1. Home
  2. Management
  3. Training für Tausende

Weiterbildung
Training für Tausende

Illustration von Brigitta Garcia Lopez

Wie Firmen mit Massenfortbildungen für ihre Mitarbeiter experimentieren.

Von Marvin Miltz
am 24.09.2014

Wenn Unternehmen weltweit Zehntausende Mitarbeiter beschäftigen, stellt sich die Frage, wie die Personalabteilung allen die gleichen Richt­linien, Werte und Arbeitsprozesse beibringt. In der Vergangenheit setzten Verantwortliche auf Vorträge an verschiedenen Standorten. Oder sie betrieben E-Learning-Plattformen im Intranet, auf denen sich Mitarbeiter im Alleingang neues Wissen aneignen sollten. Weil diese Ansätze oft nicht den gewünschten Erfolg bringen, lassen Unternehmen sich von einer neuen Lernbewegung aus einem akademischen Umfeld inspirieren: Massive Open Online Courses, kurz MOOC, haben das Potenzial, die Art, wie in Unternehmen gelehrt wird, zu revolutionieren, meinen Experten.

MOOC sind eine noch junge, aber für Unternehmen und Universitäten viel­versprechende Form der Lehre. Bei den ­Online-Kursen sitzen Hunderte oder gar Tausende Lernende nicht im Hörsaal, sondern vor ihrem Laptop. Sie sehen Videovorträge von Experten, diskutieren in Sozialen Netzwerken, bearbeiten Aufgaben in Teams, obwohl sie auf der ganzen Welt verteilt arbeiten. Das Internet macht es möglich.

Vorreiter Credit Suisse

Als eines der ersten Schweizer Unternehmen debütierte die Grossbank Credit Suisse zu Beginn dieses Jahres mit einem MOOC. Zwar war der Kurs noch nicht offen für alle 47 000 Mitarbeiter der Bank, sondern richtete sich an ihre rund 300 Ausbildungsverantwortlichen. Doch laut Credit-Suisse-Managerin Sabine Gori, die den Online-Kurs mitentwickelt hat, wird die Bank in Zukunft verstärkt auf MOOC zur Mitarbeiterbildung setzen. «Bei un­seren normalen E-Learning-Angeboten steht individuelles Lernen im Vordergrund», resümiert die Managerin. «MOOC geben uns die Möglichkeit, gemeinsames Lernen zu fördern und den Lernprozess unserer Angestellten aktiv mitzugestalten.» Thema und Teilnehmer des ersten Credit-Suisse-MOOC zeigen, wie die Bank die neue Lernform einsetzen möchte. In dem Online-Kurs lernten die Ausbildner «Social Learning» kennen, also wie zahlreiche Mitarbeiter gemeinsam im Internet lernen können. Die Bank scheint das E-Learning, das in Unternehmen oftmals als angestaubt und schulbuchartig gilt, aufpeppen zu wollen.

Der Credit-Suisse-MOOC war dazu auf intensives Mitarbeiten und digitale Kooperation unter den Teilnehmern ausgelegt: Sechs Wochen lang erhielten die MOOC-Teilnehmer jeden Montag neues Lernmaterial für die Unterrichtswoche, mittwochs folgte ein live übertragenes Interview mit einem Experten, bei dem die Teilnehmer Fragen in einem Chat stellen konnten. Fünf Koordinatoren betreuten die Kursteilnehmer, leiteten Diskussionen in Online-Foren, gaben Hilfestellung, wenn Probleme aufkamen. Pro Woche gab es zwei Aufgaben, die die Credit-Suisse-Mitarbeiter im Team lösen mussten. «Wir haben erstmals über 100 Angestellte in ­einem Online-Learning-Kurs virtuell vernetzt», sagt Managerin Gori.

Auch weitere global agierende Grossunternehmen nutzen bereits die MOOC-Technik zur Fortbildung. So etwa die Deutsche Telekom, die in diesem Jahr ­einen MOOC mit 3600 der weltweit über 200 000 Mitarbeiter veranstaltete. Auch internationale Softwarekonzerne wie Google und SAP bedienen sich MOOC, um Nutzern ihrer Programme und Services zum Beispiel neue Funktionen schmackhaft zu machen.

Bei den grössten Schweizer Unternehmen zeigt sich ein gemischtes Bild: Beim Pharmakonzern Novartis kommen MOOC noch nicht zum Einsatz, ebenso wenig bei Nestlé. Allerdings ist der Nahrungsmittelkonzern daran interessiert, sein E-Learning dahingehend zu überarbeiten. Der Rohstoffhändler Glencore nutzt die Online-Kurse beim Compliance-Training – und arbeitet daran, die Lernform auf weitere Trainingsbereiche auszuweiten. Im Compliance-Training sieht auch E-Learning-Experte Oliver Bendel das grösste Potenzial für Unternehmens-MOOC. «Schliesslich sind nicht wenige Schweizer Konzerne verpflichtet, ihren Mitarbeitern einschlägige Gesetze und Richtlinien zu vermitteln», sagt der Professor für Wirtschaftsinformatik an der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Allerdings warnt Bendel, der sich bereits seit 15 Jahren mit E-Learning-Methoden beschäftigt, vor einem Hype: «Das MOOC-Machen ist sehr aufwendig für die Personal- oder Trainingsabteilung. Es ist fraglich, ob es sich im Unternehmenskontext durchsetzt.» So brauchen Unternehmen laut Bendel mehrere Betreuer, die die Hunderten Teilnehmer am Lernen halten, motivieren und Rat geben. Ausserdem sollten Mitarbeiter die Fortbildungseinheiten in ihrer Arbeitszeit unterbringen dürfen. «Sie sollten nicht noch am Feierabend vor dem Bildschirm sitzen müssen», sagt Bendel.

