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Interview
André Schläfli: «Bei den KMU passiert noch viel zu wenig»

  Lupo/Pixelio

Der Direktor des Dachverbands der Weiterbildung (SVEB) möchte ein Label für die Erwachsenenbildung in den Firmen einführen – doch der Gewerbeverband ist dagegen.

Von Helga Wienröder und Norman C. Bandi
am 29.01.2014

Wie bildet sich eigentlich der operativ höchste Weiterbildungsverantwortliche unseres Landes weiter?

André Schläfli:
In erster Linie über Tagungen im In- und Ausland, zu denen ich oft auch als Redner eingeladen werde. Als Teilnehmer wähle ich mir solche Veranstaltungen nur selber aus, wenn ich davon überzeugt bin, dass ich irgendwie profitieren kann.

Konkret?
Zuletzt war ich vergangenen Dezember an der Konferenz für Weiterbildung der EU-Kommission in Vilnius. Im Rahmen des EU-Präsidiums hatte Litauen diese Tagung gemeinsam mit dem Unesco-Institut für Lebenslanges Lernen organisiert. Ich war dort nicht nur als SVEB-Direktor, um zu sehen, was in Europa läuft, sondern ebenfalls in meiner Rolle als Vizedirektor des Weiterbildungs-Weltverbands International Adult and Continuing Education, kurz IACE.

Was bringt Ihnen das?
Im Sinne einer Weiterbildung informiere ich mich an solchen Veranstaltungen über die neusten Entwicklungen. An der EU-Konferenz wurden neue, europaweite Reports zur Finanzierung und Sensibilisierung präsentiert und dazu Workshops durchgeführt. Zudem wurde das neue EU-Programm für Lebenslanges Lernen «Erasmus+» vorgestellt und der Qualifikationsrahmen diskutiert.

Wann sassen Sie das letzte Mal richtig im Klassenzimmer und haben klassische Weiterbildung betrieben?
Das ist gar nicht so lange her, etwa ein Dreivierteljahr. Wir haben ein grosses nationales Projekt im Bereich Sprachkursleiter, das vom Bundesamt für Migration stammt und sich «fide» nennt. Die Abkürzung steht für Französisch, Italienisch und Deutsch. Komisch, das heisst nun mal so – wir haben es nicht erfunden. Im Rahmen des Projekts habe ich für fortgeschrittene Ausbildner eine Weiterbildung besucht. Einerseits um das Zielpublikum besser kennenzulernen. Anderseits um zu sehen, was «fide» genau ist.

Um was geht es denn bei «fide»?
Wir müssen Standards für Sprachkursleiter definieren. Das ist ein riesiges Projekt und gar nicht so leicht umzusetzen. Denn jeder Kanton hat andere Anliegen. Hier spielt der reinste Föderalismus. Im Projekt wurden eine Website entwickelt sowie neue didaktische Modelle, in denen 30 verschiedene Szenarien dargestellt sind. Jetzt gilt es herauszufinden, was für Implikationen all dies hat.

Inwiefern?
Es gibt mehrere Tausend Sprachkursleiter, die Fremdsprachige in Deutsch, Französisch und Italienisch unterrichten. Das ist ein gewaltiges Volumen. Und der Staat investiert ordentlich. Es ist einer der wenigen Weiterbildungsbereiche, in denen er dies tut. An diesem dreitägigen Kurs war ich wirklich ein Teilnehmer.

Ihre persönliche Weiterbildung funktioniert also?
Wie viele andere Personen in einer Führungsposition möchte ich gerne mehr machen. Was ich hingegen regelmässig mache, sind Interventionen mit Kollegen bezüglich meiner Arbeit. Das bringt mir sehr viel.

