25.11.2009 | 05:30
SEVERIN SCHWAN
Von:
Interview: Martin Spieler
Foto:
Bild: Zvonimir Pisonic
 

«Wir sind auf gutem Weg, die höheren Erwartungen zu erfüllen»

Der CEO von Roche sagt, wie er mit dem Konzern schneller als der Markt wachsen will, was die Genentech-Übernahme bringt und wie sich die US-Gesundheitsreform auswirkt. Bei der Dividende werde es keine Enttäuschungen geben, stellt Schwan in Aussicht.

Nebenartikel:

Haben Sie sich gegen die Schweinegrippe geimpft?

Severin Schwan: Nein, ich habe mich noch nicht geimpft. Aber ich habe auf Reisen immer eine Packung Tamiflu dabei.

Ist denn die Schweinegrippe gar nicht so gefährlich, wie immer behauptet wird?

Schwan: Man darf diese Krankheit auf keinen Fall unterschätzen. Die WHO hat schon vor einiger Zeit vor den Folgen einer Pandemie gewarnt. Obwohl die Erkrankungen mit dem H1N1-Virus in den meisten Fällen mild verlaufen, sind laut der WHO weltweit schon über 6000 Menschen daran gestorben. Auch kann die Pandemie zu erheblichen Beeinträchtigungen im öffentlichen Leben führen, wenn zum Beispiel Schulen und ganze Betriebe geschlossen werden müssen.

Mit dem Grippemittel Tamiflu erreichen Sie bereits rund 5% des Umsatzes von Roche. Erwarten Sie, dass dieser Anteil in den nächsten Monaten wegen der Schweinegrippe deutlich steigt?

Schwan: Die Nachfrage ist gross. Wir werden dieses Jahr mit Tamiflu über 2,7 Mrd Fr. umsetzen. Allerdings gestaltet sich die längerfristige Vorhersage schwierig, da sowohl die Entwicklung der Pandemie als auch saisonale Grippeviren schwer einzuschätzen sind. Wir werden auch künftig hohe Schwankungen bei den Tamiflu-Verkäufen sehen.

Was sagen Sie zum Vorwurf, Ihre Pharmadivision wachse ohne die Tamiflu-Verkäufe gar nicht mehr so stark?

Schwan: Wir wachsen auch ohne Tamiflu weiterhin deutlich über dem Markt. Insbesondere das Wachstum unserer wichtigen Krebsmedikamente liegt im zweistelligen Bereich.

Im 3. Quartal hatte Roche an die gute Geschäftsentwicklung der Vormonate anknüpfen können. Hält dieser positive Trend an?

Schwan: Ja, wir werden auch für das Gesamtjahr in den beiden Divisionen Pharma und Diagnostika deutlich stärker als der Markt wachsen.

Sie hatten Ihre Umsatzschätzung für die Pharmadivision erhöht: Können Sie diese also tatsächlich erfüllen?

Schwan: Absolut. Wir sind auf sehr gutem Weg, die höheren Erwartungen zu erfüllen.

Sie sind sehr zuversichtlich. Streben Sie für die Pharmadivision langfristig ein zweistelliges Wachstum an?

Schwan: Wir werden Anfang nächsten Jahres unsere Ziele für 2010 bekannt geben. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir aufgrund unserer starken Entwicklungs-Pipeline auch langfristig Marktanteile hinzugewinnen werden.

Wichtigster Pharmamarkt der Welt sind die USA. Wie wird sich die Gesundheitsreform von US-Präsident Barack Obama für Roche auswirken?

Schwan: Ich halte es für begrüssenswert, dass die neue Administration bestrebt ist, den Krankenversicherungsschutz in den USA auf die gesamte Bevölkerung auszudehnen und damit den Zugang zu Medikamenten zu verbessern. Davon werden wir profitieren. Gleichzeitig nimmt aber der Kostendruck zu. Die genauen Auswirkungen der Gesundheitsreform kann ich noch nicht abschätzen. Ich bin aber sicher, dass wir mit unseren hoch innovativen Produkten auch in den USA künftig gut positioniert sind.