Mangelnde Bereitschaft, Zeit für die digitale Fortbildung zu opfern, ist einer der entscheidenden Schwachpunkte der grossen Online-Kurse: Viele Interessenten treten trotz vorangegangener Anmeldung gar nicht erst an. Oft bricht über die Hälfte der Teilnehmer vor Ende des Kurses ab, zeigen Studien, die die Teilnahmebereitschaft bei MOOC analysierten. Es fehlt am Feedback und an der nötigen Selbstkontrolle der Teilnehmer. Neue Verfahren könnten helfen, die Teilnehmer besser zum Lernen zu motivieren. Zum Beispiel können MOOC-Macher per Datenanalyse die Teilnehmer über ihren Lernprozess informieren. Dazu können sie sogenannte Knowledge-Awareness-Tools nutzen. Die analysieren etwa die Zeit, die Kursteilnehmer mit dem Lernen verbringen. Lassen Teilnehmer die digitalen Seminare schleifen, erhalten sie eine Ermahnung per E-Mail. Noch Zukunftsmusik, aber für Unternehmen durchaus beachtenswert, ist der sogenannte POOC, bei dem das P für «personalisiert» steht. Dabei ermittelt ein Algorithmus den Wissensstand eines jeden Teilnehmers und passt den Schwierigkeitsgrad der Aufgaben entsprechend an. So kommen zwar nicht alle gleich schnell ans Ziel, aber jeder in seinem Tempo. Solche Hightech-Verfahren könnten die Abbrecherquote senken.

Das Wissen fördern

Neben MOOC, die Unternehmen für die eigenen Mitarbeiter veranstalten, findet auch eine gegensätzliche Bewegung statt: Unternehmen kooperieren mit MOOC-Anbietern, etwa Udacity und edX, um – so würden Verfechter sagen – das Wissen der Allgemeinheit zu fördern – oder laut Kritikern Marketing zu betreiben. Der E-Learning-Anbieter IMC, der vom emeritierten Informatik-Professor August-Wilhelm Scheer gegründet wurde, bietet seit kurzem zum Beispiel in Kooperation mit dem IT-Unternehmen Microsoft einen kostenlosen MOOC über das Programmieren von Apps für die Microsoft-Produktpalette an.

IMC plant, sein MOOC-Angebot deutlich auszubauen – und auch gezielt Kurse für Mitarbeiter aus Schweizer Unternehmen anzubieten. Das Potenzial ist laut Verwaltungsrat Christian Wachter vorhanden: «Wir könnten uns etwa vorstellen, mit Unternehmens-MOOC bei der Ausbildung von Lehrlingen mitzuwirken», erklärt Wachter. Viele Unternehmen dächten noch, sie müssten die Ausbildung komplett im Unternehmen abwickeln. Dabei sind laut Wachter viele Teile der Ausbildung nicht unternehmensintern, sondern könnten auch standardisiert über MOOC gelehrt werden.

E-Learning-Experte Bendel sieht bei Unternehmens-MOOC das Problem, dass viele Verwaltungsräte den Nutzen eines MOOC nicht sehen und deshalb nicht bereit sind, in die Technik zu investieren. Bei der Credit Suisse scheint das nicht der Fall gewesen zu sein: Anfang September lief bereits ein weiterer MOOC für Bankmitarbeiter an.

Online-Kurse: Ursprung an den Unis

  • Anfang
    Die Massive Open Online Courses (MOOC) haben ihren Ursprung in regulären Hochschulveranstaltungen, die nachträglich als Online- Kurs einer grossen Anzahl von Teilnehmenden zur Verfügung gestellt wurden.
  • Bekanntheit
    Vor drei Jahren erlangten MOOC internationale Bekanntheit: Professor Sebastian Thrun, der damals an der amerikanischen Elite-Universität Stanford lehrte, unterrichtete über 150 000 Teilnehmer in einem Online- Kurs – immerhin 23 000 Studenten schlossen das Seminar ab.
  • Vorreiterin
    Auch an Schweizer Hochschulen kommen MOOC vermehrt zum Einsatz. Vorreiter ist die École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL), die bereits mit ihrem ersten MOOC im Jahr 2012 über 50 000 Studenten aus aller Welt anzog.
  • Ausbau
    Andere Schweizer Unis wie die ETH Zürich und die Universität Genf arbeiten daran, die Online-Kurse vermehrt in ihr Lehrprogramm zu integrieren. 
  • Elemente
    Typische Elemente der MOOC sind Videos und Quiz, in denen Testfragen beantwortet werden müssen. Je nach Art des Kurses können Elemente hinzukommen, beispielsweise zu lesende Texte oder schriftliche Hausarbeiten.
Anzeige