Porsche wird zwölfte VW-Tochter

Ein spektakulärer Milliarden-Deal sichert VW die volle Macht bei Porsche. Trotz heftiger Kritik aus der Politik wegen eines vermeintlichen Steuerschlupflochs brilliert die VW-Aktie im Dax.

05.07.2012

Vier Jahre nach der heftigen Übernahmeschlacht mit dem Sportwagenbauer Porsche kann Europas führender Autokonzern Volkswagen endlich alle Vorteile des Zusammenschlusses nutzen. «Jetzt ist der Weg frei für eine gemeinsame Zukunft», sagte VW-Chef Martin Winterkorn in der Wolfsburger Konzernzentrale.

An dem überraschend schnellen Zusammenschluss wohl schon zum 1. August kam heftige Kritik aus der Politik wegen einer angeblichen Nutzung eines Steuerschlupflochs. Im Dax war die VW-Aktie der einzige grosse Gewinner: Sie gewann gut 5 Prozent.

Dem Unternehmen wird vorgeworfen, gezielt ein Schlupfloch im Steuerrecht auszunutzen. Andernfalls hätten sie Schätzungen zufolge rund 1,5 Milliarden Euro Steuern für das Geschäft überweisen müssen. Finanzchef Hans Dieter Pötsch wies die Kritik zurück: Die kolportierten Zahlen entbehrten jeder Grundlage.

Nach Ansicht von Volkswagen ist der Staat nicht der grosse Verlierer. «Es fallen Steuern von deutlich über 100 Millionen Euro an. Diese Steuern sind transaktionsbedingt», erklärte Pötsch. Zudem könnten die beiden Autobauer zusammen Kostenvorteile heben und so mehr Gewinn machen.

«Tägliche Praxis in mittelständischen Unternehmen»

Ralf Thesing vom Bund der Steuerzahler nahm die Wolfsburger in Schutz: «VW und Porsche machen nichts anderes als das, was tägliche Praxis in mittelständischen Unternehmen ist», sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Das gewählte Verfahren sei äusserst kompliziert, jedoch rechtlich zulässig.

Kern des Deals ist, dass VW den grundsätzlich steuerpflichtigen Kauf der noch ausstehenden zweiten Hälfte der Porsche AG als eine - ausdrücklich legale - Umstrukturierung ausweist. Die ist steuerfrei.

Das Unternehmen hatte am Mittwochabend angekündigt, die monatelange Hängepartie um das weitere Vorgehen bei Porsche durch die Übernahme der übrigen 50,1 Prozent des operativen Sportwagengeschäfts der Stuttgarter zu beenden. 49,9 Prozent gehören den Wolfsburgern schon.

Wohl bereits zum 1. August will VW die noch fehlenden Aktien erwerben. Dafür zahlt der Autobauer rund 4,46 Milliarden Euro in bar. Nach der gescheiterten Fusion hatte VW zunächst erwogen, Porsche in den kommenden Jahren über Optionsgeschäfte unter sein Dach zu holen.

Strategische Investitionen nun möglich

Aus Sicht Winterkorns markiert der mit Spannung erwartete Schritt ein zentrales Datum für die gesamte Automobilbranche: «Wir können uns darauf konzentrieren, was VW und Porsche am besten können: hervorragende Fahrzeuge zu entwickeln und zu bauen», sagte Winterkorn.

Porsche-Chef Matthias Müller will mit den Milliardengeldern die Ausgaben drücken, aber auch den Aufbau neuer Geschäfte voranbringen: Strategische Investitionen seien nun möglich.

Ziel ist ein integrierter Konzern, in dem Gemeinschaftsprojekte in Entwicklung und Vertrieb angeschoben sowie langfristig bis zu 700 Millionen Euro pro Jahr an Kosten eingespart werden sollen. «Die bisherige rechtliche Trennung von VW und Porsche hat verhindert, die Synergiepotenziale komplett einzuschätzen», erklärte Müller.

Befürchtete hohe Steuerzahlungen mit Kunstgriff beträchtlich drücken

Mit einem Kunstgriff will VW allerdings die befürchteten hohen Steuerzahlungen beträchtlich drücken. Eine spezielle Regelung erlaubt es den Wolfsburgern, das Porsche-Geschäft als Umstrukturierung im Konzern anstatt als normalen Kauf externer Anteile zu definieren - wenn zugleich eine VW-Stammaktie nach Stuttgart verschoben wird.

