Statistik für Ökonomen, Kommentare zu den jüngsten Entscheidungen des obersten US-Bundesgerichts, höhere Mathematik für Ingenieure oder Rechtsphilosophie – immer mehr höhere Bildungseinrichtungen aus dem englischen Sprachraum nutzen Youtube nicht nur als Werbekanal für neue Studenten.

Diese dominieren zwar weiter das Angebot, und die Yale-Universität etwa bringt 15-Minuten-Clips «Warum ich Yale aus­suche», die eher einem High-School-­Musical ähneln. Der Liebling des letzten akademischen Jahres war ein Video der kalifornischen Berkeley. Es zeigt den Studenten Austin Whitney, der bei Studienbeginn von der Hüfte abwärts gelähmt war und sich sein Diplom an der Abschluss­feier zu Fuss gehend abholte – dank einem während seines Studiums in Berkeley entwickelten mechanischen, äusseren künstlichen Skelett. Fast eine halbe Million Mal wurde dieses Video aufgerufen – denn es bringt zwei für Universitäten wichtige ­Elemente zusammen: Ein bewegendes Schicksal und Robotics als Beispiel angewandter Ingenieurwissenschaften.

Unkonventionelle Lektionen

Yale und viele andere Universitäten machen aber weit mehr mit Youtube. Sie folgen damit den Vorlieben ihrer Studenten, die immer öfter mobil über Smartphones, Tablets und Notebooks auf das Internet zugreifen. Die zum Google-Imperium gehörende Online-Plattform hatte bereits 2007 einen eigenen Kanal für ­Bildungsstätten eingerichtet. Inzwischen sind mehr als 400 Einrichtungen auf dem Youtube Education Channel vertreten. Die Schweiz fehlt hier gänzlich – lediglich Konzerne wie Grossbanken oder Versicherungen stellen kurze Filme ins Netz.

Damit entgeht den Einrichtungen ein potenzielles Millionenpublikum. Allein die Harvard-Reihe zur Rechtsphilosophie wurde 1,6 Millionen Mal abgerufen. Oft handeln die Kurzfilme wissenschaftliche Fragestellungen unkonventionell ab und nutzen die Möglichkeiten der modernen Aufnahmetechnik wie beispielsweise für den 20-Minuten-Clip des Physikprofessors Walter Lewin vom Massachusetts ­Institute of Technology (MIT) zur Frage «Was macht mehr nass bei Regen – spazieren oder rennen?» oder die optisch gut ­gemachte Experimentalserie zu einem billigeren und schnelleren drahtlosen Daten­über­tra­gungs­system.

Die kalifornische Berkeley-Universität, das benachbarte Stanford oder das MIT bei Boston haben inzwischen alle auf­gezeichneten Clips bestimmter Studien­gänge ins Netz gestellt, um Interessenten in aller Welt zu zeigen, was sich da so in ihren Hörsälen abspielt. Das Modul «Klassische Mechanik» des MIT etwa kam auf 130000 Klicks, die Rede des Dalai-Lama zum Thema «Leidenschaft» an der Stanford-Universität sahen über 120000 Menschen, und die Rede des Schauspielers Tom Hanks zum Abschluss des Jahrgangs 2011 an der Yale wurde über 100000 Mal abgerufen. Mehr als 125000 Youtube-­Lehrvideos sind inzwischen aufgespielt, das entspricht 64000 Stunden Unterricht ­beziehungsweise sieben Jahren Nonstop-Weiterbildung und damit einem Viel­fachen eines gängigen Vollzeitstudiums bis zum Master-Abschluss.

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Spezialisierte Einrichtungen wie die Khan Academy (siehe Kasten) haben ­eigens 2700 Clips anfertigen lassen und arbeiten mit interaktiven Online-Übungen, Erfolgsrückmeldungen und inte­grier­ten visualisierten Wissensplänen. Die kleine, aber sehr innovative amerikanische Einrichtung wird unter anderem von der Gates-Stiftung unterstützt.

