Anfang dieses Jahres hatten Polizei und Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit so genannten Abofallen-Betrügereien 64 Objekte in Deutschland, Österreich und der Schweiz durchsucht - «Handelszeitung Online» berichtete darüber ausführlich. Seither sitzen die Hauptangeklagten in Untersuchungshaft.
Am Mittwoch begann vor dem Landgericht in Frankfrurt am Main nun ein Betrugsprozess gegen zwei Kaufleute. Die Anklageverlesung allein nahm vier Stunden in Anspruch, berichtete die Nachrichtenagentur dapd. Mit einem Urteil wird Mitte Oktober gerechnet.
Den beiden Männern wirft die Staatsanwaltschaft auf knapp 4000 Seiten vor, in der Zeit von Mitte 2010 bis Juni vergangenen Jahres mindestens 100'000 Telefonkunden in so genannte «Abofallen» gelockt zu haben.
Schaden mindestens 2 Millionen Euro
Über so genannte Mehrwertdienstleistungen, die über die normale Telefonrechnung abgerechnet werden, buchten die Betrüger frischfröhlich massenhaft kleine Beträge bei den «Kunden» ab.
Die Anklage spricht von einem Schaden von mindestens zwei Millionen Euro. Die Angeklagten wollten den Betrug nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft aber noch in viel grösserem Umfang aufziehen. Laut der Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main besorgten sich die Kaufleute bei Adresshändlern Datensätze von Menschen, die bereits an Gewinnspielen teilgenommen hatten. Über Call-Center in Pristina, der Hauptstadt Kosovos, seien die Kunden dann angerufen worden. In den Telefongesprächen sei ihnen gesagt worden, sie hätten Kosmetikgutscheine und ähnliches gewonnen.
Tatsächlich aber handelte es sich um Rabattgutscheine für eine Firma, die einem der Angeklagten gehörte. Diese Offerte sollte laut Anklage dazu dienen, die Daten der Kunden abgleichen zu können und ihre Antworten - in den meisten Fällen «ja» - mitzuschneiden. Aus den Mitschnitten seien dann rechtsfähige Verträge über die Teilnahme an 200 Gewinnspielen für den Preis von 9,90 Euro wöchentlich entstanden, die den Angerufenen im Verlaufe der Telefonate offeriert worden waren, berichtete die Nachrichtenagentur dapd.
Parallelen zum «Wiener Karussell»
Damit die wöchentlichen Abbuchungen von 9,90 Euro nicht sofort auffielen, nutzten die Betrüger die Dienstleistungsverträge von Netzbetreibern, so dass die Gebühren automatisch mit der Telefonrechnung abgebucht wurden. Merkten die Geprellten, dass bei ihnen stinkfrech regelmässig «abgebucht» wurde, hatten sie keine Chance, das Geld zurückzufordern. Denn um die Zahlungen zu verschleiern, habe der 32-jährige Hauptangeklagte Faustus Eberle eine Vielzahl von Strohleuten und Scheinfirmen in den USA und auf den Virgin Islands genutzt.
Dieses Vorgehen erinnert frappant an die Betrügereien des so genannten «Wiener Karussells» - auch zu dieser Gruppe laufen Ermittlungen in Österreich, der Schweiz und Deutschland. Letzte Woche kam es in Deutschland in diesem Fall zu Haftstrafen, unter anderem gegen das ehemalige Vorstandsmitglied des Kantonalen Schwyzer Treuhänder-Verbandes Markus Waldvogel. Im April wurden einige der Wiener-Spezis verhaftet.
Aktivitäten in Zug
Der 32 Jahre alte Kaufmann Faustus Eberle aus Frankfurt ist nach Meinung der Staatsanwaltschaft die treibende Kraft der gewerbsmässigen Betrügereien gewesen. Er baute ein Firmengeflecht auf und soll die Leitfäden geschrieben haben, an die sich seine Mitarbeiter in den irreführenden Telefonaten halten mussten. Verteidigt wird er von den Anwälten Hamm, Herrschaft und Köberer der in Deutschland bekannten Kanzlei Hammpartner Rechtsanwälte. Die Herren gehörten zu Deutschlands besten Wirtschaftsanwälten, findet das «Handelsblatt».
