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Wie der Auslandaufenthalt zum Karrierekiller wird

Werbung in Thailand: Auslanderfahrung als Chance oder Karrierekiller? Keystone

Schadet der Auslandaufenthalt mehr, als er nützt? Auf Karriereplattformen häufen sich enttäuschte Berichte. Dies, nachdem Auslanderfahrung lange Zeit als unverzichtbarer Teil der Laufbahn galt.

Von Stefan Mair
am 02.12.2015

Bisher galt ein Auslandaufenthalt als ein unverzichtbarer Teil jeder erfolgreichen Karriere. Wer schnell aufsteigen wollte, brauchte neben Vitamin B und viel Fachkompetenz möglichst viel Exotik in seinem Curriculum Vitae. Beginnen soll die Auslandsause bereits in Studenten­jahren. Positionen in verschiedenen Ländergesellschaften des Mutterkonzerns sollen optimalerweise folgen. Auslandaufenthalt ist gleich Aufstieg. Dieser Formel hat bisher kaum jemand widersprochen.

Auf Karriereplattformen wie Xing werden aber zunehmend kritische Stimmen laut. Sie sagen: Der Auslandaufenthalt hat meine Karriere blockiert oder sogar beendet. Nach meiner Rückkehr hatten die Kollegen einen uneinholbaren Vorsprung, ich wurde nicht mehr in das Team integriert. Bei neuen Bewerbungen wurde mir der Aufenthalt als Schwäche ausgelegt.

Den Anschluss verloren

Ausgelöst hat die Online-Debatte Volker Müller-Behncke. Er erklärte in einem Xing-Beitrag: «Von meinen sechs Jahren im Ausland habe ich mich bis heute nicht erholt. Beruflich jedenfalls. Personaler sagen nach einem kurzen Blick auf meinen Lebenslauf: Der ist aber erklärungsbedürftig. Und meinen dabei doch etwas anderes: Sie sind ein aussichtsloser Fall.»

Müller-Behncke behauptet, dass seine Auslanderfahrung Zweifel an der Leistungsbereitschaft, am Karrierewillen, an der Fachkompetenz und an der Zielstrebigkeit ausgelöst hat. «Sie haben den Anschluss verloren», sagte mir ein Personalberater im Gespräch, «fachlich und sozial.» Inzwischen hat sich Müller-Behncke selbstständig gemacht: «Seien wir ehrlich: Wer noch Karriere machen möchte, sollte im Land bleiben. Auslandjobs lohnen nur für den, der ­danach selbstständig arbeiten möchte oder gleich danach in Rente geht.»

Landesgrenzen viel präsenter

Beschreibt der Xing-Beitrag, der die Debatte ausgelöst hat, einen Einzelfall oder ist er ein Symptom für ein übergeordnetes Phänomen, das bisher ignoriert wurde? Tatsächlich ist es auffällig, dass es bisher fast keine kritischen ­Beiträge zum Thema Auslandaufenthalt gab. Hunderttausende pilgern jedes Jahr ins Ausland, Expatprogramme breiten sich immer mehr aus, und Agenturen, die Mitarbeiter im Ausland betreuen, boomen. Sind Auslandaufenthalte nun Karrierekiller oder nicht?

Der Personalberater Chistoph Kleinen, Partner bei Heidrick und Struggles stimmt den Beiträgen auf den Karriere­plattformen zu. «Die Welt wird immer globaler, aber in der Praxis erleben wir Personalberater derzeit genau das ­Gegenteil: Landesgrenzen sind in vielen Fällen heute sehr viel präsenter als noch vor ein paar Jahren. Unternehmen suchen ihre Kandidaten immer noch vorrangig im Heimatmarkt.» Zugleich gebe es immer ­weniger Mitarbeiter, die bereit sind, ins Ausland zu gehen.

«Diese Entwicklung ist bedenklich»

Nach Meinung des Personalexperten bevorzugen viele Mitarbeiter eher die «Ausland Light»-Variante. Also eine möglichst kurze Auslandphase, vielleicht sogar noch während des Studiums oder in den ersten ­Berufsjahren. «Diese Entwicklung ist bedenklich», so Kleinen. «Mittelständler müssen ihre Expansions­pläne in manchen Wachstumsplänen eindampfen, weil sie den Mitarbeitern vor Ort das mitunter sehr spezielle Know-how erst beibringen müssen.» Dabei sagen mehrere Personalexperten, dass Mitarbeiter, die im Ausland waren, überdurchschnittlich flexibel und motiviert sind.

Ein interessanter Nebenaspekt ist, dass die Lust auf das Ausland vor allem in den deutschsprachigen Ländern nachzulassen scheint und einer gewissen Bequemlichkeit weicht, wie Caro­line Dépierre vom trendence Institut ­erklärt.

Branchenspezifische Aspekte bedenken

Karriereberater empfehlen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, sich möglichst früh zu überlegen, welche Art von Karriere sie anstreben. «Bin ich so heimatverbunden, dass ich einen Umzug ausschliesse? Wie hoch ist ­meine Risikobereitschaft? Was möchte ich erreichen? Gerade die sogenannte Generation Y tendiert dazu, auch beruflich vor sich hin zu leben. Was man sich aber immer klarmachen sollte: Manche Entscheidungen erhöhen die Optionen, die man später hat, manche limitieren sie», so der Personalexperte Kleinen.

Firmen und Arbeitnehmer sollten daher vor jedem Auslandaufenthalt ihre Ziele und Erwartungen definieren. Zudem sind branchenspezifische Aspekte zu bedenken. In manchen expor­t­orientierten Bereichen ist ein Auslandaufentalt der Karrierebooster, während er in Unternehmen, wo sich alles Entscheidende im Heimatmarkt abspielt, eher ausbremsend für die Karriere wirken kann.

Ansprechpartner einfordern

Bei Firmen, die die Problematik erkannt haben, werden Positionen, die Expats bei ihrer Rückkehr erhalten, vorgängig festgelegt. Zudem wird ein ­fixer Ansprechpartner in der Abteilung definiert, in die der Expat wieder zurückkommt. Und in diesem Bereich gibt es wahrscheinlich momentan die grössten Mängel. Während Firmen die meisten Expats intensiv während ­ihres Auslandaufenthalts betreuen und ­unzählige Beratungsagenturen damit beauftragen, lässt der Einsatz vor und nach dem Aufenthalt zu wünschen übrig.

Hier liegt die Hauptverantwortung wohl bei der Personal­abteilung, die ein umfassendes, alle Phasen des Auslandaufenthalts, inklusive Reintegration, enthaltendes Mass­nahmenpaket schnüren muss. Für Mitarbeitende, die sich fürs Ausland interessieren, ist es gut, dass die De­batte um Auslandaufenthalte realis­tischer wird und endlich auch die ­Risiken ­beleuchtet, die man durchaus professionell angehen kann – wenn die Firma denn will.

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