«Die Beispiele, welche ich in diesem ­Bereich gesehen habe, sind alle sehr positiv», sagt der US-Technologie-Trendforscher Scott Klososky, der auch regelmäs­sig in Zürich ist. «Menschen können so nach ihrem eigenen Tempo lernen und die Videos so lange wiederholen, bis sie den Stoff verstanden haben, und sie können die Clips auch stoppen oder unterbrechen.» Das sei der grosse Vorteile im ­Vergleich zum konventionellen Live-­Unterricht, wo Lernende dann einiges verpassten. Und auch hier gibt es weitere Innovationen. «Bei einer Studie wurden die Regeln genau umgekehrt», ergänzt Klososky, «die Kinder sollten zu Hause mit Videos lernen und dann in der Schule – begleitet – die Hausaufgaben machen. Das Modell ist erfolgreich. Der Notendurchschnitt stieg um 20 Prozent.»

Der Youtube Education Channel ist inzwischen längst über das konventionelle E-Learning-Stadium hinausgekommen. So dürfen an etlichen – auch sehr renommierten – US-Universitäten die Kandidaten statt der gängigen Bewerbungsunterlagen auch Youtube-Videos einreichen. Als die hinsichtlich des Auswahlverfahrens ihrer Studenten sehr rigide Tuft-­Universität vorletztes Jahr zum ersten Mal diese Möglichkeit anbot, kamen 1000 von rund 15000 Anträgen in Youtube-Form. Dieses Video sollte laut den Tuft-Antragsvorschriften lediglich «etwas über die möglichen Studenten» aussagen. Die kon­ventionellen Zugangswege waren das Schreiben eines Aufsatzes zum Thema «Sind wir alleine?» oder das «Erschaffen von etwas» auf Papier. Favorit der Internet-Community ist die Studentin Amelia Downs, die in ­ihrem Video zwei ihrer Eigenschaften kombinierte, wie sie sagt: «Ein Nerd zu sein und zu tanzen.» Sie tritt mal als ­Balkengrafik auf, dann als Punktchart oder als Kuchengrafik, später noch als ­Sinus- und Cosinuschart.

Auf die Kritik folgt die Replik

Über 60 Prozent der Videos kamen ­übrigens von Frauen und zwei Drittel von Antragstellern, die mit Stipendien unterstützt werden. Laut einem Sprecher der Tuft-Universität hatten sich damit anfängliche Bedenken verflüchtigt, dass sich lediglich die Kids sehr wohlhabender Eltern mit der Technologie ausreichend gut auskennen. Das Schreiben von Aufsätzen soll (auch) deshalb weiterhin nicht ganz ab­geschafft werden.

Bei allen Lernthemen regt sich unvermeidlich auch die Kritik. Wichtigster Vorwurf ist der Klassiker des Distanzlernens seit den ersten Fernseh-Telekollegs: Die fehlende Interaktion der Studenten während des Unterrichts, so Medienprofessorin Alex Juhasz, die am Pitzer College in Los Angeles unterrichtet, gegenüber der Fachzeitschrift «Ars Technica». Aber die Kritik auf die Kritik kam ebenfalls umgehend – und auch sie ist seit der Einführung des Fernlernens bekannt: Durch Youtube würden eben auch die Fachleute ihren ­Expertenstatus verlieren.

Und auch das Klassenzimmer lässt sich online nachbilden – bei den Kursen der Khan Academy beispielsweise können Absolventen ihre Leistungen immer mit denen ihrer Klassenkameraden vergleichen – unabhängig davon, wo sie sich ­gerade auf der Welt befinden.

 

Khan Academy: Weiterbildung zum Nulltarif

Angebot Die Khan Academy ist eine nichtkommerzielle Website mit Lehrmaterial, die von Salman Khan, einem US-Amerikaner mit Eltern aus Bangladesch, gegründet wurde. Sie enthält über 2700 Lehrfilme aus den Bereichen Mathematik, Naturwissenschaften, Geschichte und Wirtschaft. Zudem verfügt sie über einen umfangreichen Kanal auf Youtube, auch mit deutschen Clips: youtube.com/user/KhanAcademyDeutsch. Die Khan Academy erhielt den Preis des «10hoch100-Projektes» von Google, er ist mit 2 Millionen Dollar dotiert.

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