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Interview
«Verhandeln ist Wissenschaft»

Technikbegeisterung: Heutige Jugend als die wissenschaftliche Quelle von morgen.

Der ehemalige Staatssekretär für internationale Finanzfragen lehrt neu an der ETH.

Von Norbert Staub und Thomas Langholz
am 04.12.2013

Weshalb tauschen Sie nun die politische Weltbühne gegen eine Universität ein?

Michael Ambühl:
Die Resultate von Verhandlungen zwischen Staaten sind in der Regel wissenschaftlich gut analysiert und dokumentiert, vor allem aus juristischer Sicht. Aber über die Art und Weise, wie diese Ergebnisse zustande kommen, ist relativ wenig bekannt. Nach 31 Jahren in der Diplomatie hat es mich gereizt, meine Erfahrungen und Erkenntnisse in diesem Bereich besser zu erforschen und dies auch an Studierende weiterzugeben.

Sie wollen Verhandlungstechniken mittels «Engineering» optimieren. Wie geht das?
Als ETH-Absolvent und Techniker wurde ich im diplomatischen Dienst oft gefragt: Warum bist du hier tätig? Gegenfrage: Warum nicht? Es braucht auch den naturwissenschaftlichen Denkansatz in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Das Denken in Modellen kann zur Lösung komplizierter politischer Fragen beitragen. Verhandlungs-«Engineering» nenne ich eine Methode, mit der komplexe Probleme in einfachere Teilprobleme zerlegt werden, die dann durch quantitative beziehungsweise mathematische Methoden einer Lösung zugeführt werden können.

Gibt es fürs Verhandeln einen Baukasten?
Nein, denn jede Verhandlungs­situation ist singulär. Verhandeln ist eine Wissenschaft, die auf Theorien, Konzepten, Methoden aufbaut und gleichzeitig eine Kunst ist, die ein Gespür für kulturelle Differenzen, Dialogführung und ein wenig psychologisches Geschick voraussetzt.

Ihre Einführungsvorlesung heisst «Introduction to Negotiation». Behandeln Sie dabei auch Fälle aus Ihrer diplomatischen Praxis?
Ja. Erfolgreiches Verhandeln braucht neben dem theoretischen Fundament Erfahrungswissen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die EU verhandelt anders als die USA. Bei der EU ist der politische Kompromiss, der Rücksicht auf die Bedürfnisse der Mitgliedstaaten nimmt, gang und gäbe – was auch dem Verhandlungsverständnis der Schweiz entgegenkommt. Den USA ist das Kompromissdenken weniger bekannt. Beim Abkommen zwischen der Schweiz und den USA betreffend UBS etwa ging es um die Frage, wie viele Amtshilfefälle die Schweiz den USA voraussichtlich liefern kann, ohne aber mit dieser Angabe unserer unabhängigen Justiz – im Falle von Rekursen – eine Verpflichtung aufzuerlegen. Dabei konnten wir uns von den Schweizer EWR-Verhandlungen von 1992 inspirieren lassen. Um Vertragsteile, die ein EWR-Land allenfalls nicht übernehmen kann, zu kompensieren, wurden damals sogenannte Ausgleichsmassnahmen konzipiert. Dank diesem Konzept des «Rebalancing» konnte eine Brücke geschlagen werden, welche es den amerikanischen Partnern erlaubte, das Abkommen zu genehmigen.

Inwiefern haben Sie in Verhandlungen von Ihrer ETH-Ausbildung profitiert?
Indirekt. Aber es gab Situationen, wo angewandte Mathematik half, zum Beispiel beim Landverkehrsabkommen mit der EU, als es um die Bestimmung der Schwerverkehrsabgabe LSVA ging. Oder bei den Steuerabkommen mit Grossbritannien und Österreich. Für diese Lösungen brauchte es mathematische Formeln, die ich beisteuern und aufgrund deren man einen Abschluss erreichen konnte.

Mit Verhandlungen sind wir im Alltag alle konfrontiert. Kann man dieses Verhandeln mit dem auf politischer Ebene vergleichen?
Es gibt einige generelle Prinzi­pien der Verhandlungswissenschaft. Verhandlungen unter Staaten sind in aller ­Regel komplexer. Das beginnt mit dem Verhandlungsmandat, das es in einem ­politischen Prozess zu definieren und zu bewilligen gilt. Wenn Verhandlungen zu einem Ergebnis geführt haben, ist der ­Prozess nicht abgeschlossen: Die Resultate müssen von der Politik genehmigt werden.

Mussten Sie als Verhandlungsführer auch Misserfolge verkraften?
Inhaltlich war das Steuerabkommen mit Deutschland wohl ein ­Erfolg, ­politisch und rechtlich – und das zählt am Schluss – aber leider nicht. Dass es ­aufgrund politischer Widerstände in Deutschland nicht umgesetzt werden konnte, wurmte mich im Nachhinein schon etwas. Man fragt sich dann, was man hätte besser machen können.

Sie standen lange im Politikrampenlicht. Wird Ihnen die Diplomatie nicht fehlen?
In der Tat. Es war spannend, im Interesse der Öffentlichkeit auf internationaler Ebene zu arbeiten. Aber auch hier an der ETH geht es ja darum, für die Schweiz tätig zu sein. Die Themen bleiben, aber der Fokus verschiebt sich auf Bildung und Forschung. Die Möglichkeit zu haben, die Forschung auf diesem Gebiet an der ETH Zürich zu vertiefen und zu vermitteln, empfinde ich als reizvoll und als Privileg. Schön wäre auch, wenn wir in diesem ­Bereich an der Eidgenössischen Hochschule die Vernetzung mit der eidgenössischen Verwaltung noch fördern könnten.

Norbert Staub und Thomas Langholz,Hochschulkommunikation, ETH Zürich.

Der Mensch

Name: Michael Ambühl
Funktion: Professor, ETH Zürich
Alter: 62
Familie: Verheiratet, ein Sohn

Karriere Der studierte Mathematiker sowie Betriebswirt (ETH Zürich) war von 1982 bis 2013 im diplomatischen Dienst der Schweiz tätig, zuletzt als Staatssekretär für internationale ­Finanzfragen (SIF). Seit diesem September ist er ordentlicher Professor für Verhandlungsführung und Konfliktmanagement an der ETH Zürich.

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