Sie erwarten aufgrund der Gesundheitsreform keine dramatischen Einbrüche beim Umsatz oder bei der Marge?

Schwan: Wir gehen davon aus, dass wir von der Gesundheitsreform kaum betroffen sind. Die Nachfrage nach unseren innovativen Produkten, wie etwa dem Krebsmedikament Avastin, das schwerkranken Patienten einen deutlichen Nutzen bringt, wird anhalten.

Avastin gehört denn auch zu den Wachstumstreibern des Konzerns. Ist das Potenzial von Avastin nicht bald ausgeschöpft?

Schwan: Es laufen derzeit über 450 Studien zu mehr als 30 verschiedenen Krebsarten. Das Potenzial von Avastin ist noch lange nicht ausgeschöpft.

Liegen denn Umsätze von bis zu 10 Mrd Fr. allein mit Avastin drin?

Schwan: Mit den bisher zugelassenen Anwendungen von Avastin erwarten wir insgesamt einen Umsatz von bis zu 8 Mrd. Fr.

Dazu kommt das Potenzial von neuen Indikationen - für konkrete Zahlen ist es aber zu früh.

Mit Avastin, Mabthera, Herceptin, Tarceva und Pegasys hat Roche eine Reihe erfolgreicher Medikamente auf dem Markt. Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Forschungs-Pipeline nicht plötzlich versiegt?

Schwan: Wir haben heute 63 völlig neue Wirkstoffe in der klinischen Entwicklung, zehn davon befinden sich bereits in einer sehr fortgeschrittenen Phase. Dazu kommen zahlreiche zusätzliche Indikationen. Diese Pipeline ist in der Industrie einzigartig.

Aber Sie sind doch etwas stark fokussiert. 50% des Umsatzes sind im Bereich der Onkologie. Das schafft auch Risiken.

Schwan: Wir sind klar auf die zwei Bereiche Pharma und Diagnostika fokussiert, aber innerhalb dieser Bereiche sehr breit abgestützt. Neben den neuen Wirkstoffen in der Onkologie arbeiten wir an vielversprechenden Entwicklungen in den Bereichen Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, entzündliche Krankheiten oder Störungen des Nervensystems.

Wie stellen Sie künftig Innovationen sicher?

Schwan: Durch ein Umfeld, das eine Vielfalt von Ansätzen zulässt. Wenn Sie den Leuten dauernd vorschreiben, was sie zu tun haben, entstehen keine Innovationen. Ich glaube an einen dezentralen Führungsansatz und kleine Headquarters. Gerade kreativen Wissenschaftern müssen Sie genügend Freiräume einräumen.

Zeigt die Vollübernahme Ihrer US-Biotech-Tochter Genentech nicht gerade, dass Sie Ihre Forscher künftig an einer kürzeren Leine führen werden?

Schwan: Nein, dieser Eindruck wäre falsch. Ganz im Gegenteil - wir führen die Genentech-Forschung wie bisher als unabhängige Einheit weiter. Der Genentech-Forschungschef berichtet deshalb auch direkt an mich.

Doch die Spitzenleute könnten Ihnen davonlaufen.

Schwan: Das wurde anfangs befürchtet, ist aber nicht eingetroffen. Die Top-Wissenschafter bleiben bei uns, weil wir ihnen den notwendigen Freiraum geben. Dazu können die Genentech-Wissenschafter jetzt frei auf die bestehenden Roche-Technologien und unser Partnernetzwerk zugreifen. Gerade auch in der Zusammenarbeit mit der Diagnostika-Division ergeben sich ganz neue Möglichkeiten.

Wie gut kommen Sie mit der Integration von Genentech voran?

Schwan: Die Integration läuft in jeder Hinsicht über den Erwartungen gut. Wir haben in der Forschung und Entwicklung die Top-Wissenschafter halten können. Gleichzeitig können wir in anderen Bereichen, wie etwa der Produktion und Administration, unsere globalen Strukturen optimieren und erhebliche Synergien realisieren.

