‘Malley und sein Team stolze Zahlen präsentieren. Petroplus hatte den Umsatz auf 14 Milliarden Dollar verdoppelt, den Gewinn auf 310 Millionen vervierfacht.

«Bei Petroplus waren Zocker am Werk»

Der Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung partizipierten am Erfolg dank grosszügigen Optionsprogrammen. Laut Geschäftsbericht 2008 nutzten sie die Gelegenheit, um in den ersten zwei Jahren nach dem Börsengang mit rund 500 000 ausgeübten Optionen ihre Grundgehälter kräftig aufzupolieren. Phasenweise stieg der Aktienkurs auf deutlich über 100 Franken.

Die Boomstimmung schlug beim Entschädigungsmodell in den Cheftagen voll durch. Bis zu 5 Prozent des Betriebsgewinns wurden ans Management ausbezahlt. Die Geschäftsleitungsmitglieder bezogen Millionensaläre, die Verwaltungsräte erhielten rund 300 000 Franken jährlich. «Obwohl ein börsenkotiertes Unternehmen, wurde Petroplus ganz im Stil einer amerikanischen Private-Equity-Firma geführt», kritisiert Gregor Greber, Chef von der auf Vermögensverwaltung spezialisierten zCapital. Die Firma legt in der Anlageberatung besonderes Gewicht auf die Corporate Governance und erteilte in dieser Hinsicht Petroplus immer wieder schlechte Noten.

Greber macht kein Geheimnis daraus, dass er sowohl mit dem Entschädigungsmodell als auch mit der Finanzierungspolitik von Petroplus seit dem Börsengang bis heute seine liebe Mühe hat. Ein weiterer Kritiker, der nicht namentlich genannt sein will, sagt: «Bei Petroplus waren Zocker am Werk, die nach der Devise handelten: Schnell reich werden, spekulieren und hoffen, dass alles gut kommt.»

Der Niedergang und die Gerüchte

Es kam nicht gut. Der Niedergang begann bereits im Sommer 2008. Die Raffineriebranche geriet nach fünf goldenen Jahren jäh in den Strudel der Finanzkrise. Die Nachfrage brach ein. Das Unternehmen schraubte zwar den Umsatz dank aggressiver Expansion noch auf 24 Milliarden hoch, doch es rutschte mit 517 Millionen tief ins Minus, und die Aktie setzte zum Tauchgang an. Beobachter berichten, zu jener Zeit seien wohl gezielt gestreute Gerüchte aufgetaucht, welche den Aktienkurs hätten stabilisieren sollen. So hätten etwa Russen, Chinesen oder Inder begehrliche Blicke auf die Petroplus-Raffinerien geworfen.

Doch Käufer für die teils veralteten Anlagen fanden sich keine. Petroplus musste 2009 die Anlage in Teesside stilllegen. Das gleiche Schicksal ereilte im April 2011 – nur drei Jahre nach der Übernahme – die elsässische Raffinerie Reichstett. Gegenwärtig werden drei weitere Betriebe, in Antwerpen, Cressier und Petit-Couronne, heruntergefahren. Gleichzeitig laufen hinter den Kulissen die Verhandlungen zwischen der Geschäftsleitung und den Banken über die Erneuerung eines Rahmenkredits. Petroplus braucht das Geld, um Rohöl überhaupt kaufen und so überleben zu können. Die Liquidität reicht derzeit gerade noch, um die beiden rentabelsten Raffinerien in Ingolstadt und Coryton mit Nachschub zu versorgen. «Bleiben die Verhandlungen mit den Banken erfolglos, droht Petroplus spätestens im März der Genickbruch», schätzt ZKB-Analyst Martin Schreiber.

Noch 2010 wurde die fünfköpfige Geschäftsleitung mit 8 Millionen Franken entschädigt. Spitzenverdiener war mit einem Gehalt von 3 Millionen Franken Jean-Paul Vettier, der seit 2009 als Chef des Konzerns amtet. Tom O’Malley, der Mann mit dem untrüglichen Instinkt, hatte das Schiff längst verlassen.

 

Ölfirmen: Keine Zierde für die Schweizer Börse

Aus den USA
Petroplus ist nicht die einzige Ölgesellschaft an der Schweizer Börse. Im April 2010 wurde der auf Tiefseebohrungen spezialisierte US-Riese Transocean kotiert. Und im November 2010 begann der Handel mit Aktien des US-Riesen Weatherford International. Das Unternehmen produziert Ausrüstungsgüter für die Gewinnung von Öl und Gas.

Unfälle und Skandale
Einen Tag nach Handelsbeginn von Trans­ocean geriet ihre im Auftrag von BP betriebene Bohrinsel Deep Water Horizon in Brand. Weatherford sorgte letztes Jahr für einen Buchhaltungsskandal. Die Aktie von Transocean verlor seit 2010 über 61 Prozent, jene von Weatherford 27 Prozent.

Top 2011

Die Listen der 1300 grössten Unternehmen in der Schweiz sind eine einzigartige Sammlung von Daten und Kennzahlen.
Zu den neuen Listen

SMI6.192,4-45,4minus-0,7%
SPI5.609,1-39,6minus-0,7%
SLI941,6-9,2minus-1,0%
SMIM1.201,3-13,8minus-1,1%
DAX 306.843,9-64,3minus-0,9%
EURO STOXX 502.519,0-22,6minus-0,9%
Dow Jones Ind.12.938,7-27,0minus-0,2%
S&P 5001.263,013,4plus1,1%
NASDAQ Composite Index2.648,4-0,4minus-0,0%
Nikkei 2259.554,091,0plus1,0%
EUR/CHF1,2056-0,0minus-0,1%
USD/CHF0,9092-0,0minus-0,1%
Ölpreis (WTI)105,9-0,4minus-0,3%
Goldpreis1.774,33,0plus0,2%

Top und Flops

NameKurs+/-+/- %
299,805,301,80
54,900,100,18
878,500,500,06
12,75-0,44-3,34
53,00-1,45-2,66
58,70-1,05-1,76
159,20-2,40-1,49
24,84-0,37-1,47
34,66-0,50-1,42
36,26-0,40-1,09
NameKurs+/-+/- %
79,170,791,01
53,350,110,21
48,720,040,07
80,660,050,06
2,07-0,07-3,27
50,31-1,52-2,93
10,49-0,28-2,56
33,04-0,82-2,41
32,83-0,74-2,20
39,43-0,79-1,95
NameKurs+/-+/- %
51,082,715,60
12,370,473,95
11,680,363,14
17,450,120,69
20,910,120,57
1,48-0,09-5,43
23,13-1,07-4,42
4,05-0,18-4,30
6,87-0,24-3,42
6,33-0,21-3,20

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