Private und institutionelle Anleger, Regierungen und Aufsichtsbehörden beziehen zunehmend die Risiken und Chancen von ökologischen, sozialen und Governance-Kriterien (ESG-Kriterien) in ihre Anlagestrategien ein. Diese neue Ausrichtung an Nachhaltigkeitskriterien wird die zukünftige Kapitalzuweisung langfristig verändern.

Die ESG-Kriterien stehen für immer mehr Verwalter von Pensionsfonds und Staatsfonds sowie Versicherungsgesellschaften mittlerweile ganz oben auf der Agenda. Wenn man bedenkt, dass die Thematik einen grundlegenden Aspekt darstellt, wie und wo institutionelle Anleger ihr Geld investieren, ist die ESG-Datenqualität jedoch überraschend schlecht. Grosse Anstrengungen sind weiterhin mit Bezug auf die Optimierung der Datenqualität notwendig, und diese Herausforderung wird nicht in den nächsten zwölf Monaten bewältigt werden. Das Jahr 2020 wird dennoch das Jahr der «Definition und Entwicklung von ESG-Faktoren» werden.

Potenziell mehr Alpha dank ESG

Insbesondere wird das Potenzial der Alpha-Generierung von Anlagen, die ESG-Kriterien berücksichtigen, zunehmen. Sofern jedoch die Auswirkungen der ESG-Faktoren – sowohl auf die Gesellschaft als auch auf das Rendite-Risiko-Profil von Portfolios – nicht gemessen werden können, bleibt die Verlagerung nur ein schwaches Lüftchen statt einer ordentlichen Brise.

Solange die ESG-Kriterien also nicht auf konsistente und transparente Weise bestimmt werden können, wird es für Anleger nicht einfach, die erforderlichen Kennzahlen zu messen und auszuwerten. Die Verbesserung der Messkonsistenz wird letztendlich dazu führen, dass hohe ESG-Standards für Unternehmen, die auf der Suche nach Kapitalbeschaffung sind, eine existenzielle Bedeutung erlangen.

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Grosser Durchbruch im nächsten Jahr

Entscheidend dabei sind die Daten, die von Unternehmen erwartet werden. Wir werden hier im nächsten Jahr einen grossen Durchbruch erleben. Im April 2019 trat das NGFS («Network for Greening the Financial System»), ein weltweites Netzwerk von Zentralbanken und Aufsichtsbehörden, dafür ein, dass ein globaler Standard für die Offenlegung umweltbezogener Informationen und klimabezogener Risiken eingeführt wird, der die Stabilität des Finanzsystems überwachen soll.

In Grossbritannien haben sich die Regierung und die Bank of England lautstark dafür ausgesprochen, dass bis 2022 alle börsennotierten Unternehmen und Grossanleger klimabezogene Finanzinformationen in einem einheitlichen Format veröffentlichen müssen. Diese Massnahmen der Regulierungsbehörden werden sich als wichtiger Impulsgeber des nachhaltigen Wandels erweisen.

Empfehlungen oder Regeln bei weitem nicht ausreichend

Es ist jedoch bei weitem nicht ausreichend, nur Empfehlungen oder Regeln festzulegen. Unternehmen dürfen dabei nicht nur auf zwingende EU-Regulierung reagieren, sondern müssen über die Mindestanforderungen hinausgehen.

In Anbetracht der erheblich unterschiedlichen Branchen, wie Finanzdienstleistungen, Industrie, Einzelhandel und Pharma, wird ein einheitlicher Ansatz für die Bereitstellung von Daten in Bezug auf integratives Wachstum, Klimaauswirkungen oder Governance Anlegern keine effiziente Analyse der ESG-Standards von Unternehmen ermöglichen. Daten müssen in geeigneter Form ermittelt werden und Faktoren wie Unternehmensgrösse, Geschäftstätigkeit, Lieferkette und Art der Belegschaft umfassen. Das ist kein leichtes Unterfangen.

Asset Manager als Vermittler zwischen Unternehmen und Aufsichtsbehörden

Es kristallisiert sich eine neue Aufgabenstellung für Investmentgesellschaften heraus, nämlich die des Vermittlers zwischen Unternehmen und Aufsichtsbehörden. Der Vermittler unterstützt bei der Erarbeitung der ESG-Daten, die bereitgestellt werden müssen, bei der Art und Weise der Darstellung und bei den Überlegungen, die berücksichtigt werden müssen, um unbeabsichtigte verfälschte Ergebnisse zu vermeiden. Wir befinden uns am Anfang einer langen Reise, das Jahr 2020 verspricht jedoch ein Jahr zu werden, in dem die globale Investmentbranche wichtige Schritte nach vorne machen wird.

 

*Sheila Patel ist Chairman bei Goldman Sachs Asset Management