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Online-Education
Wirbel im Universum des Wissens

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  Julien Christen/Pixelio

Nicht alles Wissen im Internet soll gratis sein. Das Zürcher Startup Diplomero lanciert deshalb eine kostenpflichtige Plattform.

Von Alice Baumann
2014-01-29

Der letzte Unterrichtstag des CAS-Lehrgangs Social Media Management an der Hochschule für Wirtschaft Zürich (HWZ) war angebrochen, als Überraschungsgast Andreas Von Gunten dozierend durchs Klassenzimmer fegte. «Motiviert eure Kinder und Patenkinder, Neffen, Nichten und Nachbarskinder dazu, Englisch zu lernen. Denn Englisch wird ihnen das Internet und damit das gesamte Wissen unserer Welt eröffnen.»

Wie ein Magier erhob der Internet-Pionier und Inhaber des Buch- und Online- Verlags Buch & Netz seine Stimme und symbolisierte mit weit ausgebreiteten Armen, wie schnell die unendlich grosse Welt des Internets wächst und dass sie nur darauf wartet, erforscht zu werden. «Stellt euch eine Welt vor, in der jeder Mensch an der Gesamtheit des Wissens teilhaben kann.» Die Zeit universitärer Elfenbeintürme und geschlossener Lehrveranstaltungen sei vorbei. «Die Institutionen öffnen sich, sie teilen ihren Wissensschatz zunehmend ohne Anforderungen an Zulassungen und Semestergebühren. Wissen wird zum Gemeingut und damit günstig bis gratis. Inhalte können frei genutzt werden wie in Wikipedia», rief der Dozent in den Raum.

Lernen unabhängig von Lehrplänen

Vorerst reagierte die Klasse etwas verwirrt auf die leidenschaftliche Vorlesung, doch als Von Gunten ihr die Khan Academy vorstellte, begann sie zu begreifen. Die von Salman Khan gegründete virtuelle Universität erlaubt ihren Schülern, ihr Lernen unabhängig von Lehrplänen zu gestalten. Sachliche Videolektionen von maximal 10 Minuten Dauer ersetzen den Unterricht physisch anwesender Lehrkräfte. Angeleitet von einer Wissenskarte, eignen sich die Kinder den Lernstoff zum individuell gewählten Zeitpunkt in ihrem eigenen Tempo an. Die Filme können sich die Schüler so oft ansehen, bis sie den Inhalt verstanden haben.

Ein kompletter Paradigmenwechsel war also das Thema: Lernende sind keine Gefässe mehr, in die Wissen geträufelt wird, sondern sie gestalten ihren Wissenserwerb dank sogenannten MOOC – Massive Online Open Courses – aktiv und intrinsisch motiviert. Dies gilt für Kinder wie für Jugendliche, aber auch für Erwachsene, welche sich weiterbilden wollen.

Die Modernisierung des Bildungssystems via Internet haben sich seit dieser Vorlesung vor gut einem Jahr viele Institutionen vorgenommen. Bildungsinitiativen wurden lanciert und Startups gegründet. Eines davon ist die in Zürich 2013 gegründete Diplomero AG. Sie bietet mit der Online- Education-Plattform Diplomero.com einer breiten Bevölkerungsschicht Online- Kurse an und unterstützt mit ihrer Software Educatorly Bildungsinstitute bei der Umsetzung von Online-Learning- Strategien. Allerdings nicht kostenfrei und auch nicht mit der Absicht, Bildungsinstitute zum Verschenken ihrer Angebote anzuregen, ganz im Gegenteil.

Max Meister, Dozent an der Fachhochschule Zürich und Mitbegründer der Diplomero AG, hat gemeinsam mit Diplomero- Redaktor Eddie Brand sowie Donatus Berlinger von der Pädagogischen Hochschule Luzern eine kontroverse Publikation zum Thema MOOC veröffentlicht. Titel und Fazit des Papiers lauten: «Bildung darf nicht gratis sein!» Schliesslich sei kostenlos meistens ein Synonym für wertlos. Gemäss Meister und seinen Mitstreitern sollten online verfügbare Bildungsangebote trotz aller Teilbarkeit nicht unbeschränkt und kostenlos verfügbar sein.

Als Begründung führt Meister die oberflächliche Nutzung der kostenlosen Bildungsangebote an: «MOOC haben eine durchschnittliche Abbruchquote von 93 Prozent.» Viele Institute böten MOOC aus Imagegründen an – statt ihren tatsächlichen Unterricht weiterzuentwickeln. Bei seiner Kritik bezieht sich Max Meister unter anderem auf die TV-Sendung «10 vor 10» vom 5. August 2013, laut der die Eidgenössische Technische Hochschule Lausanne (EPFL) pro Semester eine halbe Million Franken in zehn MOOC investiere.

Patrick Aebischer, Präsident der EPFL Lausanne, präzisiert den TV-Beitrag wie folgt: «Die Aussage, dass MOOC kostenlose Bildung anbieten, basiert auf einer verzerrten Wahrnehmung des Bildungsbegriffs selbst. MOOC bieten lediglich kostenlosen Zugang zu den Bildungsinhalten per Online-Kurs. Dies bringt viele Vorteile mit sich. Studierende können sich selbst ein Bild machen dazu, ob das Angebot auf sie zugeschnitten ist. Und potenzielle Studierende, welche nicht über die Mittel verfügen, kostspielige Online-Angebote zu erwerben – zum Beispiel in Entwicklungsländern –, können auf diese Inhalte zugreifen.»

