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Akademisierung
Was Mark Zuckerberg richtig machte

Universität Bern: 142´000 Studierende besuchen derzeit Schweizer Hochschulen.   Keystone

In Grossunternehmen sind die Führungsgremien fest in Händen von Hochschulabsolventen. Dennoch ist das klassische Studium längst nicht der einzige Weg zum Erfolg - wie prominente Beispiele zeigen.

Von Helga Wienröder
am 02.04.2014

Gegenwärtig studieren über 142´000 junge Leute an den zwölf universitären Hochschulen der Schweiz – und nochmals rund 75´000 an den neun Fachhochschulen des Landes. Die Frage stellt sich: Finden die alle einen Job? Studieren lohnt sich auf jeden Fall, so die Entwarnung der neusten Indikatoren «Education at a Glance 2013» der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Die ausgebildeten Akademiker verlieren seltener ihre Arbeit und verdienen deutlich mehr, sie leben gesünder und länger.

Wer möchte nicht so happy sein? Schliesslich geht es auch um Erfolg, Prestige und viel Geld. Für Philippe Hertig, Leiter von Egon Zehnder International (Switzerland) in Zürich, ist klar, dass ein qualifizierter Tertiär-A-Abschluss Voraussetzung für solche Positionen ist. «Mit der Internationalisierung der Geschäftsaktivitäten und somit der Geschäftsleitungen ist die Bedeutung einer soliden akademischen Aus- und Weiterbildung gestiegen.» Für Hertig mag der Tertiär-B-Abschluss ­einer Berufslehre allein in kleinen oder von einer Familie geführten Unternehmen angehen, in grösseren kaum.

Geniale Studienabbrecher

Es gibt hochbegabte Einzelkämpfer, Idealisten und Tüftler, die den Hörsaal mit einer Garage tauschen, um ihren Ideen Raum für eigene Entwicklungen zu geben. Die berühmtesten Beispiele sind wohl Bill Gates, Mark Zuckerberg und Steve Jobs – oder Richard Branson (Virgin Group), Erich Sixt (Sixt Autovermietung) und Nick Hayek (Swatch Group). Sie hängten das Studium an den Nagel, auch wenn man vermuten kann, dass ­einige Ideen bereits während dieser Zeit an den Universitäten gereift sind.

Microsoft-Gründer Bill Gates verliess Harvard 1975. 2014 wurde er von «Forbes» mit einem geschätzten Vermögen von 76 Milliarden Dollar erneut zum reichsten Mann der Welt gekürt. Auch Steve Jobs und Steve Wozniak schmissen ihre Studien hin und gründeten Apple. Der jüngste Selfmade-Milliardär Mark Zuckerberg, zuvor Psychologiestudent ohne ­Abschluss, wurde mit der Erfindung von Facebook vor zehn Jahren berühmt und berüchtigt. Sein Vermögen wuchs laut «Forbes» von 15,2 Milliarden Dollar auf 28,5 Milliarden Dollar an. Peter Thiel, der in Deutschland geborene Milliardär, der mit Paypal reich wurde, hat aus solchen Erfahrungen Konsequenzen gezogen. «Mit meiner Stiftung will ich Stipendien an Studienabbrecher vergeben, die das Zeug zum Unternehmer haben.» Wenn auch etwas bescheidener als die Bill & Melinda Gates Foundation, die sich unter anderem auch der Bildung verschrieben hat.

Studienabbrecher hinterlassen zwar Lücken in den Hörsälen, aber revolutionieren anderswo die Wirtschaft und bewirken so das Entstehen von Tausenden und noch mehr neuer Arbeitsplätze. In Deutschland sieht die Bundesbildungs­ministerin Johanna Wanka das Problem der Studienabbrecher kritischer. Ihr Vorschlag lautet: «Studienabbrecher sollen Handwerker werden.» Es gehe zu viel ­Potenzial verloren. Sie plant eine Allianz zwischen Handwerk und Hochschule.

Besserverdiener von morgen

Für Studierende, die das Zeug zum Erfinder nicht haben, zahlen sich die Jahre an den Hochschulen auf jeden Fall aus, so die neuesten OECD-Indikatoren «Education at a Glance 2013». Das Bildungs­niveau hat enorme Auswirkungen auf die Beschäftigungsfähigkeit: Im Durchschnitt aller 34 OECD-Länder waren 2011 nur 4,8 Prozent der Personen mit Tertiärabschluss arbeitslos, bei Menschen ohne Sekundarabschluss waren es 17,6 Prozent. Die ­Beschäftigungssituation der 25- bis 34-jährigen Schweizer Studierenden im Ter­tiärbereich ist mit 91 Prozent Anstellungserfolg sehr komfortabel.