Aus der Politik kam hierzu heftige Kritik, vor allem aus dem Porsche-Stammland Baden-Württemberg und von der FDP. Der Bundestagsfraktionschef der Liberalen, Rainer Brüderle, sagte dem «Handelsblatt», wenn Weltkonzerne mit Steuertricks Milliarden sparen könnten, müsse sich jeder Steuerzahler veräppelt fühlen:

«Von so viel Nachsicht der Finanzämter können viele Handwerker nur träumen.» Brüderle räumte ein: «Das mag legal sein, zeigt aber, wie dringend wir ein einfacheres und gerechteres Steuerrecht brauchen.»

Kein Verständnis für Brüderle-Kritik

VW-Kommunikationschef Stephan Grühsem wollte die Kritik nicht auf sich sitzen lassen: «Wir haben nicht das geringste Verständnis für die Äusserungen von Herrn Rainer Brüderle», empörte er sich. Die Aussagen des FDP-Mannes seien falsch und entbehrten jeder Grundlage.

Auch Betriebsratschef Bernd Osterloh kritisierte die Vorwürfe im Zusammenhang mit dem vorgezogenen Einbau Porsches scharf. «Jetzt zu behaupten, wir hätten durch das Vorziehen 1,5 Milliarden an Steuern eingespart, ist absoluter Blödsinn. Und das ärgert mich.»

Investorenklagen

Pötsch sagte, die genannten mehr als 100 Millionen Euro bezögen sich nur auf den Erwerb der Anteile - etwa durch die Zahlung von Grunderwerbsteuer. Im Fall eines Abwartens bis Mitte 2014 wäre VW zudem nicht völlig steuerfrei davongekommen.

Winterkorn erklärte, der Porsche-Kauf sei «gut für Volkswagen, für Porsche und für den Industriestandort Deutschland». Er sichere Jobs, am VW-Stammsitz in Wolfsburg werde keinesfalls gerüttelt. Porsche solle als Marke ausserdem eigenständig bleiben.

Die Betriebsräte von Volkswagen und Porsche sowie Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister (CDU) sprachen von einem Meilenstein in der Entwicklung.

Durch den Direktkauf vermeidet es VW auch, sich mit einem juristischen Erbe des einstigen Übernahmekampfs 2008/2009 in der Porsche-Dachgesellschaft weiter auseinandersetzen zu müssen. Das Risiko von Investorenklagen bleibe dort, stellte Pötsch klar.

Anleger werfen Porsche vor, den Aktienmarkt durch Pressemitteilungen während des später gescheiterten Übernahmeversuchs von VW durch Porsche vor vier Jahren gezielt beeinflusst zu haben. Sie sahen sich über die wahren Absichten der Stuttgarter getäuscht.

(aho/vst/awp)

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An dem überraschend schnellen Zusammenschluss wohl schon zum 1. August kam heftige Kritik aus der Politik wegen einer angeblichen Nutzung eines Steuerschlupflochs. Im Dax war die VW-Aktie der einzige grosse Gewinner: Sie gewann gut 5 Prozent.

Dem Unternehmen wird vorgeworfen, gezielt ein Schlupfloch im Steuerrecht auszunutzen. Andernfalls hätten sie Schätzungen zufolge rund 1,5 Milliarden Euro Steuern für das Geschäft überweisen müssen. Finanzchef Hans Dieter Pötsch wies die Kritik zurück: Die kolportierten Zahlen entbehrten jeder Grundlage.

Nach Ansicht von Volkswagen ist der Staat nicht der grosse Verlierer. «Es fallen Steuern von deutlich über 100 Millionen Euro an. Diese Steuern sind transaktionsbedingt», erklärte Pötsch. Zudem könnten die beiden Autobauer zusammen Kostenvorteile heben und so mehr Gewinn machen.

«Tägliche Praxis in mittelständischen Unternehmen»

Ralf Thesing vom Bund der Steuerzahler nahm die Wolfsburger in Schutz: «VW und Porsche machen nichts anderes als das, was tägliche Praxis in mittelständischen Unternehmen ist», sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Das gewählte Verfahren sei äusserst kompliziert, jedoch rechtlich zulässig.

Kern des Deals ist, dass VW den grundsätzlich steuerpflichtigen Kauf der noch ausstehenden zweiten Hälfte der Porsche AG als eine - ausdrücklich legale - Umstrukturierung ausweist. Die ist steuerfrei.

Das Unternehmen hatte am Mittwochabend angekündigt, die monatelange Hängepartie um das weitere Vorgehen bei Porsche durch die Übernahme der übrigen 50,1 Prozent des operativen Sportwagengeschäfts der Stuttgarter zu beenden. 49,9 Prozent gehören den Wolfsburgern schon.