Ist berufliche Weiterbildung nicht in Ihrem Arbeitsvertrag verankert?
Bei uns im Verband hat jeder Mitarbeiter Anrecht auf fünf Tage Weiterbildung im Jahr, aber in einem offenen System. Der SVEB ist zudem ein akkreditiertes Mitglied von «Investors in People» in Grossbritannien. Ich versuche diese international standardisierten Weiterbildungsrichtlinien für Firmen in der Schweiz zu verankern. Bislang leider nicht mit grossem Erfolg.

Obwohl es verlockend klingt?
Das Interessante bei «Investors in People» ist, dass der Unternehmer in einer kleinen oder mittleren Firma alle Mitarbeiter in irgendeiner Form fördert. Das müssen nicht unbedingt Kurse sein. Man schaut etwa, dass man sich betriebsintern regelmässig austauscht und sich so gegenseitig weiterbildet. Solche Inputs können an Sitzungen oder Tagungen geliefert werden. «Investors in People» ist ein Instrument, das diese Anstrengungen koordiniert und kontrolliert.

Und nun wollen Sie die Weiterbildung in KMU reglementieren?
Nein. Wir haben einfach festgestellt, dass in KMU diesbezüglich sehr wenig getan wird. Deshalb finden wir es eine gute Idee, hierzulande ein solches Label einzuführen – auf freiwilliger Basis. Doch der Gewerbeverband ist dagegen. Er fürchtet sich vor zusätzlicher Administration und einem Weiterbildungsobligatorium für KMU, das wir gar nicht wollen.

Die KMU hinken den Konzernen folglich hinterher.
Von KMU hören wir immer wieder, dass sie informell viel Austausch haben, indem sie sich gegenseitig unterstützen. Die meisten Firmen haben auch Lehrlinge. Aber auf der Ebene der Erwachsenenbildung passiert bei den KMU zum Teil noch viel zu wenig.

Wie steht es denn mit der finanziellen Beteiligung der Firmen an der Mitarbeiter- Weiterbildung?
Schweizer Unternehmen sind im Durchschnitt mit rund 30 Prozent nach wie vor stark involviert, wobei dieser Wert bei Konzernen viel höher ist als bei KMU. In der Schweiz zeigt sich, dass je länger ein Kurs dauert, desto tiefer wird die Beteiligungsquote. Im europäischen Vergleich herrscht bei uns ein Gegentrend, nämlich dass die Personen meistens selber für Weiterbildung zahlen.

Welche Zielgruppen sind diesbezüglich benachteiligt?
Das sind insbesondere Frauen, die nicht 100 Prozent arbeiten. Teilzeitmüttern geht es noch schlechter. Oder geschiedenen Frauen mit zwei, drei Kindern, die wieder einsteigen wollen.

Wie bringt sich Ihr Verband hier ein?
Indem wir uns politisch engagieren. Wir betonen dabei jedoch, dass wir sicher nicht ein System, das in einem liberalen Markt funktioniert, ändern wollen. Trotzdem gibt es immer auch Verlierer in einem total freien Markt.

Was können Sie machen?
Wir versuchen, Anregungen zu geben. Etwa Weiterbildungsfonds, damit Gewerkschaften und Arbeitgeber an diese Zielgruppe denken. Daneben gibt es Arbeitnehmer, die sich kostenintensive Kurse schlichtweg nicht leisten können. Stipendien bekommt man ja nur, bis man 30 Jahre alt ist, danach ist eine solche Unterstützung nicht mehr üblich. Immerhin haben wir erreicht, dass es für Leute, die finanziell bessergestellt sind, jetzt die Möglichkeit gibt, einen einheitlichen Weiterbildungsabzug von 12 000 Franken in den Steuern zu machen. Es gibt bekanntlich viele Kurse an Universitäten und Fachhochschulen, die nicht billig sind. Und nach langem Hin und Her soll die nachfrageorientierte Finanzierung, also die direkte Unterstützung der Teilnehmer, als ein Schwerpunkt im neuen Weiterbildungsgesetz verankert werden. Schon im Mai 2006 hat das Stimmvolk Ja zur Bildungsverfassung gesagt. Darin soll die berufsorientierte Weiterbildung rechtmässig geregelt werden. Erst im Dezember 2013 hat der Nationalrat den jüngsten Gesetzesentwurf endlich verabschiedet.

