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Generation Y
Auf dem Weg nach oben

 

Wie die nach 1984 geborenen Berufseinsteiger und Hochschulabsolventen auf den Umgang mit alten Chefs vorbereitet werden.

Von Constantin Gillies
am 04.12.2013

Warum trägt man im Büro keine Hotpants? Welche Grussformel steht unter einem Geschäftsbrief? Warum muss man pünktlich zur ­Arbeit erscheinen? Solche Fragen beantwortet Karina Albers in ihren Seminaren. Für die meisten Angestellten mögen sie trivial klingen – besser gesagt für die meisten alten Angestellten.

Doch mit ihren Kursen spricht die deutsche Beraterin ein anderes Publikum an: Berufseinsteiger und Hochschulabsolventen aus der so­genannten Generation Y, die nach 1984 geboren sind. Und für dieist vieles, was «seniore» Kollegen verlangen, neu. Pünktlichkeit zum Beispiel. Einige Youngster sehen nicht ein, dass sie um9 Uhr im Büro aufmarschieren sollen, ­anstatt kommen und gehen zu können, wann sie wollen. Sie haben eine ganz ­andere Vorstellung von Karriere als ältere Generationen. «Die verstehen überhaupt nicht, ­warum sich ältere Kollegen darüber so aufregen», sagt Albers. Die Expertin erklärt­ dann, dass bei den Älteren gilt: Auf jemanden, der pünktlich ist, kann man sich auch sonst verlassen. «Nach dieser Erläuterung haben die meisten keinerlei Probleme mehr, gewisse Arbeitszeiten einzuhalten.»

Ihr Seminar­geschäft läuft nach eigenen Angaben gut.Die Jungen bekommen eine Anleitung für die Alten. Das ist neu. Jahrelang lief das Spiel nämlich andersherum. Zahllose Managementberater und Buchautoren rückten aus, um den alten Hasen zu erklären, wie die Generation Y tickt und wie mit ihr am Arbeitsplatz umzugehen ist. Doch jetzt werden ebenfalls die Jungen aktiv. Sie ­haben nämlich gemerkt, dass sie an den Chefs, die auf der Karriere­leiter über ihnen stehen, nur vorbeikommen, wenn sie nach deren Regeln spielen. Also nach den Regeln der Alten. Schliesslich liegt das Durchschnittsalter in den Schweizer Teppichetagen mittlerweile bei 51 Jahren, in den Verwaltungsräten sogar bei 59 Jahren.

«Nicht simsen – anrufen»

Wie stark sich der Nachwuchs für die traditionelle Businesswelt interessiert, lässt sich im Internet ablesen. Hier wimmelt es nur von Anleitungen für den Umgang mit grauhaarigen Chefs. «Schreibe ganze Wörter in E-Mails. Arbeite hart. Sage Bitte und Danke.» Diese Hinweise stammen aus einem Beitrag des amerikanischen Magazins «IT World». Er trägt die Überschrift «Du willst befördert werden? Dann verhalte dich wie ein alter Typ!». An anderer Stelle verrät ein Veteran nicht ohne Ironie: «Siehst du das Telefon vor dir auf dem Schreibtisch? Nimm es in die Hand und rufe jemanden an. Nein, nicht simsen – anrufen.»

Karina Albers wundern solche Tipps nicht. Gerade in Sachen Kommunikation nämlich tappen die Jungen oft ins Fettnäpfchen. Sie verärgern ihre Chefs etwa, indem sie E-Mails ohne Anrede, Betreff und Rücksicht auf Rechtschreibregeln ­herausfeuern. Um sie davon abzubringen, erteilt die Beraterin zunächst Nachhilfe in Technikgeschichte. Sie zeigt den Jungen eine Zeitlinie, auf der sie erkennen können, dass alle digitalen Medien in den letzten 20 Jahren entstanden sind – und die Älteren mit der Schneckenpost auf­gewachsen sind. «Für sie ist E-Mail ein ­Ersatz für einen Brief, und sie erwarten, dass elektronische Nachrichten genau so geschrieben werden», sagt Albers.