Wohl bereits zum 1. August will VW die noch fehlenden Aktien erwerben. Dafür zahlt der Autobauer rund 4,46 Milliarden Euro in bar. Nach der gescheiterten Fusion hatte VW zunächst erwogen, Porsche in den kommenden Jahren über Optionsgeschäfte unter sein Dach zu holen.

Strategische Investitionen nun möglich

Aus Sicht Winterkorns markiert der mit Spannung erwartete Schritt ein zentrales Datum für die gesamte Automobilbranche: «Wir können uns darauf konzentrieren, was VW und Porsche am besten können: hervorragende Fahrzeuge zu entwickeln und zu bauen», sagte Winterkorn.

Porsche-Chef Matthias Müller will mit den Milliardengeldern die Ausgaben drücken, aber auch den Aufbau neuer Geschäfte voranbringen: Strategische Investitionen seien nun möglich.

Ziel ist ein integrierter Konzern, in dem Gemeinschaftsprojekte in Entwicklung und Vertrieb angeschoben sowie langfristig bis zu 700 Millionen Euro pro Jahr an Kosten eingespart werden sollen. «Die bisherige rechtliche Trennung von VW und Porsche hat verhindert, die Synergiepotenziale komplett einzuschätzen», erklärte Müller.

Befürchtete hohe Steuerzahlungen mit Kunstgriff beträchtlich drücken

Mit einem Kunstgriff will VW allerdings die befürchteten hohen Steuerzahlungen beträchtlich drücken. Eine spezielle Regelung erlaubt es den Wolfsburgern, das Porsche-Geschäft als Umstrukturierung im Konzern anstatt als normalen Kauf externer Anteile zu definieren - wenn zugleich eine VW-Stammaktie nach Stuttgart verschoben wird.

Aus der Politik kam hierzu heftige Kritik, vor allem aus dem Porsche-Stammland Baden-Württemberg und von der FDP. Der Bundestagsfraktionschef der Liberalen, Rainer Brüderle, sagte dem «Handelsblatt», wenn Weltkonzerne mit Steuertricks Milliarden sparen könnten, müsse sich jeder Steuerzahler veräppelt fühlen:

«Von so viel Nachsicht der Finanzämter können viele Handwerker nur träumen.» Brüderle räumte ein: «Das mag legal sein, zeigt aber, wie dringend wir ein einfacheres und gerechteres Steuerrecht brauchen.»

Kein Verständnis für Brüderle-Kritik

VW-Kommunikationschef Stephan Grühsem wollte die Kritik nicht auf sich sitzen lassen: «Wir haben nicht das geringste Verständnis für die Äusserungen von Herrn Rainer Brüderle», empörte er sich. Die Aussagen des FDP-Mannes seien falsch und entbehrten jeder Grundlage.

Auch Betriebsratschef Bernd Osterloh kritisierte die Vorwürfe im Zusammenhang mit dem vorgezogenen Einbau Porsches scharf. «Jetzt zu behaupten, wir hätten durch das Vorziehen 1,5 Milliarden an Steuern eingespart, ist absoluter Blödsinn. Und das ärgert mich.»

Investorenklagen

Pötsch sagte, die genannten mehr als 100 Millionen Euro bezögen sich nur auf den Erwerb der Anteile - etwa durch die Zahlung von Grunderwerbsteuer. Im Fall eines Abwartens bis Mitte 2014 wäre VW zudem nicht völlig steuerfrei davongekommen.

Winterkorn erklärte, der Porsche-Kauf sei «gut für Volkswagen, für Porsche und für den Industriestandort Deutschland». Er sichere Jobs, am VW-Stammsitz in Wolfsburg werde keinesfalls gerüttelt. Porsche solle als Marke ausserdem eigenständig bleiben.

Die Betriebsräte von Volkswagen und Porsche sowie Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister (CDU) sprachen von einem Meilenstein in der Entwicklung.

Durch den Direktkauf vermeidet es VW auch, sich mit einem juristischen Erbe des einstigen Übernahmekampfs 2008/2009 in der Porsche-Dachgesellschaft weiter auseinandersetzen zu müssen. Das Risiko von Investorenklagen bleibe dort, stellte Pötsch klar.

Anleger werfen Porsche vor, den Aktienmarkt durch Pressemitteilungen während des später gescheiterten Übernahmeversuchs von VW durch Porsche vor vier Jahren gezielt beeinflusst zu haben. Sie sahen sich über die wahren Absichten der Stuttgarter getäuscht.

(aho/vst/awp)

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