Gilt das auch für die Rückzahlung der aufgenommenen Finanzmittel für die Genentech-Vollübernahme?

Schwan: Ja. Weil unser Geschäft sehr gut läuft, ist der Geldfluss entsprechend stark. Das erlaubt uns, bereits nächstes Jahr 25% unserer Schuldenlast abzubauen. Bis 2015 haben wir wieder ein positives Nettobarvermögen.

Sind bis dahin dennoch weitere Akqui- sitionen möglich?

Schwan: Wir sind immer auch an externen Innovationen interessiert. Wir werden deshalb wie in der Vergangenheit Kooperationen, Lizenzvereinbarungen oder kleinere und mittlere Akquisitionen vornehmen.

Mit der Vollübernahme von Genentech kamen hierzulande auch Befürchtungen auf, dass Roche die Forschung vermehrt in die USA verlegen könnte und der Forschungsplatz Schweiz an Bedeutung verliert. Was sind Ihre Pläne in der Schweiz?

Schwan: Wir sind überall dort, wo wir die besten Wissenschafter und ein gutes Umfeld für Innovationen finden. Wir betreiben unsere Forschung in den USA, in Europa, natürlich in der Schweiz, aber auch in Asien. Geografische Grenzen gibt es für die Forschung keine.

Somit ist es richtig, dass der Forschungsstandort Schweiz für Roche an Bedeutung verliert.

Schwan: Nein, die Schweiz ist für uns noch immer ein guter Standort. Wir machen weniger als 1% unseres Umsatzes in der Schweiz, aber investieren hier rund einen Fünftel der weltweiten Ausgaben für Forschung und Entwicklung von knapp 9 Mrd Fr. An dieser Politik wird sich in absehbarer Zeit nichts ändern. Die Schweiz wird für uns ein wichtiger Forschungsstandort bleiben.

Sehen Sie da Risiken für unser Land?

Schwan: Ja, der Konkurrenzdruck von anderen internationalen Forschungsstandorten nimmt zu, gerade auch aus Asien. Die Schweiz muss unbedingt für neue Entwicklungen offenbleiben und auch deutlich signalisieren, dass man auf innovative Branchen setzt. Die Schweiz ist aber in einer ausgezeichneten Ausgangslage, da das Land über eine grosse Rechtssicherheit, gute Universitäten und sehr viele gut ausgebildete Talente verfügt.

Wo drückt denn konkret der Schuh?

Schwan: Ich möchte die Schweiz nicht kleinlich kritisieren. Wir sind mit dem Standort insgesamt sehr zufrieden und werden hierzulande weiter investieren. Wir bleiben dem Standort treu. Und ich bin sicher, dass auch der Bevölkerung und der Politik der wertvolle Beitrag unserer Industrie für die Schweiz bewusst ist.

Auch wenn Sie in der politischen Debatte viel Kritik einstecken müssen, weil in der Schweiz die Medikamentenpreise so viel teurer sind als im Ausland?

Schwan: Das wird immer wieder behauptet, stimmt aber nicht. Die Preise für innovative Medikamente sind in der Schweiz nicht höher als im Ausland. Bereits heute kosten Medikamente in der Schweiz durchschnittlich weniger als in Dänemark oder in Deutschland.

Eine aktuelle Studie, an der auch der Branchenverband Interpharma mitgewirkt hat, zeigt aber, dass die Preise hierzulande höher sind und ein Sparpotenzial von 450 Mio Fr. drinliegt.

Schwan: Hohe Preisdifferenzen zum Ausland bestehen in der Schweiz vor allem bei Generika, also Medikamenten, bei denen die Patente bereits abgelaufen sind. Da besteht Handlungsbedarf, und ich gehe davon aus, dass diese Unterschiede mit der zurzeit laufenden ausserordentlichen Preisüberprüfung verschwinden werden. Die Preise von spezialisierten, hoch innovativen Medikamenten sind hingegen in der Schweiz oft tiefer als im Ausland.