Transparenz wird so indes nicht geschaffen, weil dieser Punkt gekippt worden ist.
Aktuelle Umfragen belegen, dass der ganze Bereich Transparenz und Anerkennung der Programme aus der Optik der Anbieter als äusserst wichtiger Bestandteil angeschaut wird, auch wenn sie hinter einem privaten Wettbewerb stehen, aber die Anbieter brauchen dazu nicht unbedingt einen Eingriff vom Staat. Wir haben im Nationalrat allerdings zwei Artikel zur Thematik durchgebracht, die nicht so eine verbindliche Form haben. Immerhin können wir etwas bewegen. Jetzt geht es noch darum, dass der Ständerat dies in der Frühjahrssession gutheisst. Die Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur des Ständerats hat das Weiterbildungsgesetz in seiner jetzigen Vorlage letzten Dienstag angenommen.

Ist die Abstimmung im März reine Formsache?
Erfreulicherweise beantragte die Kommission des Ständerats, das Gesetz anzunehmen. Insgesamt ist sie der Vorlage des Bundesrats und einigen überwiesenen Anträgen des Nationalrats gefolgt. So oder so, der entscheidende Punkt ist danach die Umsetzung der Verordnung. Fakt ist jedoch, dass es sich um eine abgespeckte Variante handelt. Schläfli: Nicht ganz, wir haben einiges durchgebracht, was der Bundesrat weiter zu bekämpfen versucht. Folgt der Ständerat der Empfehlung sowie den von uns angeregten Korrekturen des Nationalrats, dann dürfen wir zufrieden sein. So könnte das Weiterbildungsgesetz sogar schon 2015 anstatt erst 2016 in Kraft treten.

Sind Sie nicht frustriert, weil nicht alle Vorschläge des SVEB rechtmässig verankert werden?
Nein. Daher mussten wir auf die pragmatische Linie einschwenken. Wir haben so lange gekämpft, um zu erreichen,was möglich ist. Letztlich hat der SVEB dazu beigetragen, dass mit dem Weiterbildungsgesetz eine gewisse Transparenz geschaffen wird, jedenfalls im Qualitätsbereich. Zudem kann der Bund mit dem Weiterbildungsgesetz Beträge für Projekte und Sensibilisierungsmassnahmen gewähren. Ferner wurden Bestimmungen zur Förderung der Grundkompetenzen von Erwachsenen aufgenommen. Und was uns besonders freut, ist, dass Dachverbände finanziell unterstützt werden.

Wie geht es weiter?
Unabhängig vom Staat arbeiten wir weiter. Jetzt geht es an die Koordination mit den Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Auf der Anbieterseite unterstützen wir beispielsweise das Projekt Diploma der Klubschule Migros. Sie wollte nicht mehr auf das Weiterbildungsgesetz warten und gewisse Lehrgänge bereits heute mit einem eigenen schweizweit anerkannten Abschluss anbieten, um eine Verbindung zum nationalen Qualifikationsrahmen zu haben. Die Klubschule Migros ist zwar eine der grössten Weiterbildungsinstitutionen des Landes.

Aber können Sie es sich erlauben, nur einen Anbieter zu favorisieren?
Da es sich um übergeordnete Abschlüsse handelt, müssen sich mehrere Anbieter am Projekt beteiligen. Das ist für uns eine Voraussetzung. Nur so können sich inoffizielle Abschlüsse etablieren. Der nationale Qualifikationsrahmen, um Schweizer Abschlüsse international vergleichbar zu machen, wird voraussichtlich diesen Sommer in Kraft gesetzt, aber nur für formale Bildung und nicht für nonformale Bildung, wie das der SVEB gefordert hat.

