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«Einordnung des Wissens muss gelernt werden»

Deutsch-Unterricht an der Migros Klubschule.   Keystone

Die Chefin der Klubschule Migros über die Wirtschafts-Palette des grössten privaten Weiterbildungsanbieters der Schweiz sowie über den technologiebedingten Wandel im Unterricht.

Von Matthias Niklowitz
am 28.01.2015

Wenn man die Eckdaten zur Klubschule Migros sieht, dann dominieren nebst den Sprachen Themen wie Bewegung, Ernäh­rung und Kreativität. Welchen Stellenwert hat die berufsorientierte Weiterbildung?
Andrea Ming*: Wir haben konstant eine grosse Nachfrage nach beruflicher Weiterbildung in allen Angebotsbereichen. Ein Grossteil entfällt auf die Ausbildungen in den Bereichen Management und Wirtschaft. Der Besuch eines Sprachkurses ist in den meisten Fällen beruflich motiviert. Wir entwickeln im Auftrag von Personal- verantwortlichen massgeschneiderte Angebote für die Mitarbeiter von Schweizer Unternehmen. Das wiederum bringt uns viel Anerkennung für die Angebote im Bereich der beruflichen Weiterbildung.

Haben Sie ein Beispiel für Themen, mit denen Sie zu den Firmen gehen und dort unterrichten?
Es gibt Unternehmen, die beispielsweise die Schulung der Angestellten in E-Mail- Korrespondenz oder in effizientem Protokollieren lieber bei sich intern durchführen möchten. Dann gehen wir mit unserem eigenen Lehrpersonal dorthin. Nebst Präsenzunterricht werden auch webbasierte Formate eingesetzt, um so die weiterbildungsbedingten Absenzen möglichst gering zu halten.

Bei den beruflichen und geschäftlichen Themen dominiert bei Ihnen die Nach­frage nach Buchhaltung. Erledigt das nicht inzwischen längst der Computer?
Das Verständnis für Buchhaltung braucht es heute in vielen verschiedenen beruflichen Funktionen. Viele Kunden haben einen breiten beruflichen Hintergrund, sie steigen dann beispielsweise auf oder übernehmen eine neue Verantwortung in ihren Firmen. Dann müssen sie ein Verständnis für die Budgets und die Kennzahlen haben, ohne aber die alltäglichen Buchhaltungsarbeiten selber zu machen.

Excel­ und Office­Kurse laufen gemäss Ihren Nutzerzahlen glänzend. Genügt das heute noch?
Wir müssen hier unterscheiden zwischen Kursen und Lehrgängen. MS-Office-Anwenderkenntnisse lassen sich in kurzen Sequenzen vermitteln. Eine Ausbildung als Webdesigner Publishing hingegen erfordert eine Vertiefung und mehr Zeit. Informatik wird zudem vermehrt im Zusammenhang mit anderen Fachbereichen vermittelt. Denken Sie an den grafischen Bereich oder an die Anwenderkenntnisse im Online-Marketing als Beispiele.

Der Stoff für viele beruflich relevante Kurse lässt sich leicht per Google im Internet finden. Müsste in den Angeboten der Klubschule deswegen nicht mehr Handlungskompetenz vermittelt werden?
 Sicherlich sind viele Informationen im Internet jederzeit verfügbar. Die Einordnung und Anwendung des Wissens muss aber gelernt werden. Unsere Kursleiter und Dozenten qualifizieren sich dadurch, dass sie nebst Fachwissen auch dessen Anwendung vermitteln können.

Ändert sich deswegen das Handwerk des Kursleiters?
Seit Jahren haben wir im Unterricht webbasierte Tools im Einsatz und entwickeln diese kontinuierlich weiter. Unsere Online-Einstufungstests und der Einsatz von Podcasts sind heute aus dem Unterrichtsalltag nicht mehr wegzudenken. Weitere technische Erneuerungen verändern die Unterrichtsformen stetig. Der Präsenzunterricht wird dadurch vorläufig ergänzt und nicht ersetzt. E-Education wird mit grosser Sicherheit deutlich mehr Bedeutung bekommen.

