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Bildung
Titel-Chaos in der Schweiz bremst Karrierechancen

Berufsfachleute sollten Titel wie «Professional Bachelor» erhalten.   Keystone

Die Berufsbildung braucht international verständliche Abschlusstitel. Die Debatte in der Schweiz dauert schon viel zu lange – Gegner sprechen von einer «Akademisierung».

Von Stefan Mair
am 18.06.2014

Niemand kann sagen, dass diese Diskussion nicht genug Zeit gehabt hätte. Vor sieben Jahren forderte der Schweizerische Verband für Weiterbildung international verständliche Bezeichnungen für die Abschlüsse «eidgenössischer Fachausweis» respektive «eidgenössisches Diplom». Sieben Jahre später hat der Nationalrat am 12. Juni eine Motion angenommen, die genau diese Forderung beinhaltet. Eingebracht wurde sie von einem Vertreter der Sozialdemokratie, von Matthias Aebischer. Sie deckt sich mit der Forderung von Gewerbeverband, Arbeitgeberverband und der Mehrheit der Berufsverbände. Sieben Jahre scheinen aber noch nicht genug.

Denn im Nationalrat wiederholte der oberste Gegner des Anliegens, Bundesrat Johann Schneider-Ammann, seine Bedenken vor einer «Akademisierung» der Berufsausbildung, die nicht der richtige Weg sei. Das zuständige Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation, dem auch niemand vorwerfen kann, in dieser Frage überstürzte Entscheidungen zu treffen, bleibt ebenfalls ablehnend.

Sieben Jahre sind eine lange Zeit. Und so langsam wird den höheren Fachprüfungen das Wasser abgegraben. Unter den jetzigen Bedingungen ist es für Absolventen nämlich teilweise attraktiver, den Weg über Hochschulen zu wählen, als sich einer höheren Fachprüfung zu stellen. Erstens wollen sie unbedingt die Titel Bachelor oder Master erreichen. Zweitens sind beispielsweise die Abschlüsse Master of Advanced Studies oder Certificate of Advanced Studies manchmal ohne Abschlussprüfungen zu haben, bei den höheren Fachprüfungen rasselt schon mal jeder Dritte durch.

Diplomzusätze und Marketing

Von Titeln wie «Professional Master» und «Professional Bachelor» scheint die Schweizer Berufsausbildung aber dennoch weit entfernt – sieben Jahre hin oder her. Die Strategie des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) besteht nämlich darin, anstatt der gewünschten, international nachvollziehbaren Titel auf Diplomzusätze und Marketing zu setzen.

Der zuständige Staatssekretär Mauro Dell,Ambrogio sagt: «Für die Erhöhung der Attraktivität der höheren Berufsbildung soll mittels Marketing aufmerksam gemacht werden.» Zudem setzt das SBFI auf einen Diplomzusatz, von Kritikern als Packungsbeilage tituliert. «Der Diplom­zusatz enthält europaweite standardisierte Informationen über den jeweiligen ­Abschluss, welche Arbeitgebern eine ­Einschätzung der Kompetenzen der ­Absolventen ermöglichen», kontert Dell'Ambrogio. Versüsst werden könnte der Diplomzusatz mit dem Präfix «Swiss», wie das Staatssekretariat andeutet: «Wir arbeiten derzeit an international verständlichen englischen Übersetzungen der Titel, welche auf dem Diplomzusatz verwendet werden sollen. Geplant ist weiter, die Swissness der Titel stärker zu betonen.»

André Schläfli, Direktor des Schweizerischen Verbands für Weiterbildung (SVEB) kritisiert die ablehnende Haltung: «Der Bundesrat und das SBFI lehnen unseren Vorschlag von international verständlichen Titeln ab, haben aber bis heute keine Alternative vorgeschlagen.» Seit Jahren weise sein Verband auf die Ungleichbehandlung zwischen Hochschulen und höherer Berufsbildung hin, ohne dass das SBFI eine Massnahme ergriffen hätte.