Abbruchquote die falsche Messlatte

Die sogenannten Abbruchquoten basierten auf einem fundamentalen Missverständnis, argumentiert der EPFL-Präsident. «Man zählt hier alle registrierten Studenten, obwohl die Erfahrung zeigt, dass rund zwei Drittel der Studenten den Kurs nach der Registration nie beginnen.» Die Erfolgsquote unter den Studierenden, die einen Kurs begännen, sei deutlich höher, so Aebischer.

«Kostenpflichtig sind alle zusätzlichen Services wie persönliches Tutoring, Prüfungen und zusätzliche On-Campus-Education, wie die Initianten von Diplomero sehr richtig bemerken. Das Wichtigste für die Qualität der Lehre sind die Qualität der Lehrenden und deren Motivation. Dadurch, dass MOOC von den besten Universitäten angeboten werden und die Lehrmaterialen global sichtbar sind, ist beides gegeben.» In wenigen Monaten haben MOOC mehr Impact auf die Lehre und deren Qualität gehabt als bezahlte Online-Lehrangebote in Jahrzehnten zuvor, freut sich Aebischer.

Die Initianten von Diplomero betonen, dass die Qualität der Lehre an den Bildungsinstituten nicht durch das Vorhandensein von MOOC verbessert werde, sondern durch moderne Werkzeuge für die Produktion und Verwaltung von Online-Lerninhalten. Diese komme nicht einzelnen Angeboten, sondern sämtlichen Kursen, der ganzen institutionellen Infrastruktur und allen tatsächlich dort Studierenden zugute. «Die revolutionäre Zukunft der Lehre liegt nicht in MOOC begründet, sondern in zeitgemässer Online- Education», betont Meister. Dazu gehöre auch das Blended Learning, eine Kombination aus Präsenzveranstaltungen und Online-Education.

Gegner der Gratisprogramme

Dass Bildungsinstitute ihr spezifisches Wissen gratis anbieten, lehnt Meister komplett ab. «Sie verlieren dadurch ihr Differenzierungsmerkmal.» Die Bildungsinhalte würden sich immer mehr den tiefen Erwartungen des Mainstreams annähern», so Meister. Zudem könnten die hohen Kosten von MOOC der Anlass sein dafür, die Bildungslandschaft auszudünnen und die Wissensvermittlung auf eine Handvoll Online-Universitäten zu reduzieren, was nicht im Sinn der breiten Bevölkerung sei. Es gehe nicht an, durch die idealtypische Kostenlosigkeit die Akademien in eine ähnlich prekäre Existenzkrise zu stürzen wie die Zeitungsverlage. «Wissen ist der Rohstoff der Zukunft, damit das wertvollste Gut der Welt. Wird es gratis zur Verfügung gestellt, verliert es dramatisch an Wert.»

Als Einnahmequellen listen die Betreiber der Diplomero AG folgende Möglichkeiten auf: Die Studierenden bezahlen entweder Teilnahmegebühren für die Kurse, Prüfungsgebühren für physische Tests, Zertifizierungsgebühren bei erfolgreichem Kursabschluss oder Gebühren für die Hilfe durch einen professionellen Tutor. Oder Unternehmen bezahlen für die mögliche Rekrutierung geeigneter potenzieller Angestellter oder für personalisierte Kurse zur Mitarbeiterausbildung. Solche Massnahmen würden das Zustandekommen und die Pflege einer wertvollen Bildungssphäre unterstützen, glauben die Initianten von Diplomero.

Diplomero: So wird das Lernen revolutioniert

120 Dozierende
Die Diplomero AG in Zürich ist ein junges Unternehmen, das mit der Online-Education-Plattform Diplomero. com einer breiten Bevölkerungsschicht Online-Kurse anbietet und mit ihrer Software Educatorly Bildungsinstitute bei der Umsetzung von Online- Learning-Strategien unterstützt. Bis heute konnte Diplomero 120 Dozierende verpflichten.

Online-Zeitalter
Ein Drittel der Weltbevölkerung hat offenbar Internetzugang. Dank mobilem Internet bewegt sich ein grosser Teil davon in einem omnipräsenten digitalen Raum. Seit einem Jahrzehnt wachsen Menschen als sogenannte Digital Natives auf; sie kennen nichts anderes als das Vorhandensein des Internets, sozialisieren sich online und informieren sich vorwiegend im Internet. Obwohl Online-Learning genauso alt ist wie das World Wide Web, steckt es noch in den Kinderschuhen. Viele Bildungsinstitute scheuen die Investition in Formen, die den traditionellen Präsenzunterricht mit Online- Education verbinden oder auf Ersteren sogar verzichten. Und doch lautet das neue Schlagwort MOOC (ausgesprochen: Muhks). Diese Massive Open O nline Courses verzichten auf Zugangsbeschränkungen und Teilnehmerbegrenzungen. Die kursähnliche Organisation bezieht sich auf die Gemeinschaft, welche die Lerneinheit zeitlich startet und beendet, sich darüber austauscht und dementsprechend von einer Lehrperson online betreut wird.

 

Webseite von Diplomero

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