Längst ist der Spruch des deutschen Ban­kiers Carl Mayer von Rothschild (1788–1855) zur Börsen­weisheit geworden: «Kaufen, wenn die Kanonen donnern, verkaufen, wenn die Violinen spielen.» Contrarians haben das Zitat zu ihrem Leitmotto erkoren. Sie kaufen, wenn die breite Anlegermasse ­verkauft, und vice versa. Denn oft führt der Herdentrieb unter den Investoren zu Kursübertreibungen, und zwar nach unten wie nach oben. Da kann antizyklisches ­Anlegen saftige Profite bringen – ­es birgt aber auch hohe Risiken. ­Entscheidend ist gutes Timing. Die aktuell schlechte Verfassung vieler Finanzmärkte bietet den Contrarians ein breites Betätigungsfeld.

Ein Beispiel sind Rohstoffe. Nach einem langen Aufwärtstrend hat bei den Industriemetallen der Zyklus vor fünf Jahren gedreht; seither sind die Preise für Alu­minium um 40 Prozent abgestürzt, Kupfer verlor mehr als die Hälfte an Wert, Nickel büsste sogar ­70 Prozent ein. Rohstoffexperten ­werden nicht müde, die Trend­umkehr zu predigen – bisher ohne Resultate. Der Rohstoffmarkt leidet unter Überproduktion und entsprechendem Angebots­überhang, während die Nachfrage wegen der Wachstumsschwäche in den Schwellenländern und vor allem in China deutlich gesunken ist.

Dreckige Geschäfte

Der Preiszerfall hat die Aktienkurse der führenden Bergbau- und Rohstoffkonzerne völlig zerzaust. Rio Tinto und BHP Billiton stürzten über die letzten fünf Jahre um 53 respektive 66 Prozent ab, Anglo American büssten 83 Prozent ein, Vale verloren gar neun Zehntel an Wert. Auch das Schweizer Rohstoff­unternehmen Glencore steht mit einem Kursverlust von 70 Prozent schlecht da, das Vermögen von Ivan Glasenberg (59), CEO und einer der Hauptaktionäre, ist entsprechend geschmolzen. Die Resultate der Big Five sind grottenschlecht: Zusammen weisen sie für 2015 einen Verlust von über 30 ­Milliarden Dollar aus.

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Am besten steht Rio Tinto da. Nur hat sich ­der britisch-australische Bergbau­konzern schon früher übel verhauen: CEO Sam Walsh (66) ­verdrängte vor drei Jahren Tom ­Albanese von der Spitze, nachdem der Konzern 22 Milliarden Dollar hatte abschreiben müssen.

Selbst schuld

An der Misere sind die Konzerne teilweise selbst schuld. Die grossen Eisenerzanbieter BHP, Vale und Rio Tinto haben ihre ­Produktion kaum zurückgefahren und liefern sich einen knallharten Preiskampf. Andere Firmen wie Glencore drücken Schuldenberge, obwohl sie die Verbindlichkeiten im Eilzugtempo­ abzutragen ­versuchen. An ihrer Expansion ­gescheitert ist auch Anglo Ame­rican; das Unternehmen schrumpft radikal, rund 85'000 Mitarbeiter sind betroffen.

Seit kurzem zeigen einige Rohstoffe Anzeichen einer leichten ­Erholung, was sich sofort in höheren Kursen von Rohstoffaktien ­niedergeschlagen hat. Vorderhand glaube ich noch nicht an eine Boden­bildung, wie sie Glasenberg ­verkündet. Zwar sind die Aktien der Branche auf lange Sicht eine ­Spekulation wert, mit einem ­Einstieg würde ich aber noch einige Monate zuwarten.

Neuer Glanz

Gold ist eines der wenigen Metalle, die frische Lebenszeichen von sich geben. In diesem Jahr zog der Preis um 14 Prozent an, nachdem das edle Metall seit dem Höchst im ­August 2011 beinahe die Hälfte an Wert verloren hatte. Bei den Goldminenaktien sorgte die bekannte Hebelwirkung für gewaltige ­Ausschläge: Goldcorp legten um 54 und Newmont Mining um 60 Prozent zu, die Titel des weltgrössten Produzenten, Barrick Gold, haussierten sogar um gegen hundert Prozent – innert weniger ­Wochen, wohlgemerkt.

Von Gold als Anlagevehikel halte ich nicht viel; das Metall bringt weder Zinsen noch Dividenden, der Preis ist zu stark psychologischen Einflüssen ausgesetzt. Attraktiver sind Goldminenaktien. Die jüngsten Kursgewinne können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Titel dieser Branche immer noch auf tiefstem Niveau notieren. Die erwähnten Minenvaloren ­stehen ungefähr bei einem Viertel der 2011 erzielten Höchstpreise. Dennoch sind Goldminentitel nicht zum Schnäppchenpreis zu haben. Den Förderkonzernen geht es finanziell schlecht, die ­Gewinne sind ein­gebrochen, das Kurs-Gewinn-­Verhältnis der ­Papiere ist himmelhoch. Dazu kommt, dass gerade die grossen Konzerne heftig überschuldet sind.

Beim derzeitigen Goldkurs graben die meisten Minenbetreiber zwar keine dicken Margen aus, doch immerhin schreiben sie auch keine Verluste mehr. Und je teurer Gold wird, desto stärker steigen die ­Gewinne der Förderer. Nur ist eben auch das Umgekehrte denkbar. Dennoch sind Goldminen­aktien eine interessante Wette. Wer sich nicht auskennt, soll sich an spe­zialisierte Fonds halten. Kein Mangel herrscht auch an Exchange ­Traded Funds, kurz ETFs (Indexfonds). Gold­minentitel allerdings eignen sich nur als Depotbeimischung und bestimmt nicht als Anlageschwerpunkt.

Glitschiges Parkett

Der Absturz des Rohölpreises um über 70 Prozent seit Sommer 2014 hat tiefe Spuren am Aktienmarkt hinterlassen. Valoren von Schwergewichten wie ExxonMobil, ­Chevron, BP, Royal Dutch Shell oder Total haben über dieselbe Zeitspanne ebenfalls deutlich an Wert eingebüsst. Kein Wunder, denn der Branche geht es mies: US-Energiefirmen meldeten für das letzte Jahr im Durchschnitt einen Umsatzrückgang von einem Drittel, die Gewinne brachen um 70 Prozent ein. Die in den fetten ­Jahren angelegten finanziellen ­Reserven schmelzen immer schneller dahin.

In diesem Jahr dagegen schoss der Ölpreis gleich um 40 Prozent in die Höhe, was sich in gestiegenen ­Kursen der Energiekonzerne ­niederschlug. War das die Trendwende? Das Überangebot an Rohöl bleibt zwar bestehen, doch dürften die heftigsten Preisturbulenzen ausgestanden sein. Dennoch macht sich die Branche keine falschen Hoffnungen. «Das Marktumfeld bleibt herausfordernd», betont Rex Tillerson (63), Präsident und CEO von ExxonMobil. Auf lange Sicht jedoch sind Ölaktien spannend. Unerfahrene Anleger sollten auf Fonds setzen. Eine gute und billige Alternative sind ETFs.

Zu beachten bleibt allerdings: Ölaktien sind generell ein heisser Ritt. Wer Risiken scheut, sollte nicht zugreifen – sonst wird er womöglich abge­worfen.