Das Schweizer Bildungssystem ist eines der besten der Welt. Das wird von vielen Schweizern immer wieder gerne betont. Doch während man auf der einen Seite nicht müde wird, die Qualitäten des dualen Bildungssystems mit der bewährten Berufslehre hervorzuheben, wird genau dieses System schleichend entwertet, indem man den Lehrling immer mehr zu einem Menschen zweiter Klasse macht.

Man möchte stattdessen mehr Maturanden, Bachelors und Masters und sorgt damit für eine zunehmende Akademisierung unseres Bildungswesens, welches das duale System letztlich zu einer Karikatur seiner selbst macht.

Noch ist die Qualität an Schweizer Unis hoch

Das ist schade, denn der nach wie vor relativ geringe Anteil von Studenten in der Schweiz ist tatsächlich eine ihrer grössten Stärken. Die Schweiz hat es ­bisher einigermassen geschafft, die Entwicklung in Richtung Massenuniversitäten im Zaum zu halten und die Qualität der Ausbildung an Universitäten und Fachhochschulen zu wahren.

Und die Berufslehre sorgt trotz stetiger Schwächung immer noch für eine praxisnahe und effiziente Ausbildung in verschiedenen Berufsfeldern, die sich dem Trend zur Akademisierung bisher entziehen konnten.

Beruflehre scheitert an Wahrnehmung

Das wird auch im Ausland vermehrt bemerkt. So weilte kürzlich der US-Arbeitsminister Thomas Perez in der Schweiz, um sich genauer mit unserem Bildungssystem vertraut zu machen. Denn die Schweiz ist in dieser Hinsicht ein Vorbild für die USA.

In einem Interview in der «NZZ» vom 2. September 2015 erklärte Perez, dass ein wichtiges Element zur Steigerung der Zahl qualifizierter Arbeitskräfte der Ausbau des Berufslehrsystems sei. In der Schweiz reiche dieses System quer durch die ganze Volkswirtschaft, und die USA wollten das auch erreichen. Eine grosse Herausforderung in den USA sei aber, so betonte Perez, die Wahrnehmung der Eltern, dass das College für ihr Kind besser sei als eine Berufslehre.

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Mit Stolz einen Beruf erlernen

Leider hat sich diese Haltung mittlerweile auch in der Schweiz durchgesetzt. Auch hierzulande fühlen sich Eltern tendenziell zweitklassig, wenn ihre Kinder «nur» eine Berufslehre absolvieren. Und das kann man ihnen nicht übel nehmen. Die staatlich forcierte Akademisierung vieler Bildungsgänge hat zunehmend dafür gesorgt, dass eine erfolgreiche Karriere nur noch mit einem Studium möglich ist.

Genau hier gilt es anzusetzen. Man muss den Lehrlingen ihren Berufsstolz zurückgeben und eine Lehre nicht als zweitklassig, sondern als eine dem Studium gleichwertige Ausbildungsform etablieren. Das ist aber nur möglich, wenn wir uns endgültig von Zielen wie der Steigerung der Maturitätsquote verabschieden und die Akademisierung immer weiterer Bildungsgänge nicht mehr vorantreiben.

In zahlreichen Berufsfeldern ist ein «Learning by doing» eine viel effizientere und auch qualitativ bessere Form der Ausbildung als ein Studium an einer Bildungsinstitution. Die steigende Komplexität vieler Tätigkeiten erfordert Praktiker, die wissen, wie man mit Schülern, Patienten, Maschinen, Computern oder Daten umgeht, statt wie man Bachelorarbeiten mit aus dem Internet übernommenen Inhalten zusammenschustert.

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