Es gibt sie, Menschen, die von Natur aus Führungskräfte sind und instinktiv alles richtig machen. Genauso wie es Leute gibt, die allein durch ­Radiohören Sprachen lernen. Was allerdings die Mehrheit der rund 600000 Schweizer Erwerbstätigen mit Führungsverantwortung angeht, so gehören diese kaum zur Kategorie Naturtalente. Es sind Angestellte oder Unternehmer, die in eine Führungsposition gerutscht sind.

Die Mehrheit dieser 600000 hat keine Weiterbildung abgeschlossen, die sie dazu befähigen würde. Führen, das ist in den meisten Köpfen etwas, das einfach geschieht. Etwas, das man schon kann oder allenfalls «on the job» lernt – und am Anfang vielleicht falsch macht. «Ist ja nicht so schlimm, das kommt dann schon», so die landläufige Meinung.

Den Aufsteigenden im unteren und mittleren Kader fehlt es selten an Fachkompetenz. Die ist in der Regel neben weiteren Faktoren ausschlaggebend für eine Beförderung. Was fehlt, ist das Rüstzeug für Führungsaufgaben. Genauso wie die Einsicht bei vielen Chefs, dass man sich Führungsqualitäten idealerweise nicht nur in der Praxis aneignet.

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Weiterbildung zum Vorgesetzten

Wer als frischgebackener Vorgesetzter Ziele formulieren, Konflikte bewältigen und sich mit Sorgen und Nöten des Personals beschäftigen muss, merkt schnell, dass der Arbeitsalltag mit einer ganzen Reihe neuer Facetten aufwartet. Und zwar, ohne dass man diese zuvor irgendwo hätte ausprobieren können. Wer grosse Abteilungen oder ganze Firmen leitet, wird zum Vollzeitchef. Führen wird zum eigent­lichen Beruf, je höher man die Karriere­leiter erklimmt.

Eine Befragung von Teilnehmenden der Führungsausbildung der Schweize­rischen Vereinigung für Führungsausbildung (SVF) ergab, dass 80 Prozent von ­ihnen Führungskompetenz für erlernbar halten. 92 Prozent gaben an, dass ihnen die Weiterbildung für ihre Führungstätigkeit von Nutzen war. Besonders hoch schätzten sie den Kompetenzzuwachs in klassischen Leadership-Themen wie Kommunikation, Konfliktbewältigung und Selbsterkenntnis ein. Die Weiterbildung ermöglicht ihnen auch den offenen Austausch mit Berufsleuten, die ebenfalls in einer Vorgesetztenfunktion sind, was innerhalb der eigenen Firma meist schlecht möglich ist. Die Branche, die Unternehmenskultur und der berufliche Hintergrund spielenin der Regel eine untergeordnete Rolle,die Herausforderungen an die Führungs­kräfte ähneln sich unabhängig davon.

Leider hat sich bei den Firmen der Nutzen von Führungsausbildungen bis anhin noch zu wenig durchgesetzt. Nicht nur ­bezahlen Nachwuchsführungskräfte diese Kurse meist selber, sie absolvieren sie ­zudem häufig in der Freizeit. Ihre Vorgesetzten erkennen offenbar den konkreten Nutzen solcher Lehrgänge für die tägliche Arbeit nicht – vielleicht weil sie glauben, es selber auch ohne fremde Hilfe geschafft zu haben? Zwei Drittel der Absolventen beklagten jedenfalls, dass ihre Vorgesetzten sie bei der Umsetzung des Gelernten nicht oder nur mangelhaft unterstützt ­haben. Dabei sind gerade gute Vorbilder im eigenen Unternehmen für die Entwicklung von Führungskompetenzen von gros­ser Bedeutung.

Fehlende Hilfe durch Arbeitgeber

Vorgesetzte, die ihrer Aufgabe noch nicht gewachsen sind, da ihnen die nötige Selbstreflexion und das Handwerk für die alltäglichen Führungsaufgaben fehlen, vermindern die Leistung ihrer Teams. Der Weg vom Mitarbeitenden hin zur Führungskraft ist ein Prozess, der sich über verschiedene Stufen hinzieht, die Verantwortung für andere wächst mit jedem Schritt. Firmen sind gut beraten, wenn sie ihren Führungsnachwuchs tatkräftig bei dieser Entwicklung unterstützen. Sie investieren damit nicht nur in Human Capital, indem sie das angesammelte Wissen im eigenen Betrieb halten können, statt Führungskräfte aus anderen Unternehmen abwerben zu müssen. Sie verringern auch den Schaden, den überforderte Chefs innerhalb ihrer Teams und Abteilungen anrichten können – wenn beispielsweise gute Mitarbeitende kündigen, weil sie mit ihren Vorgesetzten nicht mehr zufrieden sind.

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Die wenigsten Menschen sind aus dem Stand heraus gute Leader. Aber fast alle sind von Natur aus lernfähig und -willig. Wer sich auf Führungsaufgaben vorbe­reitet und sich die Weiterbildung dafür holt, hat die besseren Karten, ein guter Chef zu werden.

Christian Santschi, Gründer und geschäftsleitender Partner, Unternehmensberatung hsp – Hodler, ­Santschi & Partner, Bern; Dozent für Führungsowie Präsident, Schweizerische Vereinigungfür Führungsausbildung (SVF), Ebertswil ZH.

 

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