Der Kursleiter von heute wird schon bald durch ein Lernprogramm ersetzt?
Nein, keinesfalls. Es braucht weiterhin Ausbildende mit Fachwissen, Praxiserfahrung, didaktischen Fähigkeiten und sozialen Kompetenzen. Teilnehmende an der Ausbildung Unternehmensführung für KMU zum Beispiel erwarten weiterhin, dass sie vom Dozenten individuell betreut werden. Der Transfer in die Praxis wird im Austausch eins zu eins stattfinden.

Die technologische Entwicklung ist rasant. Sind Ihre Kunden manchmal nicht schnel­ler als Ihr Lehrpersonal?
Die technologische Entwicklung durchdringt all unsere Lebensbereiche. Wir lernen sozusagen gleichzeitig mit unseren Kunden. Vor allem bei den Digital Natives bestehen diesbezüglich grosse Erwartungen. Auf der anderen Seite haben wir ein Publikum, bei dem die sorgfältige Einführung in neue Medien und Technologien gewünscht ist, damit keine Überforderung entsteht.

Hinzu kommen die allgegenwärtigen Smartphones, mit denen Kunden den Faktencheck gleich live im Unterricht machen. Gibt es dafür ein Rezept, um als Lehrperson mit diesem Problem umgehen zu können?
Solche Interaktionen sind ein gutes Beispiel dafür, was bei sogenannten Massive Open Online Courses, kurz MOOCS, nicht möglich ist: Es gibt eine Diskussion in der Klasse. Das Rezept besteht möglicher- weise allein darin, dass der Ausbildner sich bewusst ist, dass sein Fachwissen dem aktuellen Stand entsprechen muss und dass er in der Unterrichtssituation für eine Diskussion bereit ist. Diese Haltung vermitteln wir im Rahmen unserer Ausbildungen für Ausbildende. Wir verfügen als Bildungsinstitution über eine langjährige Tradition darin, dass wir den Kunden mit unseren Weiterbildungsangeboten dorthin bringen, wo er auch hin will.

Werden die Klubschulen dereinst einmal einen Master of Business Administration, kurz MBA, anbieten?

Momentan ist dies kein Thema. Wir haben andere Angebote im Bereich der höheren Bildung wie zum Beispiel die Ausbildungen zum eidgenössisch diplomierten Führungsexperten oder zum diplomierten Wirtschaftsinformatiker HF, sprich der Höheren Fachschule.

Welchen Wert haben Ihre Führungs­ausbildungen auf dem Markt?

Es handelt sich dabei um eidgenössisch anerkannte Diplome oder um Zertifikate der Schweizerischen Vereinigung für Führungsausbildung, die auf dem Markt ein hohes Ansehen geniessen. Alle Abschlüsse haben eigene Kompetenzbeschreibungen, die internationalen Standards entsprechen. Erfahrene Personalverantwortliche wissen deshalb sofort, was dahinter steht. Der Wert lässt sich auch über unsere Referenzen und die Berufskarrieren unserer Abgänger darstellen.

Die Klubschule steht in einem harten Kon­kurrenzkampf. Wächst das Modell noch?
Wir sind der grösste und am breitesten aufgestellte Weiterbildungsanbieter in der Schweiz. Die Vielfalt liegt in den Genen unserer Institution. Wir sind immer offen für neue Themen und Angebote, denn auch da gibt es Wachstumspotenzial. Wir gehen von einem Wachstum im Schweizer Weiterbildungsmarkt aus und werden daran partizipieren.

Andrea Ming ist die Leiterin der Direktion Klubschulen und Freizeitanlagen beim Migrso-Genossenschafts-Bund (MGB). Sie abslovierte ein Studium als Eidg. dipl. Sportlehrerin an der ETH Zürich sowie einen Executive MBA an der Universität St. Gallen (HSG).

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