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Berufsorientierte Weiterbildung
Wirtschaftspolitik ist auch Bildungspolitik

Rudolf Strahm, Präsident Schweizerischer Dachverband für Weiterbildung SVEB

Wer kennt schon die berufsorientierte Weiterbildung und die Höhere Berufsbildung? Sie ist selten im Gespräch. Die Akademiker wissen meist nicht, was dahintersteckt.

Von Rudolf Strahm
am 27.08.2014

Sie wird verkannt. Wer weiss schon, dass den jährlich rund 28 500 Diplomierten der Hochschulen – Universitäten, Eidgenössische Technische Hochschulen (ETH), Fachhochschulen; ohne Diplomdoppelzählungen – rund 27 000 Abschlüsse in der Höheren Berufsbildung gegenüberstehen?

Und wer weiss schon, dass von allen Bildungsstufen die Absolventen mit Höherer Berufsbildung zahlenmässig die begehrtesten Fachkräfte sind? Zahlenmässig sind sie begehrter als Berufslehreabsolventen und auch begehrter als Hochschulabsolventen. Dies geht aus den Unternehmensbefragungen des Bundesamts für Statistik (BfS) hervor.

KMU wissen um den Wert ihrer Absolventen – Akademiker nicht

Die KMU-Wirtschaft weiss demgegenüber sehr wohl, was Höhere Berufsbildung und berufsorientierte Weiterbildung bedeutet. Denn deren Absolventen sind ­heute die tragenden Kader in der KMU-Wirtschaft. Früher hiessen sie Meister oder Polier. Heute heissen sie beispielsweise Techniker, Betriebs- oder Verkaufs­leiter, Technischer Kaufmann oder Wirtschaftsinformatiker. Insgesamt 500 Diplombezeichnungen der Höheren Berufsbildung, kurz HBB genannt, sind mittlerweile eidgenössisch anerkannt.

In der Höheren Berufsbildung gibt es drei Abschlüsse: Die eidgenössische Berufsprüfung (BP), die Höheren Fachschulen FH – nicht zu verwechseln mit den Fachhochschulen (FH) – und als höchste Stufe die eidgenössischen Höheren Fachprüfungen (HFP). Sie laufen unter dem Überbegriff Tertiär B – Tertiär A steht für die Hochschulen – und erfordern vorgängig eine abgeschlossene Berufslehre mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ). Daneben gibt es zahlreiche Lehrgänge der berufsorientierten Weiterbildung, die im nichtformalen Bereich angesiedelt sind und keine eidgenössisch anerkannten Abschlüsse aufweisen.

Die Höhere Berufsbildung wird mehrheitlich berufsbegleitend an Abenden und an Samstagen besucht. Die Fachlehrer stehen meist in der Praxis und bringen stets die neusten Technologiekenntnisse sowie das neuste Prozesswissen in den Unterricht. Von allen Bildungsstufen ist heute die Höhere Berufsbildung das wichtigste Instrument der Technologiediffusion, namentlich in der KMU-Wirtschaft.

Die neuen Technologien wie Solaranlagen, Wärmepumpen, Sensor- oder Gebäudeautomation werden durch die Höhere Berufsbildung vermittelt. Ohne sie würde die energiepolitische Wende abstürzen. Die neusten Rechnungslegungsstandards und Wirtschaftsprüfungsmethoden kamen über die Höhere Berufsbildung des kaufmännischen Personals in die Firmen. Die vollständige Verankerung der neusten Informationstechnologien wäre ohne das System der Höheren Berufsbildung schlicht undenkbar.

Höhere Berufsbildung mussstaatlich unterstützt werden

Die Höhere Berufsbildung hat allerdings zwei Schwächen: Die erste ist die teure Ausbildung. Ein grosser Teil wird privat finanziert. Die Studiengebühren be­tragen 4000 bis zu 9000 Franken pro Jahr, während ein gleichaltriger Hochschul­studierender im Mittel 1500 Franken pro Jahr bezahlt. Oft übernimmt der Arbeit­geber einen Teil der Kosten, jedoch mit goldenen Fesseln. Der Absolvent muss zwei, drei Jahre nach Abschluss in der Firma­ bleiben, sonst ist die Finanzierung zurückzuerstatten. Diese ungleichen Spies­se lassen sich weder bildungspolitisch noch ökonomisch rechtfertigen.

Die KMU-Szene und der Gewerbeverband fordern zu Recht ein stärkeres finanzielles Engagement. Der Bundesrat will den Forderungen entgegenkommen, allerdings nur mit einer Zusatzverpflichtung von 60 bis 100 Millionen Franken pro Jahr. Der Gewerbeverband hatte 400 bis 500 Millionen Franken gefordert.

Noch gravierender ist der Nachteil der Höheren Berufsbildung durch die fehlende Titeläquivalenz. Es gibt zwar insgesamt 500 Abschlüsse in diesem Bereich, aber man kennt keinen einheitlichen, übergreifenden Titel, wie dies in den Hochschulen mit Bachelor, Master und Doktor der Fall ist. Auslän­dische Universitätsabsolventen, die mit hochtrabenden akademischen ­Titeln daherkommen und längst nicht die Praxisleistungen der hier ausgebildeten Absolventen der Höheren Berufsbildung erbringen, werden in grossen Unternehmen oft vorgezogen.

Titelmässige Aufwertung darf nicht länger verhindert werden

Der Nationalrat hat in der Juni-Session mit 93 zu 80 Stimmen eine Motion des Berner Nationalrats Matthias Aebischer angenommen, die zusätzlich zu den deutschen Diplombezeichnungen die übergreifenden Titel des «Professional Bachelor» beziehungsweise «Professional Master» für die Absolventen der Höheren Berufs­bildung einführen will. In den Berufsbildungsländern Deutschland und Österreich laufen ähnliche Bestrebungen.

Bisher wurde diese titelmässige Aufwertung der Höheren Berufsbildung vom zuständigen Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) sabotiert. Es treibt an allen Ecken auf subtile Weise die Akademisierung des Bildungswesens voran.

Die Höhere Berufsbildung und später genauso die Ausführungsverordnungen des neuen Weiterbildungsgesetzes stellen ­derzeit die grössten Baustellen in der Bildungslandschaft dar. Sie werden die Entwicklung der Wirtschaft, explizit der KMU-Wirtschaft, entscheidend prägen. Noch nicht alle Firmenchefs haben begriffen, dass Bildungspolitik auch Wirtschaftspolitik bedeutet – und umgekehrt Wirtschaftspolitik auch Bildungspolitik.

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