Dabei hoffen viele Verbandsvertreter, dass das SBFI endlich Entscheidungen trifft. «Mit der Neuorganisation des SBFI sind mindestens bessere Voraussetzungen für schnellere Prozesse geschaffen worden», erklärt Christoph Gull, Präsident von Dualstark, der Konferenz der eidgenössischen Berufs- und höheren Fachprüfungen. Denn das SBFI, entstanden Anfang 2013 aus der Fusion des Staatssekretariats für Bildung mit dem ehemaligen Bundesamt für Berufsbildung und Technologie, war lange durch interne Reorganisationen gelähmt. Der Entscheidungsstillstand begann Kritikern zufolge schon lange vor der Fusion 2013. Denn seit der Ausschreibung des Chefpostens des neu zu entstehenden SBFI im Februar 2012 sank der Entscheidungs-Output, weil sich vor der Wahl niemand mehr vorwagen wollte. Und die Nachwehen der Reorganisation gehen weiter. Im Sommer steht ein Umzug an.

Der ehemalige SP-Nationalrat und Preisüberwacher Rudolf Strahm schrieb in einem Gastbeitrag Anfang des Jahres sogar von einer «Nullentscheid-Maschinerie». So krass sieht es André Schläfli nicht: «Im Amt arbeiten viele Personen, die sehr engagiert und konstruktiv mit uns zusammenarbeiten», sagt er. Bei der Entwicklung der höheren Berufsbildung gibt es aber seit Jahren Verzögerungen, die teilweise auf das Konto des SBFI gehen.» Jörg Aebischer, Geschäftsführer der ICT-Berufsbildung Schweiz, zuständig für Berufe in Kommunikations- und Informa­tionstechnologien, sagt: «Nach dem Umbau muss das SBFI nun zu einer Konsolidierung finden. Dabei ist es wichtig, dass auch personelle Stabilität einkehrt. Der Umbau war insbesondere im Bereich der Führungspositionen und der wechselnden Zuständigkeiten zu spüren.» Der ehemalige Preisüberwacher Strahm sieht das alles kritischer. Er bemängelt, dass das SBFI ausgerechnet eine Fachhochschule mit einem Gutachten beauftragt hat, die Einführung des «Professional Bachelor»-Titels zu prüfen: «Ein reines Gefälligkeitsgutachten, das angesichts der unterschwelligen Konkurrenzsitua­tion zwischen Fachhochschulen und Höheren Fachhochschulen vom SBFI völlig inkompetent platziert wurde», wettert Strahm.

Von diesen Wortmeldungen abgesehen müssten alle Beteiligten ein Interesse daran haben, nun, nach sieben Jahren Debatte und Verzögerungen, die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Berufsabschlüsse sicherzustellen. Dualstark-Präsident Christoph Gull erklärt: «Klar ist, dass wir für die bessere internationale Positionierung der Abschlüsse der höheren Berufsbildung dringend Lösungen brauchen.» Nach der Annahme der Motion Aebischer sei man zuversichtlich, dass diese Titel auch politisch trotz dem starken Widerstand vonseiten der Fachhochschulen eine Chance hätten.

Peter Petrin, Vizepräsident und Leiter Bildung von Swiss Marketing (SMC), sagt, dass die Schweiz zu klein sei, um sich gegen das globale Phänomen der Titelinflation zu stemmen (siehe Interview). «Konsequenterweise sollte man daher die ­Begriffe Bachelor und Master einer bestimmten Qualifikation beziehungsweise einem bestimmten Qualifikationsniveau zuweisen. Heute gibt der Titel Auskunft darüber, an welcher Art Institution man eine Qualifikation erworben hat. Wir wünschen uns einen Output-orientierten Ansatz: Wer eine bestimmte Qualifikation auf einem geforderten Niveau erreicht hat, soll unabhängig vom Bildungsweg den ­Titel Bachelor oder Master erhalten.»

Qualifikationsrahmen in Arbeit

SP-Nationalrat Matthias Aebischer, der für das Anliegen kämpft, erklärt die Dringlichkeit des Themas so: «Wir wollen, dass die topausgebildeten Schweizer Berufsleute gleich lange Spiesse haben wie die oft schlechter ausgebildeten Berufsfachleute im Ausland.»

Das SBFI arbeitet derweil an einem nationalen Qualifikationsrahmen für die Abschlüsse der Berufsbildung. Dieser soll die internationale Vergleichbarkeit der Abschlüsse sicherstellen. Der Einstufungsprozess kann bis zu «drei Jahre» dauern. Wie viel Druck die höheren Fachprüfungen bis dahin haben werden, ist offen.

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