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Banker
Gebeutelter Traumberuf

 

Seit der Finanzkrise leiden viele Geldinstitute unter Reputationsverlust. Der Ruf der einstigen Ikone ist ramponiert. Neue Studien beleuchten die Gründe.

Von Helga Wienröder
am 04.12.2013

Seit der Finanzkrise vor fünf Jahren waren die Schweizer Banken unter Dauerbeschuss. Am Anfang stand der Zusammenbruch von Lehman Bro­thers – er ist mit 613 Milliarden Dollar Schulden als der grösste Bankrott aller Zeiten in die Geschichte eingegangen. Mit in den Strudel gerieten danach etliche Geldinstitute rund um den Globus, so auch die Grossbank UBS, die vom Staat vorübergehend gestützt werden musste.

Der Skandal hatte Wirkung. Seither ­zeigen Studierende der Wirtschaftswissenschaften bei der Berufswahl den Finanzdienstleistern häufig die rote Karte. Das Phänomen zeigt sich allerdings weltweit. Das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse von «The Deloitte Talent in Banking Survey 2013», die Ende Oktober publiziert wurde.Der Employer-Branding-Spezialist Universum Global hat dafür im Auftrag des Prüfungs- und Beratungsunternehmens 108 000 Wirtschaftsstudierende befragt.

Die Schweizer Banken rangieren im ­internationalen Vergleich auf dem neunten Platz von insgesamt 15 Ländern. Das heisst, dass die Studierenden den Geld­instituten in acht Ländern eine bessere Leistung und Akzeptanz zutrauen: Südafrika, China, die Niederlande, Kanada, Brasilien, Grossbritannien, Italien und Spanien. ­Daniel Kobler, Consulting Partner bei ­Deloitte, glaubt den Grund zu kennen: «Es ist wahrscheinlich, dass der Druck aus dem Ausland bezüglich Steuertransparenz ­negative Auswirkungen auf das Image des Banking in der Schweiz hat.» Hinter uns folgen mit absteigender Attraktivität nur Indien, Russland, die USA, Frankreich, ­Japan und zuletzt Deutschland.

Gespenst Jobverlust und Krankheit

Schweizer Studenten haben immer häufiger Angst vor Jobverlust und fürchten, dass sie dazu einen hohen Tribut an ihre Gesundheit zahlen müssen. Dies ist das Fazit einer internationalen Studie der hierzulande ansässigen Uni Global Union, die von einer Serie von Burnouts und ­Tragödien in der Finanzwelt berichtet. Der aktuelle Report «Banking: The Human Crisis» zieht die Bilanz, dass seit 2011 in diesem Sektor in 26 Ländern etwa 193 000 Stellen verschwunden sind.

Dieser Kahlschlag hatte meist keine Restrukturierungen zur Folge, sondern wurde oft auf dem Rücken der verbliebenen Mitarbeiter ausgetragen – mit dem Resultat, dass 80 Prozent der Banken und Versicherungen die Gesundheit ihrer ­Angestellten als Hauptproblem nennen. «Viele Mitarbeiter leben in einem Klima­ der Angst», sagt Lynn Mackenzie, Autorin des Reports, und erklärt, warum: «Banker sehen sich wütenden Kunden gegenüber, die Banken und Berater beschimpfen. Dazu kommt: Manager und Vorgesetzte sitzen in ihren teuren Glaspalästen und machen hohen Druck auf die Mitarbeiter und rufen diese zu vielfach unrealistischen­ Verkäufen und Leistungszielen auf.»

Die Studie der Uni Global Union nennt einige Opfer namentlich: Der Star-Banker Sir Hector Sants von Barclays musste sich für einige Monate von seiner Bank verabschieden, weil er wegen Dauerstress dringend medizinische Hilfe brauchte. Nun hat er gekündigt. António Horta-Osório, CEO von Lloyds, zog sich nach einer langen Phase von Erschöpfungserscheinungen und Schlafstörungen für zwei Monate zurück. Ebenfalls ein hiesiger Dienstleister erlitt einen aufsehenerregenden Verlust: Der Versicherungskonzern Zurich verlor durch die Selbsttötung des Finanzchefs Pierre Wauthier einen angesehenen Manager, was die Branche erschütterte.

Aber auch so ist es für Banken schwer, unter Hochschulabsolventen neues Personal zu finden. «Harvard-MBA meiden die Finanzwelt», zitierte der Schweizer Wirtschaftsdienst «finews.ch» in seiner Ausgabe vom 1. November 2013 die «Harvard Business Review». Die Wall Street sei für die klügsten und besten Wirtschafts­absolventen zunehmend weniger attraktiv. «2013 landeten nur 26 Prozent der frischgebackenen MBA der Harvard Business School im Finanzsektor. Das ist ein his­torisch tiefer Wert. Sogar in den Jahren ­unmittelbar nach der Finanzkrise strebten mindestens 31 Prozent der Absolventen eine Karriere in der Bankenwelt an.»

Schweizer Hochschulen gefordert

Dass Schweizer Hochschulen diesen Stimmungswandel nicht gerade euphorisch kommentieren wollten, ist verständlich. Die Antworten kamen eher spärlich oder blieben ganz aus. Eine klare Aussage gab es dagegen von Manuel Ammann, ordentlicher Professor für Finanzen an der Universität St. Gallen (HSG) und Direktor des Schweizerischen Instituts für Banken und Finanzen (SBF) sowie akademischer Leiter des Master of Arts in Banking and Finance und des Doktorandenprogramms in Finanzwirtschaft. «Der Ruf des Bankers und dessen Reputation haben gelitten, mehr als vor zehn Jahren», sagt Ammann. Das färbe auf die Studierenden ab.

«Ich habe an der HSG allerdings keinen Einbruch bei der Nachfrage gespürt. Die meisten Absolventen gehen in die Finanzindustrie, doch nicht nur dahin.» Das Berufsspektrum für Hochschulabsolventen in Banking and Finance sei diversifiziert. Das könnten etwa Beratungsunternehmen­ sein, aber auch die Industrie sei ein potenzieller Arbeitgeber. «Dazu kommt, dass die Finanzindustrie noch immer eine sehr hohe Wertschöpfung hat und sehr hohe Löhne bezahlt», sagt Ammann.

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