Die UBS übernimmt die Credit Suisse. Noch vor wenigen Tagen hätten wir eine solche Entwicklung für unmöglich gehalten. Genauso wenig hätten wir es für möglich gehalten, dass eine Grossbank wie die Credit Suisse in ihrer Existenz bedroht sein kann. Immerhin hält sie laut ihren letzten veröffentlichten Zahlen alle seit der Finanzkrise verschärften Anforderungen ein, sowohl in Bezug auf die verlangten Kapitalpuffer wie auch in Bezug auf die Liquidität. 

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Die letzten Tage haben gezeigt: Solche Puffer werden bedeutungslos, wenn das Vertrauen dahin ist. Liquidität löst sich in Luft auf, wenn ein Sturm auf eine Bank erfolgt, egal wie hoch diese Puffer sind. Ein solcher Sturm, ein «Rette sich wer kann» der Kundschaft hat auch bei der Credit Suisse letzte Woche stattgefunden. Selbst der Notkredit der Nationalbank im Umfang von 50 Milliarden Franken konnte die Bank nicht mehr stabilisieren. 

Dabei hat man uns nach der Finanzkrise versichert, die ergriffenen Massnahmen, Regulierungen und Anforderungen an die Banken würden das System absichern, eine Staatsrettung werde nicht mehr nötig sein. Diese Sicherheit ist nun dahin, und das hat Folgen über das Schicksal der Credit Suisse hinaus. 

Der Wert des Vertrauens

Es ist wahr, ausgelöst wurde der Sturm auf die Credit Suisse letzte Woche durch den Zusammenbruch der Silicon Valley Bank in den USA, die nichts mit der Schweizer Grossbank zu tun hat. Und doch ist der Untergang der Credit Suisse hausgemacht. Angesichts ihrer vielen Skandale, Fehlgriffe, enormen bisherigen und weiter zu erwartenden Verluste verfügt sie über kein Vertrauen mehr.

Dieses Vertrauen ist wichtiger als Kapital- oder Liquiditätspuffer. Es ist zum einen Grundlage des Hauptgeschäfts der Schweizer Grossbanken, der Vermögensverwaltung der Reichsten der Welt. Und vor allem wegen des verlorenen Vertrauens war die Credit Suisse prädestiniert dazu, angesichts der Stürme auf den Finanzmärkten letzte Woche einzuknicken. Sie war das offensichtlich schwächste Glied in einer Kette, die seit einer Woche heftigem Druck ausgesetzt war. Ihr Untergang ist nicht nur ein Drama für viele Mitarbeitende, deren Job jetzt gefährdet ist. Sie stellt eine nur schlecht verkappte Staatshilfe dar, weil die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler über Garantien des Bundes für Kredite an die übernehmende UBS mit im Risiko stehen. Schliesslich ist der Untergang der Credit Suisse verheerend für die ganze Schweiz. Ihr Ruf als Hort der Stabilität erhält dadurch einen herben Schlag. Das ist besonders in der aktuellen instabilen Weltlage und den auch sonst aufkommenden Zweifeln an der Schweiz das letzte, was wir noch gebraucht hätten.

Gesichert ist noch gar nichts

Dazu kommt, dass mit dem aktuellen Rettungsplan die Probleme nicht aus der Welt sind. Wir wissen nicht, wie diese Übernahme das Geschäft, den Ruf und die Kosten der UBS beeinflusst, wie sich die beiden Kulturen und Systeme vereinen lassen und ob die UBS am Ende auch Schaden nimmt. Von sich aus hätte sie eine solche Übernahme nicht gewollt. Und wenn künftig auch die dann noch grössere und einzige Schweizer Grossbank ins Straucheln gerät, sind die Risiken für die gesamte Schweizer Volkswirtschaft noch viel grösser, aber ein Ausweg wie jetzt bleibt nicht mehr übrig. Es ist auch daher zwingend, dass Teile der neuen Giga-Bank wieder verselbstständigt werden.

Die Gefahren sind umso grösser, als die jüngste weltweite Bankenkrise möglicherweise nicht ausgestanden ist. Ausgelöst wurde sie durch einen historisch einzigartigen Zinsanstieg der Notenbanken, um die viel zu hohe Inflation zu bekämpfen. Ändern die Notenbanken jetzt im Interesse der Finanzstabilität ihren Kurs, droht die Inflation gänzlich ausser Kontrolle zu geraten. Auch auf diesem Weg würden Kosten für die Rettung der Credit Suisse und der Banken generell erneut der Allgemeinheit in Rechnung gestellt. 

Genau darin besteht die wichtigste Parallele zur Finanzkrise von 2008. Wir alle sind noch immer in Geiselhaft der Banken. Ihren Untergang können wir uns sowenig leisten wie damals. Die Verantwortlichen kassieren ab, am Ende bezahlt die Allgemeinheit die Zeche. Das ist nicht im Sinn einer funktionierenden Marktwirtschaft, diesem Motor der wirtschaftlichen Entwicklung, unseres Wohlstands. Sie würde vorsehen, dass jene für Folgen und Kosten aufkommen, die sie verursachen.

Jetzt aber zeigt sich erneut, dass bei den Bankern die Regel weiter Bestand hat: Gewinne privat, Verluste dem Staat. Das setzt nicht nur verheerende Anreize und gefährdet die Finanzstabilität, das untergräbt auch die Legitimation unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems. Darin besteht die grösste Gefahr.

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Markus Diem Meier
Markus Diem Meierist Chefredaktor der Handelszeitung.Mehr erfahren