Die Medikamentenpreise tragen jedenfalls massgeblich zur Kostenexplosion im Gesundheitswesen und zu höheren Krankenkassenprämien bei.

Schwan: Natürlich nimmt der Druck auf die Preise deutlich zu. Aber wir müssen auch die Relationen wahren: Die Medikamentenkosten sind nur ein kleiner Teil der Gesundheitskosten im Vergleich zu den Hospitalisierungs- und Pflegekosten. Gerade innovative Medikamente wie Herceptin, Mabthera oder Avastin haben die Krebsbehandlung revolutioniert. Vor einigen Jahren war die Diagnose Krebs noch ein Todesurteil, heute können wir aufgrund dieser Medikamente das Leben deutlich verlängern und die Lebensqualität spürbar verbessern. Wir werden bei Roche weiterhin auf Innovation setzen.

Was dürfen die Investoren von Ihnen erwarten?

Schwan: Wir sind in der Verbindung von Pharma und Diagnostik strategisch einmalig positioniert. Das gibt uns einen langfristigen Wettbewerbsvorteil. Wir sind mit Abstand das grösste Biotech-Unternehmen der Welt und verfügen über eine der stärksten Pipelines in der Industrie. Und wir sind ständig daran, die Effizienz im Unternehmen zu erhöhen. Auf dieser Basis werden wir auch Mehrwert für den Aktionär schaffen.

An einer Investorentagung der ZKB in Zürich haben Sie eingeräumt, dass dies im Roche-Aktienkurs zu wenig sichtbar sei. Werden Ihre Pipeline und das Potenzial Ihrer Produkte von den Investoren unterschätzt?

Schwan: Die Investoren bewerten unsere Pipeline und das Potenzial unserer Produkte deutlich tiefer, als wir dies tun. Dies mag damit zu tun haben, dass die Anleger wegen der Wirtschaftskrise risikoscheuer sind.

Könnte auch die Beteiligung von Novartis an Roche damit zu tun haben?

Schwan: Nein.

Welche Erwartungen dürften die Aktionäre punkto Dividende haben?

Schwan: Trotz der Genentech-Transaktion halten wir an unserer Dividendenpolitik fest. Angesichts des guten Geschäftsganges kann ich sagen: Da wird es keine Enttäuschungen geben.

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EURO STOXX 215.2 -5.9 -2.7%
FTSE 100 5'266.4 -136.9 -2.5%
Dow Jones 30 Industrial 12'496.2 -6.7 -0.1%
NASDAQ 100 2'547.1 7.9 0.3%
S&P 500 1'316.6 0.6 0.1%
Nikkei 225 8'556.6 -172.7 -2.0%

Top und Flops

Name Kurs +/- +/- %
155.80 -0.60 -0.38
54.65 -0.30 -0.55
1'709.00 -16.00 -0.93
49.05 -0.53 -1.07
864.50 -9.50 -1.09
37.89 -1.03 -2.65
30.49 -0.83 -2.65
40.23 -1.14 -2.76
56.25 -2.45 -4.17
375.50 -18.90 -4.79
Name Kurs +/- +/- %
75.63 0.04 0.05
23.75 -0.08 -0.31
47.38 -0.43 -0.90
52.58 -0.50 -0.94
37.91 -0.45 -1.17
29.34 -1.16 -3.79
39.32 -1.64 -3.99
MAN
78.14 -3.30 -4.05
8.39 -0.37 -4.26
14.64 -0.77 -5.00
Name Kurs +/- +/- %
14.35 0.53 3.84
14.40 0.48 3.41
25.14 -0.12 -0.46
67.79 -0.61 -0.89
47.38 -0.43 -0.90
0.70 -0.04 -4.80
9.50 -0.49 -4.90
4.71 -0.26 -5.14
14.46 -0.80 -5.21
11.12 -0.73 -6.12

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