Seltsame alte Bürowelt

Übrigens: Selbst der Umgang mit der E-Mail ist für die Youngster mittlerweile gewöhnungsbedürftig. Schliesslich unterhält man sich untereinander schon lange nur noch über Facebook-Chat oder etwa WhatsApp. Wenn Albers mit ihrem Kurs fertig ist, haben die Jungen eine wahre Rundfahrt durch die Welt der Traditionen absolviert. Der männliche Nachwuchs lernt, warum denn Krawatte Pflicht ist, den jungen Frauen erklärt Albers etwa, welche Sig­nale sie aussenden, wenn sie mit Hotpants ins Büro kommen. «Die sind ­unheimlich dankbar dafür», sagt Albers.

Wie seltsam den Einsteigern die alte Bürowelt mitunter vorkommt, weiss auch Elena Hubschmid, Dozentin am Institut für Organisation und Personal (IOP) der Universität Bern. Die 29-Jährige hat das Generationenverhältnis in den ­Betrieben wissenschaftlich untersucht und arbeitet heute im Personalmanagement eines Schweizer Industrieunternehmens. Dort erlebt sie tagtäglich die unterschiedlichen Arbeitsstile der Generationen. «Die Älteren warten geduldig auf eine Antwort per E-Mail, wir wollen sofort Feedback», gibt Hubschmid als Beispiel. Auch mit dem förmlichen «Sie» kann sich der ­Berufseinsteiger schwer anfreunden. «Niemand will drei Monate warten, bis der Vorgesetzte beim Apéro das Du anbietet», schmunzelt Hubschmid.

Besonders schwer tut sich die Generation Y mit autoritären Chefs, die einfach nur Aufgaben austeilen. Ein Blick in ihre Biografie verrät auch, warum: Die Jungen kennen bloss einen partnerschaftlichen Erziehungsstil und wurden von ihren ­Eltern immer nach ihrer Meinung gefragt. Und plötzlich steht da jemand, der einfach nur Gehorsam erwartet – ein Affront. Hier wirbt Karina Albers für Verständnis: Sie beschreibt die Arbeitswelt, in der die Chefs gross geworden sind und in der Kommando und Kontrolle herrschten. Die typische Reaktion eines Kursteilnehmers auf diesen Geschichtsexkurs: «Jetzt weiss ich endlich, warum die Kollegen so sind, wie sie sind.»

Niedere Tätigkeiten ausüben

Besonders allergisch reagiert die Jugend, wenn ihnen der Chef aufträgt, vermeintlich niedere Tätigkeiten auszuüben. «Ich hatte mal einen Trainee im Kurs,der partout nicht im Sekretariat arbeiten wollte», erinnert sich die Beraterin. Dem jungen Mann musste sie zunächst klar­machen, welche Chance in dieser Tätigkeit liegt – dass man auf dem Posten im Vorzimmer alles mitbekommt, was die Geschäftsführung tut. «Auch beim Kopieren und bei der Ablage kann man etwas lernen», führt Albers aus. Damit holt die Expertin eigentlich nur das nach, was die Vorgesetzten längst hätten tun müssen. Nämlich den Jungen beizubringen, warum bestimmte Dinge von ihnen erwartet ­werden. Grundsätzlich sei der Nachwuchs wissbegierig und durchaus bereit, sich auf die Gepflogenheiten der Älteren einzu­lassen. «Man muss ihnen nur den Sinn ­erklären, das Gesamtbild.»

In einigen Punkten allerdings zeigt sich die Generation Y unnachgiebig. Blinder Gehorsam ist und bleibt nicht ihr Ding, nur schweigen und nicken wird diese ­Altersgruppe weiterhin nicht. «Ich finde, man darf einen CEO auch mal höflich ­unterbrechen», meint gleichfalls die Personalverantwortliche Elena Hubschmid, «schliesslich sagen die Chefs ja immer, dass sie ein Feedback wollen.» Sie selbst habe erst unlängst ihrem Vorgesetzten frank und frei ihre Sicht der Dinge geschildert, berichtet die junge Frau. Zunächst sorge so etwas immer für Verwunderung, so Hubschmid, «aber am Schluss kommt dann die Danksagung».

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