«Studenten sind die Besserverdiener von morgen», sagt der deutsche Bildungsökonom Ludger Wössmann, Sprecher des Advisory Board des Swiss Leading House «Economics of Education» an den Universitäten in Zürich und Bern. Für Akademiker gehe das Risiko, arbeitslos zu werden, stark zurück. «Es geht nicht nur um Geld, sondern auch um Sinnerfahrung», ergänzt Wössmann.

Der Akademikerschwemme steht hierzulande derzeit ein grosses Angebot von rund 8500 offenen Lehrstellen gegenüber. Das im Auftrag des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) im August 2013 erstellte Lehrstellenbarometer zeigt mit 93 500 Eintritten im Vergleich zu 96´500 im Vorjahr ein leicht gesunkenes Interesse an einer beruflichen Grundbildung. Die aktuellen Eintrittszahlen vom März 2014 sind mit 77´101 auf dem tiefsten Stand. Die unbesetzten Lehrstellen sind vorwiegend bei den technischen Berufen, Bau/Architektur und Dienstleistungen angesiedelt. «Junge Leute gehen lieber ins Gymnasium als an die Werkbank», klagt der Branchenverband der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (Swissmem) und bringt dazu Vorschläge: Eltern sollen Kinder bereits vor der Berufswahl für die Technik begeistern und entsprechende ­Angebote der Industrie prüfen.

Interessant war auch der Auftritt von Mauro Dell’Ambrogio, Staatssekretär für Bildung, Forschung und Innovation. Für den Chefbeamten ist die Durchlässigkeit heute das Wichtigste. «Es ist schwierig, das Schweizer Bildungssystem zu kopieren», betonte er kürzlich in der Sendereihe «Echo aus dem Hörsaal» von Radio SRF1. Dem schliesst sich Martin Ghisletti, Leiter des Career Center der ETH Zürich, an: «Mit unserem dualen Bildungssystem wird glücklicherweise die mögliche Tragweite des Entscheids, ob ein Kind ans Gymnasium geht oder eine Berufslehre anstrebt, entschärft. Ich habe schon mehrere ETH-Absolventen, die früher eine Berufslehre absolviert hatten, angetroffen. Ihre Erfahrung aus der Praxis, kombiniert mit dem Studium, ist für Unternehmen äusserst ­interessant.»

Eigene Wege gehen viele Grossunternehmen, darunter beispielsweise die Credit Suisse. Sie fördern den Nachwuchs aktiv und bieten Lernenden, Mittelschulabsolventen und jungen Akademikern Lehr- und Praktikumsstellen, mehrmonatige Einstiegsprogramme sowie vielseitige Berufsausbildungen. Zusätzlich zur Lehrstelleninitiative investiert die Schweizer Grossbank rund 30 Millionen Franken in Ausbildungsprogramme, die Jugendliche bei der Lehrstellensuche und der Integration in den Arbeitsmarkt unterstützen.

Für Lehrlinge mit einer Berufsmatu­rität, die einen weiteren grossen Schritt Richtung Tertiär-A-Studium wagen wollen, gibt es eine Möglichkeit: Mit einer Zusatzprüfung, der sogenannten Passerelle, können sie nach der Berufsmaturität auch an den universitären Hochschulen beziehungsweise Fachhochschulen studieren.

Musterbeispiel Sergio Ermotti

Das duale Bildungssystem ist schon seit einer Weile auf dem Erfolgstrip. Ein gutes Beispiel dafür ist Sergio Ermotti. Der heute 54-jährige CEO der UBS absolvierte noch klassisch eine Banklehre bei der Cornèr Bank in Lugano. Dann folgten die Karrierebausteine: Das eidgenössische Diplom als Bankfachexperte und das Advanced Management Program der Oxford University, Handel mit Aktienanleihen an der Citibank in Zürich, danach Resident Vice President.

1987 folgte der Wechsel zu Merrill Lynch, anschliessend zur Unicredit, immer mit neuen Führungsbereichen und Herausforderungen. 2011 kam er zur Schweizer Grossbank, wo er noch im gleichen Jahr zum Konzernchef befördert wurde. Eine beispiellose Patchwork-Kar­riere – ganz ohne Hochschulstudien.

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