Eberle und seine Kumpanen gründeten in der Vergangenheit auch in der Schweiz diverse Firmen und lebten ab 2005 offiziell in Zug - von dort aus zockten sie vorwiegend jahrelang in Deutschland ab. Zum Firmengeflecht gehörte auch die Europe Holding, in deren Umfeld es Anfang Jahr zu einer Hausdurchsuchung kam - ebenso wie im Dunstkreis der Saleshouse AG, bei der Robert Juric (39) die Finger im Spiel hatte.
Der zweite Angeklagte in Frankfurt am Main neben Eberle ist der 40-jährige Kadrush Shijaku, er war Geschäftsführer des Call-Centers im Kosovo. Auch Shijaku hat Verbindungen in die Schweiz, etwa zum dubiosen Energieverbund aus Otelfingen ZH.
In den Kosovo hatte auch das Callcenter MC Mobile Communication aus Frankfurt am Main beste Verbindungen - auch diese Firma gehörte zu Eberles Europe Holding - über die weitere Zuger Firma Mobilfunkverbund AG, die deren volle Gesellschafterin war und von der Rechtsanwalt Achim Wiesner für die Europe Holding die Bildmarke «Mobilfunkverbund» reservieren liess.
Äusserst wichtig für Eberles diverse Firmen ist also die erwähnte Europe Holding aus Zug. Während Eberle in U-Haft sass, kam es im Verwaltungsrat dieser Holding im April zu einem weiteren Wechsel: Der Deutsche Udo Michael Polzin, der auch als Geschäftsführer der Firma DIS Deutsche Inkassostelle GmbH amtete, fungiert nun als Verwaltungsrat. Die DIS gehörte ebenfalls zu Eberles Firmengeflecht. Der Zürcher «Tages-Anzeiger» berichtete mehrmals über das Treiben des Eberleschen Umfelds aus der Innerschweiz.
Eine Bleibe beim Barman gefunden
Die Europe Holding hatte bei der Swiss Financial Yard AG eine neue Bleibe gefunden. Beim Domizilgeber sitzt David Paulson im Verwaltungsrat. Früher hiess er David Prokopetz und sorgte mit Firmenmänteln für Aufsehen. Der begnadete Barman war Teilhaber in der Treuhandfirma Rialcos, die in einem Millionenskandal eine Rolle spielte und bei der Paulson dem Täter willig zur Hand ging, berichtete der «Tages-Anzeiger» - die entsprechenden E-Mails liegen auch «Handelszeitung Online» vor.
Ebenfalls widmete der in der Zuger Wirtschaftszene bestens vernetzte investigative Journalist Franz Stoller David Paulson kürzlich einen Artikel. So habe die Staatsanwaltschaft Luzern ihn im Frühling 2008 aufgrund des dringenden Verdachtes auf Geldwäscherei, Betruges und weiterer Delikte festgenommen und ihn und seine Geschäftspartner für längere Zeit in Untersuchungshaft gesteckt. Er stand unter Verdacht, mit weiteren Personen so genannte «Abofallen» im Internet betrieben zu haben. Das Verfahren ist immer noch hängig, es gilt wie für alle anderen erwähnten Personen die Unschuldsvermutung.
David Paulson meinte gegenüber «Handelszeitung Online», man habe der Europe Holding aus Versehen ein Domizil gewährt und dieses inzwischen wieder aufgekündigt. Mit Eberle wolle man nichts zu tun haben, meinte Paulson sinngemäss weiter.
«Business-Angel» und «Wirtschaftswunderkind»
Pikant: Als im Internet immer mehr vor Eberle und Abofallen-Projekten gewarnt wurde, versuchte er erfolgreich, sich einen ehemaligen Verbraucherschutzverein unter den Nagel zu reissen - und dann einer seiner Abofallen - Nachbarschaft24 - in Form einer «Empfehlung» einen Persilschein auszustellen.
Der 32-Jährige Eberle, der sich auch gerne als «Business-Angel» und «Wirtschaftswunderkind» in der Öffentlichkeit über Gratis-PR-Webseiten lobpreiste, hat am ersten Verhandlungstag von Fehlern gesprochen, die er begangen habe. Er habe die Grenze zwischen seriösen Produktverkäufen und moralisch bedenklicher Akquise überschritten.
Gleichzeitig meinte er, beim Erstellen seiner Leitfäden und der späteren Verträge immer auf den Rat eines Rechtsanwaltes gehört zu haben.





