Was ist geschehen?
Das Weiterbildungsgesetz definiert, dass nonformale Bildung Weiterbildung ist und sie nicht staatlich anerkannt und finanziell unterstützt wird. Berufsbegleitende Zertifikatslehrgänge CAS, Diplomlehrgänge DAS sowie Weiterbildungs- Master MAS oder EMBA von Universitäten oder Fachhochschulen gelten somit als nonformal.

Weshalb?
Weil diese Kurse zum Teil mit solchen von privaten Anbietern vergleichbar sind und diese auch keine öffentlichen Mittel erhalten. Dagegen haben wir uns gewehrt. Doch jetzt ist es durch. Nonformal ist die Weiterbildung. Formal ist der Bildungsweg innerhalb des öffentlichrechtlichen Systems von der Grundschule über die Berufsbildung bis zum Hochschulabschluss. Ein konsekutiver Master ist formal, ein Weiterbildungs-Master nonformal. Diese folgenschwere Unterscheidung wurde vom Bundesrat durchgeboxt.

Ganz schön komplex.
Ich habe immer versucht zu erklären, dass es ein Kontinuum ist und sich darum nicht für ein Gesetz eignet. Denn wo hört die formale Bildung auf und wo beginnt die nonformale Bildung? Selbst wer einen universitären Bachelor hat, kann danach direkt einen Weiterbildungs-Master machen. Und wer keinen Hochschulabschluss hat, kann sich an einer Universität oder Fachhochschule weiterbilden, sofern er «sur dossier» zugelassen wird – dagegen hatten wir noch nie etwas. Seis drum, der SVEB ist neuerdings der Dachverband der nonformalen Bildung.

Was ist denn das Problem, dass man Weiterbildung staatlich anerkennt?
Die Angst der Arbeitgeber ist, dass man in den freien Markt eingreift. Und dort Anerkennungen vom Staat aufbaut. Bürokratie mit Qualitätssystemen, die den liberalen Wettbewerb zerstört. Plötzlich hat der Staat über eine solche Definition zu viel zu sagen. Hochschulen müssen sich preislich mit privaten Weiterbildungsanbietern messen können.

Was könnte Schlimmes passieren?
Das hätte Folgen bei den Finanzierungen und weckt Begehrlichkeiten. Deshalb haben sich inzwischen sogar andere Gegner des Begriffs nonformal arrangiert. Ihr Argument: Damit könnte man eine Trennung machen zum formalen Betrieb, der vom Staat finanziell unterstützt wird. Wir haben uns dann stark dafür eingesetzt, dass zumindest Bereiche wie Migration oder Arbeitsmarkt, die bis dahin vom Staat unterstützt wurden, auch weiterhin auf finanzielle Unterstützung zählen können.

Bei all diesen kniffligen Dossiers brummt Ihnen sicher hin und wider der Kopf. Wie halten Sie sich fit?
Mit Sport, etwa Joggen, Tennis oder Skifahren. Zudem reise ich sehr gerne. Bald geht es mit meiner Frau für einen Monat nach Vietnam.

Welche nonformale Bildung im Klassenzimmer steht bei Ihnen dieses Jahr an?
Ich überlege noch. Beispielsweise will ich schon lange Italienisch lernen. Dummerweise verschiebe ich das immer.

Der Mensch

Name: André Schläfli Funktion: Direktor SVEB und Vizedirektor IACE

Alter: 63 Wohnort: Bassersdorf ZH

Familie: Verheiratet, zwei erwachsene Kinder

Ausbildung: Doktor der Psychologie und Wissenschafter der Pädagogik

Die Organisation
Der SVEB ist der gesamtschweizerische Dachverband der Weiterbildung und agiert als Fach- und Interessenorganisation. Die rund 650 Mitglieder sind private und staatliche Weiterbildungsanbieter, Verbände, innerbetriebliche Weiterbildungsabteilungen und E inzelpersonen. Seit 1992 ist André Schläfli Direktor des SVEB. Präsident des Verbands ist Rudolf Strahm.

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